Handys Keine Chance für den Blauen Engel

Der Aufbau von Mobilfunkantennen in der unmittelbaren Nachbarschaft erregt viele Gemüter. Dabei ist der Strahlungswert, der Handynutzer beim Telefonieren trifft, oftmals höher. Siemens, Nokia und Co. produzieren zwar einige strahlungsarme Handys - wollen aber jeden Wirbel über eine möglicherweise gesundheitsschädigende Wirkung vermeiden.

Hamburg - Der "Blaue Engel" auf Tragetaschen, Putz- und Schmiermitteln, Taschentüchern und Toilettenpapier - auf mittlerweile 3800 Produkten ist das Umweltzeichen zu finden. Den Blauen Engel gibt es schon seit mehr als 25 Jahren, doch bei einem Produkt ist der Blaue Engel bisher nicht zu finden: auf dem Mobiltelefon.

Der Grund dafür liegt an den Bedingungen, die ein Mobiltelefon erfüllen muss, um den Engel tragen zu dürfen. Ausschlaggebend ist bei Handys die Strahlung. Der so genannte SAR-Wert misst, wie viel Watt Energie auf ein Kilogramm Masse einwirken, wenn ein Handy ans Ohr gehalten wird. Je niedriger desto besser, könnte man meinen. Doch gerade hierum streiten sich Hersteller, Bundesumweltamt und Bundesamt für Strahlenschutz (BFS).

Offiziell liegt der Grenzwert für Handys laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei 2 Watt pro Kilogramm (W/kg). Der Blaue Engel soll Geräte mit einem Wert von bis zu 0,6 W/kg auszeichnen. Doch ein Blick in die Liste von Blauer-Engel-Produkte weist nicht ein einziges Handy auf. Dabei entsprechen laut BFS mittlerweile rund ein Viertel aller Handys in Deutschland diesem Wert. Dennoch bemüht sich kein Hersteller um das allseits bekannte Zeichen.

Samsung SGH-E820: SAR-Wert 0,322 W/kg

Samsung SGH-E820: SAR-Wert 0,322 W/kg

Motorola MPX 200: SAR-Wert 0,12 W/kg

Motorola MPX 200: SAR-Wert 0,12 W/kg

Siemens U 15: SAR-Wert 0,35 W/Kg

Siemens U 15: SAR-Wert 0,35 W/Kg

LG (Life`s Good) G 7050 SAR-Wert 0,638

LG (Life`s Good) G 7050 SAR-Wert 0,638

Blackberry 6230: SAR-Wert 0,22

Blackberry 6230: SAR-Wert 0,22

Nokia 9210 Communicator: SAR-Wert 0,34

Nokia 9210 Communicator: SAR-Wert 0,34

Panasonic X 70: SAR-Wert 0,459

Panasonic X 70: SAR-Wert 0,459

Mobilfunk: Eine Frage der Anbindung

Mobilfunk: Eine Frage der Anbindung

Foto: mm.de


Strahlungsarme Mobiltelefone
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"Ich kann das nicht verstehen", sagt Dirk Daiber, Sprecher des BFS. Der Blaue Engel sei weit reichend bekannt und könne als Marketinginstrument beim Verkauf nutzen. Doch die Hersteller halten dagegen: "Das Abzeichen suggeriert, dass die anderen Handys ohne Siegel ungesund seien - das ist wissenschaftlich gesehen unbegründet", sagt Olaf Schulz, Mitglied der Arbeitsgruppe Mobilfunk, Technik und Gesundheit beim IT-Branchenverband Bitkom.

Das Risiko ist bei Handys höher

Das Risiko ist bei Handys höher

Genau das wollen Unternehmen wie Siemens , Nokia oder Motorola genauso wenig wie die Netzbetreiber. Sie wissen, bei Mobilfunkstrahlung gehen die Emotionen hoch - das haben die vielen Bürgerinitiativen gegen Mobilfunkmasten gezeigt. Daiber meint jedoch: "Wenn es ein Risiko gibt, so liegt es eher auf der Seite der Mobiltelefone, als bei den Sendetürmen, da hier die Strahlenbelastung höher ist".

Die Hersteller argumentieren dagegen: Der Blaue Engel für Handys sei eine rein politische Entscheidung. Ein wissenschaftlicher Nachweis für gesundheitliche Nachteile fehle. "Die wissenschaftlichen Erkenntnisse besagen, dass unterhalb des Grenzwertes von 2W/kg kein Gesundheitsproblem vorliegt. Ob ein Wert von 0,5 oder 1,9 W/kg erreicht wird macht daher keinen Unterschied", sagt der studierte Biologe Schulz.

