TV-Markt "Ich bin ein Zahlenmensch"

Häme über Programmflops, zu altes Publikum und Ärger über die stockende Digitalisierung. Auf den Münchener Medientagen wird viel diskutiert. ProSiebenSat.1-Chef Guillaume de Posch plant derweil Spartensender für das digitale TV-Angebot. Nur mit den Kabelnetzbetreibern ist er noch nicht einig.

München - Gelassen verfolgt Guillaume de Posch, Vorstandschef der Senderfamilie ProSiebenSat.1 , die gewohnte Schelte am Programm der Privatsender. Schönheitsoperationen oder Mobbing-Shows im Fernsehen, schimpft etwa der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber bei seiner Eröffnungsrede bei den Medientagen München, "tragen zur Desorientierung bei Kindern und Jugendlichen bei". Die Programmverantwortlichen sollten nach Stoibers Ansicht mal mit Hauptsschullehrern diskutieren: "Die haben die Folgen zu tragen".

Die Privatsender "haben nicht gerafft, dass wir nicht mehr in einer Spaßgesellschaft leben", kritisiert auch ZDF-Intendant Markus Schächter. Fernsehzuschauer würden heutzutage hingegen verstärkt "Orientierung und Information suchen". Zudem sei die Mitte der Gesellschaft "längst aus der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen herausgewachsen", sagt Schächter, dessen Kanal von Spöttern auf Grund des älteren Publikums als "Kukident-Sender" bezeichnet wird. Für die demografische Entwicklung hätten die privaten Kanäle keine Vorsorge getroffen.

ProSiebenSat.1-Chef de Posch bleibt ruhig und zurückhaltend. In den vergangenen Wochen mussten ProSiebenSat.1-Verantwortliche viel Kritik einstecken, besonders wegen von Programmflops wie "Anke Late Night" oder "Hire and Fire". Wie auch andere Sender hat ProSiebenSat.1 zudem unter dem stagnierenden Werbemarkt in Deutschland zu leiden: Zuletzt hatte de Posch in der Presse verkündet, der Markt werde offenbar schwächer wachsen als von ihm zunächst erwartet.

Spartenkanäle für ProSiebenSat.1

Spartenkanäle für ProSiebenSat.1

Es dauert fast eine Stunde, bis de Posch in der Debatte das erste Mal zu Wort kommt. Zunächst wird er auf sein Image als Kostensenker angesprochen. "Ich bin ein Zahlenmensch", erwidert de Posch trocken, doch er habe auch Erfahrung mit Programmgestaltung.

Zum Thema Digitalisierung erklärt de Posch: Diese sei für ProSiebenSat.1 "ein Fakt, der passieren wird". Die Sendergruppe wolle an den grundsätzlichen Plänen festhalten, Spartenkanäle für das digitale TV zu entwickeln.

Sein Unternehmen wolle nicht nur Spartenkanäle für digitale Programmpakete etwa über den größten Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland (KDG) entwickeln, sondern es müsse auch eine Lösung für die Beteiligung an den Einnahmen daraus gefunden werden. "Die einzige Möglichkeit ist, einen Global Deal mit den Netzbetreibern zu machen", sagte de Posch.

Auch RTL-Chef Gerhard Zeiler sprach sich für ein gemeinsames Vorgehen mit der KDG aus. "Wir brauchen das Kabel, das Kabel braucht uns." In der Vergangenheit hatten sich die Privatsender allerdings gegen die Monopolpläne der KDG gesträubt, da die TV-Sender unter anderem eine Benachteiligung von Free-TV-Angeboten befürchteten.

Bayerns Ministerpräsident Stoiber forderte die gesamte Medienbranche und die Kabelnetzbetreiber auf, sich rasch und fair auf eine Modernisierung der Kabelinfrastruktur zu verständigen. Seine Hoffnung: Die Digitalisierung soll schnelle Internetzugänge und "echtes Multimedia" in jedes Wohnzimmer bringen. "In dieser technischen Revolution steckt ein enormes Potenzial für Innovationen und neue Geschäftsfelder, das wir offensiv nutzen müssen", sagte Stoiber.

Gespür und Management

Abseits des traditionellen Mediengipfels, herrscht am ProSiebenSat.1-Messestand eher Ruhe. Der öffentlichen Kritik, dem Sendereigner Haim Saban aus Kalifornien fehle die Sensibilität für das deutsche Fernsehen, entgegnet Sprecherin Cordelia Wagner: "Herr Saban hat ein sehr gut funktionierendes Management in Deutschland eingesetzt". Natürlich könne er "als Ausländer nicht so ein Gespür für den deutschen Markt entwickeln."

Hinter den einzelnen Programmflops stünde "kein strategischer Fehler". Wenn ein Sender in neue Formate investiere, so Wagner, "kauft er immer das Risiko gleich mit". Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation und die Zahlungsbereitschaft der Werbekunden will die Unternehmenssprecherin so nicht bestätigen: "Wir senken die Werbepreise nur in Shows, die schlecht laufen. Das heißt nicht, dass das gesamte Umfeld nicht funktioniert".

Natürlich seien erfolglose TV-Formate "vom Image her unangenehm". Doch Werbekunden ließen sich bei ihren Entscheidungen weniger vom Senderimage als vielmehr von dessen Reichweite und den jeweiligen Quoten leiten. Gleichzeitig verweist Wagner auf das erfolgreich laufende Comedy-Format Schillerstraße und die quotenstarken Champions-League-Übertragungen.

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