Softwareflops Pleiten, Pech und Pannen

Die Lkw-Maut steht für einen der großen Softwareflops in Deutschland. Schon droht das nächste Desaster: die Gesundheitskarte. Die Liste der misslungenen Softwareprojekte ist lang. Doch nicht nur der Bund kämpft mit derartigen Schwierigkeiten, auch Unternehmen sind oft nicht klüger, berichtet Andreas Bitterer, Analyst bei Metagroup.

Hamburg - Der Tag X für die Lkw-Maut steht an. Wird das System ab kommendem Jahr funktionieren oder wieder in einem desaströsen Nichts enden wie im vergangenen Jahr? Zuversicht wird verbreitet, BDI-Präsident Michael Rogowski spricht inzwischen schon vom Exportschlager. Softwareexperten sind indes skeptisch: Einen Live-Test mit einigen 100.000 Nutzern gleichzeitig gab es bisher noch nicht. Und selbst das Toll-Collect-Management warnt, dass nicht alles von Anfang an funktionieren wird.

Es scheint fast wie eine Gesetzmäßigkeit zu sein, dass Softwareprojekte der öffentlichen Hand zum Scheitern verurteilt sind, zumindest aber nicht ohne große Probleme daherzukommen. Die Liste ist bereits jetzt schon lang und sie wird womöglich noch länger: Lkw-Maut, die Software für Hartz IV, Herkules, die Finanzamtsoftware Fiscus, der virtuelle Arbeitsmarkt unter Arbeitsagentur.de, die Gesundheitskarte und der Polizeifunk.

Warum aber machen derartige Vorhaben so große Probleme? Andreas Bitterer, Analyst des Marktforschungsinstituts und Beratungsunternehmens Metagroup, wundert sich nicht. Was der Bund mit seinen Projekten erlebt, beobachte er in ähnlicher Form auch in der Privatwirtschaft, nur stünden die Unternehmen nicht im Rampenlicht, sondern könnten ihre Fehlschläge mehr oder weniger vertuschen.

"Die meisten Unternehmen haben schon Softwareflops erlebt", sagt Bitterer im Gespräch mit manager-magazin.de. Einen einzigen Schuldigen gebe es dabei aber meist nicht, sondern es seien immer verschiedene Komponenten, die zusammenträfen.

Da investiere beispielsweise ein Unternehmen zehn Millionen Euro, aber der Return on Investment (ROI) liege bei gerade mal zwei Millionen Euro, erzählt Bitterer. "So ein Projekt ist gefloppt." Unternehmen verschöben dann oft den ROI nach hinten oder rechnen ihn vorsichtshalber erst gar nicht aus. "Aber wann will denn ein Unternehmen wie Toll Collect mit der Maut etwas verdienen?", fragt sich der Manager.

Verbesserungswürdig: Das neue Online-Jobportal der Arbeitsagentur sorgte Anfang 2004 für viel Aufruhr. Statt 65 Millionen Euro kostet das Projekt voraussichtlich 163 Millionen Euro, dennoch kann die Website die Kritiker nicht überzeugen.

Verbesserungswürdig: Das neue Online-Jobportal der Arbeitsagentur sorgte Anfang 2004 für viel Aufruhr. Statt 65 Millionen Euro kostet das Projekt voraussichtlich 163 Millionen Euro, dennoch kann die Website die Kritiker nicht überzeugen.

Hartz IV: Die Software für das Arbeitslosengeld II wird im Live-Betrieb dauergetestet. Seit Oktober 2004 kämpfen die Mitarbeiter der Arbeitsagentur mit den Tücken der Software, die T-Systems immer wieder ausbessern muss. Bis Januar 2005 sollen rund 2,7 Millionen Anträge bearbeitet werden

Hartz IV: Die Software für das Arbeitslosengeld II wird im Live-Betrieb dauergetestet. Seit Oktober 2004 kämpfen die Mitarbeiter der Arbeitsagentur mit den Tücken der Software, die T-Systems immer wieder ausbessern muss. Bis Januar 2005 sollen rund 2,7 Millionen Anträge bearbeitet werden

Foto: DDP
Bundeswehr: Die IT-Systeme müssen noch auf ihre Erneuerung warten. Bisher ist der Auftrag für das milliardenschwere IT-Outsourcingprojekt noch nicht vergeben. Die Verhandlungen mit dem Konsortium Isic 21 scheiterten. Auch wenn ein zweites Konsortium in Verhandlungen treten will, wird schon über eine Aufspaltung des 6,7 Milliarden Euro schweren Auftrags nachgedacht

