Amazon "Wir sind beim Ausblick nicht so aggressiv"

Die Prognose für das Gesamtjahr enttäuscht, die Aktie fällt. Dennoch bleibt der Internethändler Amazon auf Wachstumskurs. Angeblich steht in den USA der Eintritt in den DVD-Verleih bevor. Ralf Kleber, Deutschland-Chef von Amazon, erzählt im Interview mit manager-magazin.de, was derzeit die Themen für die Internetfirma sind.

mm.de:

Herr Kleber, die Aktie rauscht nachbörslich in den USA in den Keller, nachdem Amazon seine Zahlen vorlegte. Warum sind die Anleger so unzufrieden?

Kleber: Wir haben ein solides Quartal vorgelegt, der weltweite Umsatz ist im dritten Quartal um 29 Prozent gestiegen, im zweiten Quartal waren es 26 Prozent. Auch mit einem operativen Gewinn von 81 Millionen Dollar sind wir zufrieden. Außerdem haben wir in den USA erstmals im Bereich Electronics die Schwelle von einer Milliarde Dollar Umsatz überschritten.

mm.de: Ein solides Ergebnis, aber die Anleger enttäuscht der Ausblick. Die Aktie ist um etwa 9 Prozent gefallen.

Kleber: Wir sind mit unserem Ausblick nicht so aggressiv wie andere Unternehmen. Das ist nicht unser Stil. Wir gehen realistisch an die Sache ran, weniger optimistisch oder pessimistisch, sondern versuchen, gute zuverlässige Aussagen zu geben. Dazu sind wir auch viel zu sehr Händler als andere Unternehmen, mit denen wir gerne verglichen werden. Ich glaube, unsere Anleger würden es auch nicht honorieren, wenn wir Versprechungen machten, die wir nicht einhalten können. Deshalb bleiben wir bei unserem konservativen Ausblick und so wollen wir das auch weiterhin machen.

mm.de: In den vergangenen Monaten war zu lesen, Amazon strukturiere in Europa um. Einige Bereiche in der Verwaltung wurden zentralisiert. Wieso war das notwendig?

Kleber: Es stimmt, in Frankreich haben wir in der Tat eine größere Umstrukturierung durchgeführt. Dort stellten die Fixkosten für die Präsenz aller Bereiche, Systeme und Prozesse im Land ein Hindernis für die Wettbewerbsfähigkeit dar.

Wir haben den Umfang der Gesellschaft verringert, sind aber mit wesentlichen Funktionen weiter präsent. So besteht weiterhin unser Logistikzentrum, auch haben wir weiterhin ein Büro in Paris. Der Umfang wurde unter dem Aspekt verringert, dass wir überlegt haben, was man sinnvoll zusammenlegen könnte.

mm.de: Derartige Maßnahmen sind also nicht in Deutschland erfolgt und sollen auch nicht erfolgen?

Kleber: Amazon.de und Amazon.fr bewegen sich in sehr verschiedenen Geschäfts- und Wettbewerbssituationen. Wir überprüfen weltweit kontinuierlich, wie wir am effizientesten für unsere Kunden da sein können - das heißt zum Beispiel auch, dass Mitarbeiter aus den USA uns bei Amazon.de unterstützen - oder deutsche Mitarbeiter ihr Know-how bei Amazon.com oder Amazon.co.uk einbringen. Darüber hinaus gibt es in Deutschland keine größeren Umstrukturierungen.

Ein "Big Bang" soll vermieden werden

Ein "Big Bang" soll vermieden werden

mm.de: Hat sich die Stellenanzahl in Deutschland in den vergangenen Monaten verringert?

Kleber: Wir brechen das nicht auf die einzelnen Länder runter, insgesamt haben wir weltweit 900 Mitarbeiter mehr als im dritten Quartal 2003.

mm.de: Das schließt für Deutschland einen Stellenabbau nicht aus.

Kleber: Der Standort Deutschland ist hier weder bedroht noch sind Arbeitsplätze in größerem Umfang betroffen. Wir schauen auf einen konstanten Mitarbeiterstamm, der saisonal schwankt - insbesondere vor dem Weihnachtsgeschäft. Es wäre falsch, darüber zu spekulieren. Unser Geschäft wächst hier ausgesprochen stark, und das kann man nicht mit weniger Aufwand bewältigen.

Wohl kann man es aber effizienter machen. Und da sind wir auch immer wieder gefordert. Besonders wenn wir unsere bisherige Strategie weiter verfolgen wollen, unser Angebot auszubauen, Preise zu senken und auch die Versandkostenfreiheit zu erweitern.

Dazu gehört es allerdings, seine Strukturen ständig anzupassen und sich wettbewerbsfähig zu halten, besonders vor dem Hintergrund den "Big Bang" zu vermeiden, wie man es derzeit bei anderen Unternehmen sieht. Dabei geht es aber nicht darum, den Standort Deutschland zu hinterfragen, sondern darum, dort wo sich Effizienz anbietet, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.

mm.de: Sie haben seit ein paar Wochen in Deutschland einen Spielwarenbereich neu im Programm. Welche Märkte sind noch interessant?

Kleber: Ich glaube ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass der Start von Spielwaren und Kinderwelt zu einem der erfolgreichsten Launches bei Amazon gehört. Dieses Geschäft hat förmlich auf uns gewartet. Darüber hinaus ist unser Ziel nach wie vor, unseren Kunden bei Amazon alles anzubieten, was sie im Internet kaufen wollen - und daran arbeiten wir kontinuierlich.

mm.de: In den USA rüstet sich der größte Online-DVD-Verleiher Netflix für einen Preiskampf. Amazon soll vor dem Einstieg in diesen Bereich stehen. Ist an diesen Berichten etwas dran?

Kleber: Wenn etwas für Kunden attraktiv ist, sollte es auch für uns attraktiv sein. Natürlich muss man einen Weg finden, wie man das Geschäft abwickelt. Wir haben einige Millionen DVD-Kunden, wir verfügen zudem mit IMDB über eine der größten Movie-Datenbanken.

Der logische Zusammenhang zwischen uns und dem Geschäftsmodell besteht, auch hätten wir die Kraft langfristig günstige Preise zu bieten und das Know-how. Weiter kann ich dazu derzeit nichts sagen. Ob so ein Geschäft sich für den deutschen Markt eignet? Auch hier gibt es ja bereits einige Anbieter, und das Interesse der Verbraucher ist sicherlich da.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.