Spam-E-Mails Ein lästiges Hase-Igel-Spiel

Auf 2,5 Milliarden Euro wird der Schaden geschätzt, den unerwünschte Werbe-E-Mails europaweit verursachen. Weltweit verbünden sich Spam-Gegner zum gemeinsamen Kampf. Sie fordern, die einzelnen werbungtreibenden Unternehmen in Haft zu nehmen.

Hamburg - "Ich bekomme fast jeden Tag 100 Spam-Mails", beschwert sich eine Mitarbeiterin eines großen deutschen Konzerns. Täglich verstopfen Werbebotschaften die elektronischen Briefkästen, nicht selten wird beim schnellen Löschen auch mal eine wichtige E-Mail vernichtet.

Spam das sind unerwünschte Werbe-E-Mails, benannt nach einem Dosenfleisch. Die E-Briefe versprechen Hilfe bei Erektionsstörungen, virtuellen Sex, Schwarzgelder aus Nigeria oder auch Markensoftware zu Discountpreisen. Das Januar-Spam-Ranking des Softwareunternehmens Clearswift führen eindeutig Viagra und Schlankheitspillen an.

Der Schaden durch Spam wird für 2003 weltweit auf zwölf Milliarden Euro geschätzt, europaweit auf 2,5 Milliarden Euro. Dabei schlägt vor allem der Produktivitätsverlust bei den Unternehmen zu Buche. Die Kosten für die millionenfache Post tragen zum Großteil die Provider und die Empfänger.

"Kaum ein Unternehmen kommt ohne Schutzprogramme gegen den digitalen Werbemüll aus", sagt Sven Karge von Eco, dem Verband für Internetwirtschaft. Die Vereinigung ist Mitgründer der "Anti-Spam-Task-Force" - einem Verbund von Technikern und Juristen aller namhaften Internetprovider und Telekommunikationsanbieter. Rund 60 Unternehmen haben sich an der Arbeitsgemeinschaft beteiligt. Ziel ist es, in erster Linie die technisch-organisatorischen Lösungsansätze gegen Spam zu verbessern, heißt es.

"Einen 100-prozentigen Schutz gibt es aber nicht", relativiert Frank Brandenburg, Geschäftsführer der Anti-Spam-Firma Clearswift Deutschland, im Gespräch mit manager-magazin.de. Das britische Unternehmen wird auf der Cebit seine neuesten Entwicklungen gegen Spam-E-Mails vorstellen. Lernfähige, individuell-einstellbare Filter sollen dabei einen besseren Schutz bieten.

Der digitale Werbemüll ist derzeit eines der wichtigsten Themen im elektronischen Datenverkehr. Dabei sei jedoch die Definiton von Spam schon ein Problem, sagt eine 1&1-Internet-Sprecherin. Jeder Nutzer habe seine eigenen Bewertungsmaßstäbe.

Die EU-Kommission teilte kürzlich mit, dass jede zweite E-Mail (52 Prozent) bereits unerwünscht sei. Das sei ein Besorgnis erregendes Ausmaß, konstatierte Erikki Liikanen, EU-Kommissar in Brüssel. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen misst etwa 500 Millionen Spam-Mails pro Woche in Deutschland.

Dem IT-Magazin "iX" zufolge verdoppelt sich alle sechs Monate das Spam-Volumen. Das Marktforschungsunternehmen Jupiter Media Metrix schätzt, dass die Verbraucher im Jahr 2006 mit über 206 Milliarden Junk-E-Mails zugemüllt werden. Im Durchschnitt sind das 1400 Mails pro Person.

Der Kampf gegen die Spam-Versender scheint fast aussichtslos. "Es ist so ähnlich wie das Hase-und-Igel-Spiel", sagt Clearswift-Geschäftsführer Brandenburg. Juristische Regelungen greifen bisher kaum. Zwar hat die EU eine Richtlinie erlassen, was erlaubt ist und was nicht, doch ist sie noch nicht in allen Ländern der EU Gesetz.

