UMTS "Voice over IP ist viel billiger"

Die teuren Lizenzen sind bezahlt, die Technik ist da. UMTS steht in den Startlöchern für das Weihnachtsgeschäft. Nun bangen die Mobilfunkbetreiber und Handy-Hersteller um die Akzeptanz am Markt. Doch zu hohe Preise und mobile Internettelefonie könnten das Geschäft verderben.
Von Susanne Schulz

Kiel - Große Hoffnungen setzt die Mobilfunkbranche in die UMTS-Technologie. Doch ob sich die hohen Investitionen rechnen, steht weiterhin in Frage.

UMTS-Anbieter und Handyhersteller sehen sich offenbar zusehends unter Druck, zu erklären, wozu UMTS eigentlich gut ist. Mit entsprechender Zuversicht präsentieren sie daher die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten der neuen mobilen Multimediawelt.

"Der Trend, verschiedenste Funktionen in einem Gerät zu vereinen, setzt sich fort", sagte Bill Werner, Vizepräsident des amerikanischen Handyherstellers Motorola , auf einer Veranstaltung des Kieler Multimedia Campus. Das sehe man schon daran, dass in einem Mobiltelefon nun auch serienmäßig Kameras und MP3-Player integriert seien.

Gleichzeitig werden die Geräte immer kleiner, billiger und leistungsfähiger. "Diese Erwartung der Kunden in die zukünftige Entwicklung kann UMTS erfüllen." Wer zum Beispiel seine Lieblingssongs auf sein Handy lade, um sie überall hören zu können, der wolle in Zukunft auch das Musikvideo dazu sehen. Allerdings: Der laue Erfolg der einst hochgejubelten MMS-Nachricht könnte ein Vorgeschmack auf das sein, was die UMTS-Dienste erwartet.

Doch nach Meinung von Werner und Alexander Lautz, Leiter der Abteilung Consumer Marketing bei T-Mobile Deutschland , startet dieses Jahr der "breitflächige UMTS-Konsum". Damit sind T-Mobile und Motorola nicht allein. Siemens  und Nokia  glauben ebenfalls, dass schon Ende dieses Jahres der Boom einsetzt. Sony-Ericsson hingegen rechnet erst ab 2008 mit einem UMTS-Massenmarkt.

Til Schweiger auf der Jagd

Die Vorbereitungen bei T-Mobile laufen bereits auf Hochtouren. In diesen Tagen startete seine neue Werbekampagne mit Zugpferd Til Schweiger. Der Actionstar präsentiert die mannigfachen Funktionen, die UMTS bietet. Er lässt sich dank AGPS durch die Stadt navigieren, überträgt in Echtzeit mit dem Handy gefilmte Videoaufnahmen und videotelefoniert mit einer Blondine.

Die Werbung suggeriert, Multimedia kann mit der Mobilfunktechnik der dritten Generation zu jeder Zeit an jedem Ort erlebt werden. Mit 384 Kbit/s ist UMTS sechs Mal schneller als ISDN. Braucht man das auch? Lautz gab zu, dass nicht alle Multimediafunktionen für den Massenmarkt in näherer Zukunft geschaffen seien. "Fernsehen via Handy wird kein Massenphänomen werden."

80 Prozent der Deutschen besäßen derzeit schon ein Handy. Die meisten von ihnen benutzten es jedoch nur zum Telefonieren und SMS-Verschicken. "Nur wenige so genannter Early Adopters machen Gebrauch von der vollen Bandbreite der Möglichkeiten, die heutige Handys schon bereitstellen", räumte Lautz ein. Dazu gehören Musikdownloads, MMS und Handy-Kameras.

UMTS noch nicht ganz ausgereift

UMTS noch nicht ganz ausgereift

Ein vorläufiges Fazit: UMTS steckt noch in den Kinderschuhen. Das Netz ist gerade erst im Aufbau und noch nicht stabil. Die Preise für Geräte und Verbindung sind zu hoch. Außerdem warten bereits die fertig entwickelten Nachfolge-Technologien auf ihren Startschuss.

Schon heute steht fest, dass HSDPA (High Speed Downlink Packet Access) mit 3,6 Mbit/s UMTS folgen wird. Motorola plane bereits für das kommende Jahr die Einführung des ersten HSDPA-Handys auf dem japanischen Markt, so Werner. Und was in Japan auf dem Markt sei, das komme ein bis zwei Jahre später auch nach Europa.