Bundeswehr: Die IT-Systeme müssen noch auf ihre Erneuerung warten. Bisher ist der Auftrag für das milliardenschwere IT-Outsourcingprojekt noch nicht vergeben. Die Verhandlungen mit dem Konsortium Isic 21 scheiterten. Auch wenn ein zweites Konsortium in Verhandlungen treten will, wird schon über eine Aufspaltung des 6,7 Milliarden Euro schweren Auftrags nachgedacht

Foto: DDP
Gesundheitskarte: Diese Karte soll ab Januar 2006 mehr als 80 Millionen Patienten, 270.000 Ärzte, 77.000 Zahnärzte, 22.000 Apotheken, 2000 Krankenhäuser und mehr als 300 Krankenkassen miteinander vernetzen. Experten zweifeln schon jetzt am Zeitplan und erwarten auch, dass die Kosten deutlich höher ausfallen als bisher angesetzt. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hat für dieses Projekt bis 2006 rund 80 Millionen Euro eingeplant. Das Projekt gilt als eines der größten Informationstechnikvorhaben weltweit

Gesundheitskarte: Diese Karte soll ab Januar 2006 mehr als 80 Millionen Patienten, 270.000 Ärzte, 77.000 Zahnärzte, 22.000 Apotheken, 2000 Krankenhäuser und mehr als 300 Krankenkassen miteinander vernetzen. Experten zweifeln schon jetzt am Zeitplan und erwarten auch, dass die Kosten deutlich höher ausfallen als bisher angesetzt. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hat für dieses Projekt bis 2006 rund 80 Millionen Euro eingeplant. Das Projekt gilt als eines der größten Informationstechnikvorhaben weltweit

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Funkloch des Jahrzehnts: Die Behörden wie Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen sollten eigentlich bis zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 mit einer neuen Funktechnik ausgestattet werden. Das System soll von analog auf digital umgestellt werden. Doch die Bundesländer und Bundesinnenminister Otto Schily können sich über die Finanzierung nicht einigen. Der Zeitplan ist nicht einzuhalten. Die Umstellung verzögert sich und Experten gehen davon aus, dass zum Großereignis 2006 noch einmal kräftig in das alte System investiert werden muss

Funkloch des Jahrzehnts: Die Behörden wie Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen sollten eigentlich bis zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 mit einer neuen Funktechnik ausgestattet werden. Das System soll von analog auf digital umgestellt werden. Doch die Bundesländer und Bundesinnenminister Otto Schily können sich über die Finanzierung nicht einigen. Der Zeitplan ist nicht einzuhalten. Die Umstellung verzögert sich und Experten gehen davon aus, dass zum Großereignis 2006 noch einmal kräftig in das alte System investiert werden muss

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Finanzämter: Das Unternehmen Fiscus sollte eine neue, einheitliche Software sollte für alle Finanzämter bundesweit entwickelt. Doch nach 13 Jahren Entwicklungszeit, und geschätzten Kosten zwischen 250 und 900 Millionen Euro ist das Ergebnis gleich Null. Die Finanzämter arbeiten auch weiterhin mit unterschiedlicher Software, dennoch ist der Plan seitens der Regierenden nicht aufgegeben

Finanzämter: Das Unternehmen Fiscus sollte eine neue, einheitliche Software sollte für alle Finanzämter bundesweit entwickelt. Doch nach 13 Jahren Entwicklungszeit, und geschätzten Kosten zwischen 250 und 900 Millionen Euro ist das Ergebnis gleich Null. Die Finanzämter arbeiten auch weiterhin mit unterschiedlicher Software, dennoch ist der Plan seitens der Regierenden nicht aufgegeben

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Prestigeobjekte in Schwierigkeiten
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Flops könnten aber auch anders geartet sein, berichtet der Analyst aus seiner Erfahrung. Er habe es schon erlebt, dass ein Softwareverkäufer einem Unternehmen verschiedene neue Softwaretools verkauft hatte, die auf tausenden von Desktops installiert werden sollten.

Die böse Überraschung ließ nicht lange auf sich warten: Nach kurzer Zeit war klar, dass es mehrere Jahre dauern würde, um die Tools zu installieren und live einzusetzen. In der Zwischenzeit muss das Unternehmen für die Wartung zahlen, der ursprünglich ausgehandelte Discount ist damit schnell dahin, so Bitterer.

Wenn Mitarbeiter das Vertrauen verlieren

Wenn Mitarbeiter das Vertrauen verlieren

Andererseits könne es auch passieren, dass die Unternehmensleitung sich entscheidet, ein neues CRM-Programm einzusetzen - vielleicht von SAP  oder Oracle .