Zwar ergab vor kurzem eine Langzeitstudie des schwedischen Instituts für Umweltmedizin, Karolinska Institutet, dass das Risiko einer gutartigen Geschwulstbildung am Hör- und Gleichgewichtsnerv bei Personen, die über zehn Jahre mit dem Handy telefonieren, steigt. Getestet wurde im schwedischen analogen Mobilfunknetz, das in Deutschland dem C-Netz entspricht und nicht zum gängigen Mobiltelefonieren genutzt wird.

Einer dänischen Studie zufolge konnten wiederum keine Auswirkungen festgestellt werden. Beide Studien sind Teil einer von der WHO gestützten weltweiten Untersuchung, an der 13 Länder teilnehmen. Ziel ist es, herauszufinden, ob Mobilfunktelefonieren in Verbindung zu Krebsgeschwüren steht. Ende kommenden Jahres könnten erste Ergebnisse der groß angelegten Studie feststehen.

BFS und Verbraucherverbände weisen zudem auf Studien hin, die biologische Effekte durch elektromagnetische Felder nachgewiesen haben. Eine davon seien thermische Wirkungen. Die Erwärmungen des Gewebes könnten die Augenlinse gefährden, denn sie könne Wärme nur schlecht abführen.

Doch Schäden sind bisher wissenschaftlich nicht erwiesen. So weisen die Hersteller auch darauf hin, dass Mobilfunkgeräte mit relativ hohem SAR-Wert im Alltag einen niedrigen Strahlungswert aufweisen können, niedriger sogar als Handys mit einem ausgewiesenen niedrigen Strahlungswert. Der SAR-Wert wird bei Höchstleistung gemessen - das entspricht Situationen mit schlechter Verbindung wie zum Beispiel im Zug oder im fahrenden Auto.

Wie viel Vorsorge ist notwendig

Wie viel Vorsorge ist notwendig?

Das Bundesamt für Strahlenschutz sagt jedoch, es gebe Hinweise auf mögliche gesundheitliche Beeinträchtigungen. Die sollte man ernst nehmen und nicht einfach abtun. "Man muss sich über Risiken frühzeitig Gedanken machen, da sie viele Menschen betreffen könnten", so BFS-Sprecher Daiber. "Aus Gründen der Vorsorge sollte man daher vermeidbare Strahlenbelastungen ausschließen."

Doch Experten weisen darauf hin, dass Funktechnik allein für das Fernsehen schon seit rund 60 Jahren im Einsatz ist. Kaum jemand rege sich darüber auf. Der Bitkom-Experte Schulz sagt, die Felder der Mobilfunknetze und die für die Fernsehprogramme seien vergleichbar stark. Das Mobilfunknetz sei jedoch anhand der Antennen sichtbarer und deshalb erführe dieses Thema eine größere Aufmerksamkeit.

Das Design entscheidet über den Strahlenwert

Während die Mobilfunkantennen bei der Bevölkerung häufig zu Protesten führten, seien die Klagen über Mobiltelefone nur gering. So meinen die Hersteller auch, nur wenig Interesse in der Bevölkerung für strahlungsarme Handys festzustellen. "Die Handytelefonierer interessiert nicht der SAR-Wert, sondern was ein Mobilfunktelefon alles kann", sagt Schulz. Dass die Nutzer der Handys beim Telefonieren manchmal das Gefühl hätten, das Ohr werde heiß, rühre an der Abdeckung der Wange durch das Gerät und an der Eigenerwärmung durch die Batterie. Die Felder tragen praktisch nicht zur Erwärmung bei. Erst bei einer theoretischen, sehr hohen Überschreitung des Grenzwertes von 2 W/kg könnte es zu einer Erwärmung durch das Feld kommen, die als kritisch angesehen wird.

Derzeit schwanken die SAR-Werte der Handys selbst innerhalb der Gerätepalette eines Herstellers deutlich, wie eine Liste der SAR-Werte zeigt, die das BFS im Internet veröffentlicht. So hat Motorola beispielsweise Geräte, die einen Wert von 0,12 W/kg aufweisen, andere liegen bei 1,35 W/kg. Schulz erklärt das vor allem mit dem Design der Handys. Derzeit wiesen große, dicke Geräte einen niedrigeren SAR-Wert auf, sind die Geräte klein und flach liege der Wert höher.

Schulz geht davon aus, dass die Geräte künftig tendenziell immer effektiver die Funkenergie nutzen und daher immer weniger Energie an den Kopf des Nutzers abgeben werden. Das liege aber nicht daran, dass die Hersteller glaubten, dass sei gesünder, sondern daran, dass die Netzanbindung optimiert und die Standby-Funktion dadurch verlängert werde.

Dem BFS kann das nur recht sein, auch wenn der Blaue Engel weiterhin bei den Herstellern keine Berücksichtigung findet. So steht ein Beweis auf mögliche Auswirkungen weiterhin aus. "Letztendlich werden wir erst mehr wissen, wenn die WHO-Studie beendet ist", sagt der BFS-Experte Daiber.

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