Microsoft/SAP Die abgesagte Hochzeit

Der Redmonder Softwarekonzern überraschte mit dem Wunsch, SAP übernehmen zu wollen. Doch die Fusion ist abgesagt. Dass Microsoft mit den Walldorfern gesprochen hat, könnte allerdings auf den nächsten großen Coup des Bill-Gates-Unternehmens hindeuten.

Hamburg - Es war die Überraschung des Tages: Microsoft  wollte SAP  übernehmen. Das Geld dazu hätte der weltgrößte Softwarekonzern ohne weiteres gehabt. Dennoch wurde der Gedanke an die Übernahme im März fallen gelassen - wegen der Komplexität, wie Microsoft nun begründet.

SAP bestätigt die Gespräche: Microsoft sei während laufender Gespräche über eine Entwicklungspartnerschaft für Internet-Anwendungen an SAP herangetreten. Sie wollten über die Idee eines Mergers sprechen, sagt ein SAP-Sprecher. "Ein Angebot lag aber nicht vor."

"Wie alle börsennotierten Unternehmen untersucht auch SAP regelmäßig Möglichkeiten, wie wir unsere weltweit führende Stellung im Markt für Unternehmenssoftware weiter ausbauen könne", heißt es weiter aus der Walldorfer Zentrale. Mehr als in der Pressemitteilung steht, will der Sprecher nicht sagen. Vorsandssprecher Henning Kagermann betonte indes, dass keine Absicht bestehe, diese Gespräche wieder aufzunehmen.

Schon IBM war interessiert

SAP, der weltweite Marktführer für Unternehmens-Software, geriet nicht zum ersten Mal ins Blickfeld großer Konzerne. Monatelang hielten sich vor rund drei Jahren die Gerüchte, IBM  wolle SAP kaufen. Doch Big Blue blies das Vorhaben ab. Der Konzern wollte nicht in den Applikationsmarkt einsteigen.

"Die Firmen in der Softwarebranche sprechen alle jederzeit miteinander", kommentiert Analyst Nathan Schneidermann von Wedbush Morgan Securities. "Für SAP hätte das Microsoft-Angebot wenig Sinn gemacht", urteilt auch Torsten Schellscheidt, Analyst der WestLB. Microsoft sei womöglich auf der Suche nach Wachstumschancen gewesen.

Für den Redmonder Konzern wäre SAP die perfekte Ergänzung. Mit einem Schlag hätte Microsoft sich von einer der hinteren Positionen an die Weltmarktspitze der Unternehmens-Software-Anbieter katapultieren. Erst Anfang Juni berichteten verschiedene Medien, Microsoft-CEO Steve Ballmer habe den Bereich "Business Solutions" zur Chefsache erklärt. In den kommenden fünf Jahren wollten die Redmonder jeweils zwei Milliarden Dollar in diesen Bereich investieren, hieß es.

Abgesagter Hürdenlauf

Abgesagter Hürdenlauf

Mit SAP hätte CEO Ballmer die Unternehmenswelt neu aufgerollt. Die Marktführerschaft wäre dem Konzern sicher gewesen. Doch hätte sich Microsoft auf vielerlei Hindernisse einrichten müssen. Branchenkenner gehen zum einen davon aus, dass die Wettbewerbsbehörden die Fusion nie genehmigt hätten. "Besonders wenn man sich ansieht, was für ein Aufwand schon bei der möglichen Fusion von Oracle  und Peoplesoft  betrieben wird", meint ein Experte.

Zum andern hätte die Übernahme von SAP durch Microsoft gravierende Auswirkungen auf den Redmonder Softwarekonzern zur Folge. Microsoft müsste sich beispielsweise von Unternehmensbereichen trennen. Noch tief greifender sei aber die wahrscheinliche Technologieumwälzung, sagen Branchenkenner. Denn SAP nutze die Programmiersprache Java - eine Technik, die Microsoft in der Vergangenheit eher bekämpfte als liebte.

Zudem kämen auf das Bill-Gates-Unternehmen milliardenhohe Abschreibungen für die Übernahmen der Unternehmenssoftware-Spezialisten Navision und Great Plains zu. Auch gelten die Unternehmenskulturen der beiden Softwarehäuser als sehr verschieden. Über Jahre müssten sich die Konzerne mit sich selbst beschäftigen, anstatt in Weiterentwicklungen und neue Technologien zu investieren.

Wohin mit Microsofts Cash-Bestand?

Was also wollte Microsoft wirklich? Rüdiger Spies, Vice President des Marktforschers Metagroup, misst vor allem dem Zeitpunkt eine größere Bedeutung zu als der Art der Bekanntmachung selber. Die Erklärung der beiden Konzerne drang just zum Auftakt der Anhörung im Fall Oracle und Peoplesoft an die Öffentlichkeit.

Oracle hatte im vergangenen Jahr Peoplesoft ein feindliches Übernahmeangebot gemacht. Der Konzern blitzte jedoch bei den meisten Gesellschaftern von Peoplesoft ab, zudem hatte sich die Kartellbehörde in den USA negativ über das Vorhaben geäußert. Nun wird der Fall vor dem US-Justizministerium behandelt. Es hätten Informationen über die Gespräche zwischen SAP und Microsoft im Laufe des Verfahrens rauskommen können, sagen das Walldorfer und das Redmonder Unternehmen.

Möglicherweise hat Microsoft aber noch mehr im Sinn: Mit dieser Bekanntmachung könnte der Softwarekonzern die Branche auf einen anderen großen Deal vorbereiten, sagt Spies. In den kommenden Wochen wolle Microsoft endlich mitteilen, was mit dem hohen Cash-Bestand geschehen soll. Microsoft erwirtschaftete alleine in seinem dritten Geschäftsquartal (Ende März) einen Reingewinn von 1,32 Milliarden Dollar. Der Umsatz lag bei 9,18 Milliarden Dollar, der Barmittel-Bestand beläuft sich mittlerweile auf 56 Milliarden Dollar.

Bill Gates - ein Technologie-Freak

Bill Gates - ein Technologie-Freak

In welche Bereiche der Konzern investieren könnte, darüber kursieren vielerlei Gerüchte. "Microsofts Geschäftsmodell funktioniert unter dem Motto 'Kleine Beträge, diese aber massenhaft'", sagt der Metagroup-Spezialist Spies. Er könne sich vorstellen, dass Microsoft zum einen in den chinesischen Markt investieren wolle, zum anderen könne es auch in Richtung Ebay oder Google gehen. Zudem berge der Mobilfunkmarkt Potenziale.

Doch vielleicht will der Konzern auch in ganz andere Technologien investieren. Dass Bill Gates bei der Findung von Geschäftsideen phantasievoll ist, hat der Microsoft-Gründer nicht zuletzt mit seinem Engagement vor gut drei Jahren beim Projekt "Teledesic" bewiesen.

Geplant war, ein "Internet aus der Luft" aufzubauen: Rund 288 Satelliten sollten in niedriger Höhe um die Erde kreisen und den Zugang ins World Wide Web ermöglichen. Aus dem Projekt, das auch die Boeing-Gruppe unterstützte, wurde jedoch nie etwas.

Auch wenn noch nicht klar ist, wohin Microsoft sein Geld stecken wird, SAP kann zumindest auch weiterhin als unkäuflich gelten. Die Walldorfer und Microsoft wollen indes künftig die internetgestützte SAP-Plattform Netweaver und Microsofts ".Net"-Strategie besser aufeinander abstimmen, wie beide Konzerne im Mai erklärten. Ein Ende der Zusammenarbeit ist also nicht in Sicht.

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