Ein Dienstleister wie IBM oder Accenture werde angeheuert, der die Software integrieren soll. Es komme zum Roll-out und plötzlich stellten die Mitarbeiter fest, dass die Daten im System nicht stimmten, weil die Migration und Integration der verschiedenen Datenquellen nicht ordentlich durchgeführt wurde.

"Das ist fast wie ein Todesurteil für das Projekt", so Bitterer. Denn die Mitarbeiter nutzen die neue Lösung nicht, sondern greifen lieber auf das Altbewährte zurück. "So etwas passiert andauernd", berichtet der Analyst. Für Unternehmen geht es dabei um etliche Millionen Euro.

Tatsächlich stelle die Datenqualität eines der größten Probleme bei großen Projekten dar, da die Daten auf verschiedenen Datenbanken liegen und beim Zusammenspiel die unterschiedlichen Informationen nicht immer erkannt werden.

So sei Kunde A zum Beispiel auf der einen Datenbank mit dem kompletten Vornamen gespeichert, eine andere Datenbank kürze den Vornamen des gleichen Kunden aber ab. Dass es sich dabei um den gleichen Kunden handelt, wird dann nicht erkannt, und der Kunde wird letztendlich doppelt gezählt.

Werden solche Fehler nicht entdeckt, könne das zu gravierenden Fehleinschätzungen des Managements kommen. "Dann kann es passieren, dass Grundsatzentscheidungen völlig falsch getroffen werden", so Bitterer. Besonders gefährlich sei dies bei Datawarehouse-Projekten.

"Die Probleme sind immer vielfältig", sagt der Metagroup-Spezialist. Dabei macht er weniger die Software als vielmehr das Projektmanagement für viele Softwareflops verantwortlich.

"Da werden 25-jährige Hochschulabgänger eingesetzt, die was vom Fach verstehen, aber nicht wissen, wie das Unternehmen tickt", schimpft der Experte. Dann komme es häufig vor, dass Projekte gegen die Wand liefen, da das Management nicht mit der IT zusammenarbeite, beziehungsweise den Projektleitern die interne Firmenpolitik nicht bekannt sei.

Oftmals versäumten die entsprechenden Teilhaber zudem, die Erfordernisse und Bedürfnisse genau zu formulieren. "Die IT prescht dann vor und entwickelt irgendetwas, ohne wirklich zu wissen, was gebraucht wird."

Keine Ahnung vom Projektmanagement

Keine Ahnung vom Projektmanagement

Meist hätten die IT-Projektleiter zudem wenig Ahnung von Projektmanagement. Zeit- und Budgetüberwachungen finde ebenfalls in der Regel nicht statt. So verstünden Projektmanager oft auch nicht, dass es immer wieder Teilverantwortliche gebe, die immer wieder sagten, sie seien zu 95 Prozent fertig.

Projektmanager verließen sich nur allzu häufig auf diese Angaben, und wenn es dann soweit sei, breche alles zusammen, denn mehr als 95 Prozent sei auch nach einigen Wochen immer noch nicht drin. "Das ist so ähnlich wie bei Toll Collect. Da hat man auch erst ganz zum Schluss gemerkt oder es sich nicht sagen getraut, dass das System noch nicht einsetzbar ist."

Vernachlässtigt werde Bitterers Meinung nach auch das ausführliche Testen der Software. "Abgesehen davon, dass die Testphasen in der Regel viel zu kurz angesetzt werden, ist es aber am schlimmsten, wenn die Entwickler selber testen." Viele Fehler blieben in den Testszenarien dabei unentdeckt und stießen dann erst bei den wirklichen Endbenutzern auf. "Das Vertrauen ist damit erstmal hin", so Bitterer. Er rät, für die Testphase ebenso viel Zeit zu investieren wie für die Entwicklung.

Ein grundsätzliches Problem sei allerdings, dass sich niemand traue, rechtzeitig die rote Fahne zu heben. Zum einen wolle man sich nicht die Blöße geben, zum anderen wolle auch niemand riskieren, den Auftrag zu verlieren. "Sobald Geld winkt, wird schnell ja gesagt."

Die Folge: Die Kosten laufen aus dem Ruder, und das Projekt zieht sich über einen viel längeren Zeitpunkt als ursprünglich geplant. Das sei dann meist der Zeitpunkt, in denen in Unternehmen der IT-Leiter ausgetauscht wird, wie beispielsweise gerade bei der britischen Supermarktkette J. Sainsbury . Das Unternehmen entließ Anfang Dezember seine IT-Chefin, nachdem sich das IT-Outsourcing-Projekt mit Accenture als ein Desaster entpuppte.