Googles G-Mail Teufelszeug und größere Pläne

Alle Welt entrüstet sich über G-Mail. Dabei steckt Googles geplanter E-Mail-Dienst erst in den Kinderschuhen. Für das Aufsteigerunternehmen aus Kalifornien allerdings scheint der neue Service äußerst wichtig zu sein - und zudem Teil eines weitaus größeren Plans.
Von Niels Kruse

Hamburg - So viel Wind war selten bei Google, vor allem so viel Gegenwind. Als das verhätschelte Sympathie-Unternehmen am 1. April seinen neuen E-Mail-Dienst in einem geschlossenen Testbetrieb in den USA startete, teilte es dies am gleichen Tag der Öffentlichkeit mit.

Doch statt mit tosendem Applaus reagierte die Webgemeinde mit einem Sturm der Entrüstung. Ob in Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien oder den USA - G-Mail rief in einer Geschwindigkeit und Menge Datenschützer, Politiker und Bedenkenträger auf den Plan, in der Google sonst das Netz nach Britney Spears durchforstet.

In Niedersachsen etwa stellte Andreas Hermann, Sprecher des Landesdatenschutzbeauftragten, klar: "Das Fernmeldegeheimnis wäre bei einem solchen Internetangebot verletzt." Die kalifornische Senatorin Liz Figueroa bezeichnete G-Mail gar als "abscheuliches Teufelszeug" und wollte den neuen Service gleich per Gesetz verbieten lassen. Auf der britischen Insel meldeten bis dato völlig unbekannte Kleinstfirmen prompt Rechte an der Bezeichnung G-Mail an.

"Als würden Briefträger alle Postkarten lesen"

Was war geschehen? Was soll so schlimm sein an dem neuen E-Mail-Angebot? Für Empörung sorgt vor allem die so genannte kontextbezogene Werbung, mit dem der Freemail-Service finanziert werden soll. Was sich dahinter verbirgt, beschreibt ein Mitglied des IT-Forums von Heise launig so: "Das wäre so, als würde der Briefträger alle Postkarten lesen und entsprechend zum Inhalt der Karte einen Werbeprospekt in den Briefkasten werfen."

Der digitale Postbote Google plant für G-Mail nämlich nichts anderes als er jetzt schon für Internetseiten offeriert: Er scannt den Inhalt nach Stichwörtern und zeigt dem Leser dazu passende Werbung. Versüßt werden soll die textbezogene Mail-Reklame mit Spamschutz, Pop-up-Blockern und nicht zuletzt Speicherplatz von einem Gigabyte - ausreichend um über viele, viele Jahre hinweg seine E-Mails zu sammeln. Für den G-Mail-Nutzer soll das alles kostenlos sein, Gewinn machen will Google mit den Anzeigenkunden.

Ein schöner Plan. Doch leider handelt es sich bei E-Mails um persönliche Schreiben, deren Inhalte Dritte nichts angehen. Für Datenschützer und Politiker ist deshalb, wie gesagt, jetzt schon klar: G-Mail verstößt klar gegen das Brief- und Fernmeldegeheimnis und ist damit nicht legal. Ein nachvollziehbarer Standpunkt - doch die Probleme liegen wie immer im Detail.

Im Zweifel für Googles G-Mail

Im Zweifel dem US-Datenschutzrecht unterworfen

Welches Brief- und Fernmeldegeheimnis zum Beispiel liegt einem internationalen Service zu Grunde? Und was würde etwa ein Verbot von G-Mail in Deutschland bedeuten? Vermutlich nicht viel. "Man kann nicht unbedingt davon ausgehen, dass eine amerikanische Firma die deutsche Rechtsauffassung teilt", sagte Andy Müller-Maguhn, Sprecher der Netzaktivisten vom Chaos Computer Club, gegenüber manager-magazin.de.

Müller-Maguhn will damit deutlich machen: Sollte es in Kalifornien, wo Google seinen Hauptsitz hat, keine größeren Rechtsprobleme geben, könnte G-Mail trotz eines denkbaren Verbots in Deutschland auch hier zu Lande für die breite Öffentlichkeit starten. Denn wer will deutsche Netznutzer davon abhalten, auf eine US-Seite zu surfen, um sich dort für G-Mail anzumelden?

Wie bei anderen großen Mailanbietern aus den USA, wie zum Beispiel Microsoft MSN, müssten G-Mail-Interessenten mit der Registrierung für den Service das amerikanische Datenschutzrecht akzeptieren, das sich gelinde gesagt, äußerst locker ausnimmt. Ähnlich ist es beim Wettbewerber Yahoo . Besitzer einer Yahoo.com-Adresse stimmen den US-Nutzungsrechten zu, lediglich die Yahoo.de-Konten unterliegen deutschem Recht.

"G-Mail funktioniert wie ein Spam-Filter"

Auch Google Deutschland beschäftigt die Frage der geltenden Gesetzeslage derzeit. Stefan Keuchel, Sprecher des Unternehmens, ist deshalb dabei, den Gerichtsstand für G-Mail ausfindig zu machen. "Sollte er allein in den USA liegen, dann müsste man sich auch bei G-Mail amerikanischen Richtlinien unterwerfen", so Keuchel gegenüber manager-magazin.de.

