Suchdienste Das Web nach Google

Mit "Google Scholar" und bald "Froogle Deutschland" schickt der Suchmaschinen-Marktführer weitere neue Dienste an den Start im Rennen um die Such-Krone. Das ist wohl auch nötig, denn langsam spricht sich herum, dass Google die Nase nicht mehr vorn hat.

Hamburg - Google steht seit Jahren synonym für die Suche im Internet. So sehr, dass "googeln" längst schon den Status eines eigenständigen, weithin gebräuchlichen Verbes hat. Das aber, argumentieren IT-Experten im kommenden "New Scientist", müsse künftig durchaus nicht so bleiben: Die Zeiten, in denen Google in Sachen Suchtechnik die Nase ellenlang vor der Konkurrenz hatte, sind vorbei.

Googles Stärke und Vorsprung entstand einst durch die Einführung der "Link-Analyse", Googles "PageRank", womit Suchergebnisse auch nach ihrer Popularität gewichtet wurden: Seiten, die von besonders vielen Webseiten aus verlinkt waren, sprach Google eine gewisse Güte zu. Das ist letztlich das "Zehn Millionen Fliegen können sich nicht irren"-Argument, es funktioniert gerade bei der Suche in den "populären" Teilen des Internet aber ausgesprochen gut.

Doch die Grundidee zu Googles PageRank-Technik ist nicht patentfähig - und wurde somit von fast allen aufgenommen. Und siehe da: "Für manche Dinge ist Yahoo! längst besser geeignet als Google", sagt Chris Sherman von SearchEngineWatch im "New Scientist". Allerdings gab es bei spezialisierten Suchen immer Konkurrenten, die bestimmte Dinge besser konnten als Google. Nun gelte das auch für das allgemeine Stochern im Web, befinden immer mehr Experten.

"Die Unterschiede der Suchdienste sind marginal"

Anlass für die skeptischen Töne war der Beginn des Betatests für Microsofts MSN-Suchdienst, der dazu führte, dass der Status Quo nach längerer Zeit mal wieder unter die Lupe genommen wurde. Das fast einhellige Urteil fasst Chris Sherman zusammen: "Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Suchmaschinen sind inzwischen so gering, dass es allen Firmen schwer fällt, sich auf rein technischer Basis von den anderen zu differenzieren."

Was Google jetzt noch von den anderen absetzt, glaubt Sherman, sei der Ruf der Suchmaschine: Das Image des unschlagbaren Wühl- und Findedienstes habe sich in den Köpfen festgesetzt.

Damit das so bleibt, weitet Google sein Leistungs- und Servicespektrum mit Hochdruck aus. In den letzten Monaten machte Google Publicitypunkte mit Diensten wie Gmail, der Desktop-Suche oder - in Deutschland - der Lokalisierung seines Blogger-Angebotes. In Kürze folgen soll eine deutsche Version des "Froogle"-Shopping-Suchangebots. Mit dem eigentlichen Kernprodukt hat das alles relativ wenig zu tun.

Schnarchführer Yahoo! kehrt zurück

Schnarchführer Yahoo! kehrt zurück

Einen ähnlichen Weg war vor Jahren Yahoo! gegangen. Yahoo! hatte seine Karriere als der Prototyp des Web-Kataloges begonnen und spektakuläre Log- und später Börsenerfolge feiern können. Zwar platzte der Katalog bald schon aus allen Nähten, konnte mit der rasanten Expansion des WWW aber trotzdem nicht mithalten: Aus dem einstigen Marktführer wurde ein Schnarchführer, der die Suchinteressen seiner Nutzer nicht mehr befriedigen konnte.

Yahoo! weitete daraufhin sein Dienstleistungsportfolio auf Kommunikationsdienste, Post, Nachrichten und anderes aus und mietete sich die Suchkompetenz wechselnder Suchmaschinen: Zeitweilig war das Altavista, heute eine Tochter von Yahoo, zuletzt war es Google.

Doch den Vertrag mit diesem mächtigen Partner und Konkurrenten beendete Yahoo! in diesem Jahr und nahm stattdessen seinen eigenen, auf dem Know-how der angekauften Suchtechnikentwickler Inktomi und Altavista fußenden Dienst in Betrieb. Der ist zweifelsfrei einer der besten im Web. Wenn es im Augenblick einen Anwärter auf die Google-Thronfolge gäbe, dann wohl Yahoo!.

Googles Weg: Immer stärker spezialisierte Dienste

Nun, wo der einst von Google gesetzte Gütestandard für die Suche im großen, weiten Web auch von anderen erreicht wird, versucht der Marktführer, sein Standing im Markt mit immer stärker spezialisierten Diensten zu zementieren. Am Donnerstag ging "Google Scholar" als Betatest online, ein wieder einmal beeindruckender und überfälliger Dienst: Er versucht, die sachlich-akademischen Teile des so genannten "verborgenen Webs" zu erschließen - und ein wenig mehr.

