IT-Branche Gefahr vom Gelben Fluss

China ist ein großer Wachstumsmarkt. Viele deutsche Konzerne versuchen mittlerweile ihr Glück im Reich der Mitte. Droht nun die Gefahr, hier zu Lande von chinesischen Firmen überrollt zu werden?
Von Thomas Achhorner und Wolfgang Thiel

Wettlauf beim "roten Outsourcing"

München - Im Eiltempo will der chinesische Elektronikkonzern Haier den europäischen Markt erobern - die Marke zählt nach einem Ranking der Agentur Interbrand schon zu den Top 100 einflussreichsten Marken weltweit. Allein im vergangenen Jahr konnte der Umsatz um 21 Prozent auf 8,7 Milliarden Euro gesteigert werden. Die Konkurrenz in Deutschland muss sich also warm anziehen. Gilt dies auch für die IT-Branche? Wie ernst muss man die Wettbewerber vom Gelben Fluss nehmen? Es gibt genügend Beobachter, die die chinesische Gefahr bereits als groß bezeichnen und dabei gern auf die Entwicklung Indiens verweisen. Indien war und ist mit Abstand der weltweit attraktivste "Offshoring"-Markt für IT-Dienstleistungen. Indische Anbieter wie Wipro, Tata Consulting oder Infosys genießen inzwischen weltweite Anerkennung.Zentren wie Bangalore haben ideale Voraussetzungen: Die dortigen Personalkosten machen einen Bruchteil der westlichen Löhne aus, Englisch ist meist Umgangssprache.Deutsche IT-Firmen bereits vor OrtDarüber hinaus sind moderne Universitäten und eine solide Infrastruktur gegeben. Doch die Personalkosten steigen auch dort um etwa 20 Prozent pro Jahr und kompensieren einen Teil des Wettbewerbsvorteils. Zunehmend werden Alternativen gesucht. Da ist es nahe liegend, an China zu denken. Trotz Hindernissen haben einige Hightech-Firmen schon vor Jahren Teile ihrer Software-Entwicklung, beispielsweise für Mobiltelefone, an chinesische Vertrags- und Joint-Venture-Partner ausgelagert. Nach anfänglichen Geburtswehen (Qualität, Arbeitsmoral) tragen diese Investitionen nun erste Früchte.In der Zwischenzeit haben auch deutsche Software-Hersteller den chinesischen Unternehmergeist und die dortige intellektuelle Neugier entdeckt und schätzen gelernt. Führende deutsche Software-Unternehmen lassen ihre Produkte in China an die speziellen Bedürfnisse der asiatischen Märkte anpassen. Wettlauf beim "roten Outsourcing"Doch bleiben die chinesischen Unternehmen auf längere Sicht Geschäftspartner? Oder sind ihre Lerneffekte mittlerweile so hoch, dass bald mit einheimischer Konkurrenz zu rechnen ist? Die beruhigende Nachricht vorab: Deutsche IT-Dienstleister brauchen die Wettbewerber aus dem Reich der Mitte im Moment noch nicht zu fürchten.Dies gilt vor allem im Vergleich mit osteuropäischen Software-Schmieden, die geografisch und kulturell weitaus näher liegen. Denn trotz Breitbandverbindungen, Cyberspace und generell steigenden Englischkenntnissen spielen Sprach- und Kulturbarrieren weiterhin eine nahezu prohibitive Rolle.Die eigentliche Konkurrenz kommt indirektAuch bei Software-Produkten muss man sich im Moment nicht zu viele Sorgen machen, da sich die Fähigkeiten chinesischer Anbieter noch auf die Programmierung beschränken. Kompetenz fehlt im Design konfigurierbarer Produkte, in der Dokumentation und im Aufbau von Verkaufs- und Support-Infrastrukturen. Außerdem werden sich die chinesischen Software-Anbieter wohl zuerst auf die USA konzentrieren, weil hier traditionell engere Bande bestehen. Ein "Software-Haier" ist also noch in weiter Ferne. Was aber beunruhigend ist: Die eigentliche Konkurrenz aus China ist eher auf indirektem Wege zu erwarten, wenn Anbieter aus dem englischen Sprachraum - Indien eingeschlossen - damit anfangen, größere Teile ihrer Entwicklung nach China auszulagern und dann ihre Produkte billiger und schneller auf den Markt bringen.Das ist eine reale Gefahr, und deutsche Unternehmen sind gut beraten, rasch mit dem "roten Outsourcing" zu beginnen und sich in Zhongguancun, dem chinesischen Silicon Valley, und anderswo nach leistungsstarken Partnern umzusehen.

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