Wann lohnt sich dann der Kauf eines UMTS-Handys überhaupt? "Es rentiert sich für den Anwender im Moment nur dann, wenn er sich in der Großstadt bewegt", sagte Hilke Spoerel, Leiterin der Unternehmensberatung des Multimedia-Campus' MMConsult, gegenüber manager-magazin.de. "Außerhalb der Städte steht noch kein UMTS-Netz zur Verfügung." Auch das mobile Surfen im Internet sei noch recht unkomfortabel, da die meisten Websites noch nicht auf die Größe des Handy-Displays zugeschnittene Mobilformate anböten.

"Ein Hauptproblem ist der enorm hohe Stromverbrauch der UMTS-Handys", ergänzte Berater Jan Winters von MMConsult im Gespräch mit manager-magazin.de. Unhandliche Zusatzakkus seien daher nötig.

Preisschlager "Voice over IP over UMTS"

Die Diskussion um das Für und Wider dehnt sich mittlerweile auch auf das Thema Voice over IP aus. Schon jetzt kann mit UMTS-Technologie Geld gespart werden - nämlich mittels mobiler Internettelefonie. "Die Technologie unterstützt mobiles Voice over IP, was viel billiger ist", sagte Motorola-Vize Werner. Bei 384 Kbit/s reichen die Datenpakete aus, um auch eine akzeptable Sprachübertragung in ISDN-Qualität zu garantieren, stellte auch die Unternehmensberatung Mummert Consulting in einer Studie fest.

Diese Sparmöglichkeit ist jedoch ganz und gar nicht im Sinne der UMTS-Netzbetreiber. Die Sprachübertragung direkt per UMTS kostet der Studie zufolge ab 29 Cent pro Minute. Sprache als Datenpaket koste hingegen nur etwa 12 Cent pro Minute. Die Unternehmensberatung schätzt daher mögliche Umsatzeinbußen für UMTS-Anbieter auf etwa 60 Prozent. Mit ernsthaften Angeboten rechnen die Berater jedoch erst ab 2006. Im Moment seien eher versierte Bastler in der Lage, den Voice over IP zu nutzen.

Drittunternehmen oder auch Mobilfunkhersteller sowie -anbieter arbeiten schon daran, die Option des "VoIP over UMTS" in ihr Angebot einzubinden, oder auch zu verhindern. Experte Lautz von T-Mobile schätzte die Gefahr allerdings als nicht besonders groß ein: "Möglicherweise wird es vorkommen, dass über einen W-Lan-Zugang auch ab und an Voice over IP per UMTS-Handy genutzt wird." Berater Winters sieht in der hohen W-Lan-Abdeckung in Deutschland schon eher eine Gefahr für die UMTS-Sprachtelefonie. "Wardriving, das Internetsurfen in ungeschützten W-Lans, das mittlerweile schon viele mit dem Laptop betreiben, könnte sich durch UMTS-Handys verschärfen."

UMTS und W-Lan

UMTS und W-Lan

Lautz könnte mit seiner Vermutung Recht haben. Die amerikanische Telekommunikationsfirma SBC arbeitet beispielsweise derzeit daran, ihre W-Lan-Hotspots US-weit für mobile VoIP-Technik aufzurüsten. Das Unternehmen will das Angebot der Mobilfunktochter Cingular ergänzen. Mit einem Start zum billigen Telefonieren rechnet der Mobilfunkanbieter bis 2006.

Auch die British Telecom Mobile kündigte VoIP-Handys an, die an weltweit 17.000 W-Lan-Hotspots automatisch Sprachverbindungen über das Internetprotokoll herstellen sollen. Der Dienst wird im Nahbereich über Bluetooth bereitgestellt.

T-Mobile-Manager Lautz sieht hingegen mittelfristig eher einen Verdrängungswettbewerb zwischen Mobilfunk und Festnetz: "In den Jahren 2009 bis 2010 wird es bessere und schnellere mobile Zugänge geben als feste."

Doch damit ist das Thema VoIP noch nicht vom Tisch. Unternehmen betrachten die Internettelefonie als willkommene Möglichkeit zur Kosteneinsparung. Etwa zwei Drittel der Großunternehmen planen einer Studie der Unternehmensberatung Deloitte zufolge, ihre Firmentelefonie bis 2006 auf das Internetprotokoll umzustellen. Rund 26 Prozent der befragten Unternehmen haben bereits ihre Festnezttelefonie umgestellt. Auf diesen Prozess ist T-Mobile schon vorbereitet: "Wir haben ein GSM-Phone konzipiert, das VoIP über Firmen-W-Lan ermöglicht und somit das Unternehmensfestnetz ersetzen kann", so Lautz.

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