Denn vieles von dem, was eben ganz und gar nicht populär ist, gehört zu den qualitativ anspruchsvollsten und ergiebigsten Quellen im WWW. Solche Inhalte gehören schon fast typischerweise zum so genannten "Hidden Web", für das sich die große Masse der Spaß- und Infosurfer nicht interessiert - und das gerade darum von den großen Searchengines nicht als "wichtig" erfasst wird.

Google Scholar durchsucht nun sehr gezielt "akademische" Quellen und liefert auf sachliche Anfragen hochgradig sachliche Antworten. Bestandteil der Ergebnislisten ist unter anderem ein Überblick darüber, wie oft das gefundene Dokument zitiert wurde.

Suchkrieg an zu vielen Fronten

Suchkrieg an zu vielen Fronten

Prinzipiell funktioniert der "Scholar", der unter anderem eine große Anzahl von Fachzeitschriften erfasst, nicht nur für englische Quellen. Auch deutschsprachige Anfragen liefern Ergebnisse - allerdings zumeist nur Quellenverweise darauf, wo ein passender Aufsatz zu erhalten wäre, und zwar in der Regel käuflich. Das aber hat weniger mit dem Google-Dienst zu tun, als mit dem Grad der "Digitalisierung" von Sachwissen in den verschiedenen Sprachräumen: Wo man in den USA auf Anfrage gleich ein PDF mit dem gesuchten Aufsatz bekommt, erhält man in Deutschland vorzugsweise einen Auszug aus der Bibliotheksliste.

Auch mit solchen Diensten kann das börsennotierte Unternehmen Google weiter punkten. Offenbar sieht es seine Geschäftsmöglichkeiten nicht zuletzt in der Implementierung seiner Technologien für sehr spezielle Dienste: Auf der Frankfurter Buchmesse etwa trommelten die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin persönlich für einen geplanten Buch-Durchsuchungsdienst.

Der wäre wohl eine Antwort auf die kecke Konkurrenz durch Amazons A9-Suchdienst. Auch das ist ein virulentes Google-Problem: Alle hetzen den Marktführer, der sich an zu vielen Fronten wehren muss. Die Gefahr ist, dass Google sich durch die Konkurrenz die eigene Entwicklungsrichtung vorschreiben lässt: So kann man auch die Google Desktop Suche als Fehdehandschuh an Microsoft verstehen, als Reaktion auf die MS-Ankündigungen des MSN-Search-Relaunches und einer MS-Desktopsuche.

Was muss kommen?

Das ist frech und erhöht die Popularität, auf Dauer werden solche Dinge Googles Fama aber kaum erhalten können. Die Web-Welt wartet auf den nächsten Entwicklungsschritt in der Suchtechnologie, den beispielsweise Microsoft bereits im Blick zu haben scheint: semantische Suchmodelle.

MSN Search will dabei den Weg gehen, seinen Nutzern "echte Fragen" mit passenden Dokumenten zu beantworten - wie schon seit Jahren der britische Suchdienst AskJeeves mehr schlecht als recht. Ein Ansatz, der vereinfachte Suchen in wenig komplexen Bereichen möglich machen könnte.

Die Zukunft ist gegliedert

Die Zukunft ist gegliedert

Wer jedoch die Irrwege, Komplexitäten, Aktualitäten und Beziehungen von Quellen im Web aufschlüsseln und erschließen will, kommt nicht an der Aufarbeitung der Suchergebnisse als "semantische Cluster" vorbei. Dabei werden Suchergebnisse in Sinnzusammenhängen dargestellt, die dem Suchenden grafisch (beispielsweise als "Ordner" oder in Form von Organigrammen) zeigen, wie die Inhalte verschiedener Webangebote miteinander verknüpft sind. So ließe sich Kommerzielles vom Akademischen, Spaßiges vom Sachlichen trennen - und das Konzept der "Relevanz" im engen Sinn des Wortes zur "Ansichtssache" machen.

All das können bisher weder Google, noch Yahoo oder MSN. Kleinere Suchdienste wie Teoma oder Gigablast versuchen, Elemente solcher semantischen Suchen einzubringen, indem sie als Bestandteil der Ergebnislisten Vorschläge zur weiteren Einengung der Suche machen - und das durchaus nicht ungeschickt.

Wer so etwas mit einem echten Fortschritt in Richtung Ergebnis-Personalisierung oder zumindest übersichtlicher Analyse, orientiert am Bedeutungsgehalt der durchsuchten Web-Dokumente hinbekommt, mag der "nächste Google" werden. Noch ist der Marktführer damit beschäftigt, das Optimum aus seinem Know-how und Datenbestand heraus zu kitzeln. Will er Marktführer bleiben, ist der nächste Schritt logisch vorgezeichnet: Google müsste nicht einfach mehr haben als die anderen, sondern wieder völlig anders sein als die Konkurrenz - und zwar deutlich besser.

Leicht gesagt, schwer umgesetzt.