Doch natürlich liegt es in Googles Interesse, seinen Dienst auch direkt dem attraktiven deutschen Markt anbieten zu können. Mit ".de"-Adressen und deutschen Werbeeinblendungen. Sollten sich die Datenschützer hier zu Lande durchsetzen, müsste G-Mail allerdings die hiesigen Regelungen akzeptieren. Die Juristen wiederum streiten noch darüber, ob das maschinelle Durchforsten von E-Mails dem Fernmeldegeheimnis widerspricht oder nicht.

Joerg Heidrich, Online-Rechtsexperte und Justiziar beim IT-Fachverlag Heise, sieht darin im Grunde kein Problem: "Auch für Datenschützer sind maschinelle Virenscanner unproblematisch", sagte der Jurist gegenüber manager-magazin.de. Was Google da mache, sei im Grunde nicht anderes als das, was Spam-Filterprogramme auch täten: "Sie überprüfen den E-Mail-Inhalt nach bestimmten Wörtern und kategorisieren sie entsprechend", so Heidrich.

Google-Chef will nichts übereilen

Google-Chef Brin will nichts übereilen

Heidrich ist aber wichtig, dass Googles Mail-Scanner bei seiner Arbeit keine individuellen Nutzerprofile erstellt und speichert oder die Werbung mit personenbezogenen Daten verknüpft. "Das könnte in der Tat Probleme bereiten", so der Rechtsexperte. Ob dies aber überhaupt geplant ist und Realität werden könnte, ist noch völlig unklar. Heidrich und andere Beobachter halten deshalb den Entrüstungssturm über G-Mail für verfrüht, schließlich kenne noch niemand wirklich den Dienst und seine genaue Funktionsweise.

Auch Google-Sprecher Keuchel versucht zu beruhigen: "G-Mail wird erst seit zwei Wochen getestet, es gibt noch nicht einmal eine für breite Schichten verfügbare Beta-Version." Zudem werde seine Firma nichts unternehmen, was in irgendeinem Land gegen dortige Gesetze verstoße, so Keuchel.

Die hitzige Debatte lässt offenbar auch die Google-Chefs nicht kalt. Firmengründer und Präsident Sergey Brin hat bereits Änderungen bei G-Mail angekündigt. Man diskutiere derzeit Maßnahmen, wolle aber keine übereilten Schritte machen, so Brin im Interview mit dem "Wall Street Journal". Immerhin hat Google damit erreicht, dass die Klage, die die britische Organisation Privacy International (PI) gegen Googles neuen E-Mail-Dienst beim Information Commissioner Großbritanniens eingereicht hatten, mitterweile zurückgestellt wurde. Dass die Suchmaschine für ihre Verhältnisse ungewöhnlich schnell reagierte, könnte aber auch ein Indiz dafür sein, dass G-Mail ein wichtiger Teil der agressiven Expansionsstrategie der Kalifornier ist.

Nur ein Vorspiel?

US-Medien berichteten bereits, dass der Nicht-mehr-nur-Suchmaschinenbetreiber an einem eigenen Linux-basierten Betriebssystem namens Goo-OS für PCs und mobile Endgeräte arbeite. Sollten sich die Gerüchte bewahrheiten, könnte Google zum Frontalangriff gegen Microsoft  ansetzen. Google könnte die Supermacht Microsoft beerben, spekulierten bereits Medien. Schon jetzt habe die Suchmaschine den Redmonder Software-Konzern mit ihrer Suchtechnologie abgehängt. Allerdings hat Microsoft die Arbeit an einer verbesserten Suche inzwischen ebenfalls intensiviert.

Google verfüge indes über ein weltweit verteiltes Netzwerk von geschätzten 100.000 Computern, heißt es. Eine riesige Rechenpower, die für Funktionen wie Suche und Mail-Verwaltung allein völlig überdimensioniert sei. Mit der vorhandenen Hard- und Software wären die Kalifornier beispielsweise in der Lage, die ewige Idee des Application Service Providing in neue Dimensionen zu führen - also der personalisierte Zugriff auf externe, im Web gelagerte Office-Anwendungen, Datenspeicher, Spiele, Shopping-Werkzeuge und, und, und.

Eine solche Plattform könnte automatisierte Backups durchführen und, zusammen mit den vereinigten Google-Datensammelfunktionen (wie G-Mail, Adword, Froogle und die Community-Seite Orkut), individuellste Nutzerprofile erstellen. Was man sicher als anwendungsfreundlich bezeichnen könnte. Doch wäre ein solches allwissendes Google wohl der ultimative Schrecken aller Datenschützer. Besonders dann, wenn es dem Unternehmen gelänge, Goo-OS als schlanke und kostengünstige Desktop-Anwendung zu entwickeln.

Derzeit streiten sich Microsoft und Google noch um eine bessere Suchmaschine - doch schon bald könnte das nur noch ein Nebenkriegsschauplatz im Kampf um das Internet von morgen sein.