Knackpunkt ist jedoch, dass die Urheber der unerwünschten Botschaften meist in Ländern sitzen, in denen die hiesige Rechtsprechung nicht gilt. Rund 80 Prozent der Spam-Flut stammt aus Übersee, sagen Experten. Also hofft Liikanen auf die Selbstregulierung der Unternehmen. Gleichzeitig sollen die Verbraucher besser informiert werden, wie sie sich schützen können.

Fünf Schritte gegen Spam

Fünf Schritte gegen Spam

AOL testet beispielsweise derzeit einen neuen Spam-Filter, der den Versand von Werbemails mit gefälschten Absenderadressen verhindern soll. Dabei sollen die Absender- und IP-Adressen des Rechners abgeglichen werden. Auch Microsoft sorgt sich um den Kampf gegen Spam. Wie AOL bereitet der Konzern bereits Klagen gegen mutmaßliche Versender vor.

Ab Sommer will Microsoft offenbar eine "Anruferkennung" bei dem E-Mail-Service-Dienstleister Hotmail einführen. Hierbei soll eine Anrufer-ID eingeführt werden - Nutzer sollen damit automatisch verifiziert werden. Gleichzeitig arbeitet das Unternehmen zusammen mit anderen Entwicklern an einer Rückkopplungslösung. Automatisch sollen Spam-E-Mails beantwortet werden. Das hätte zur Folge, dass ein Spam-Server nicht nur beispielsweise 40 Millionen E-Mails verschickt, sondern auch 40 Millionen Antworten erhält. Das berge jedoch die Gefahr, gleich das ganze Netz lahm zu legen, gibt Brandenburg zu Bedenken.

Der Provider 1&1 Internet, der rund 20 Millionen Postfächer betreut, blockiert angeblich täglich mehrere Hunderttausend Werbe-E-Mails, ohne dass es die Nutzer merken.

Was kann noch getan werden? Am sinnvollsten erscheint eine Kombination aus Identifizierung der Absender, der individuellen Filtereinstellungen oder der Erstellung von Listen verbrämter Adressen. Die Arbeitsgemeinschaft ICFT empfiehlt folgende Schritte:

  • Zunächst sollte dafür gesorgt werden, dass Spammer erst gar nicht an eine E-Mail-Adresse gelangen, die man zum normalen Postverkehr nutzt. Mit anderen Worten, empfehlenswert ist, eine alternative E-Mail-Adresse zu haben. Diese können User dann bei Preisausschreiben, Anmeldeformularen oder in Newsgroups verwenden.
  • Sollte das E-Mail-Programm noch keinen Spam-Filter haben, empfiehlt es sich, sich ein entsprechendes Programm zu besorgen. Gängige Programme heißen unter anderem: "AntiSpamWare", "E-Mail-Remover", "Procmail", "SpamEater Pro", "Spam Flush", "Spam Killer", "Spam be gone", "Mailjail", "Spam Buster" und "Spammer Slammer". Dabei ist darauf zu achten, dass einige Programme nur die E-Mail-Adresse untersuchen, andere dagegen nach Schlüsselwörten suchen. Bei den E-Mail-Dienstleistern GMX, Yahoo oder Web.de können Spam-Filter aktiviert werden.
  • Ein etwas umstrittenes Verfahren ist, sich in die Robinson-Liste einzutragen. Diese Liste ist eine Datenbank, in der sich alle registrieren lassen können, die keine Werbung erhalten möchten. Gegründet wurde diese Datenbank vom Deutschen Direktmarketing-Verband. Kritiker bemängeln jedoch, dass die Liste echte Spammer nicht interessiert.
  • Experten empfehlen, die Adressen der Spam-Absender zu sammeln und an den eigenen Provider weiterzugeben. Denn auf eigenem Betreiben den Weg zurückzuverfolgen, um herauszufinden, wer da schreibt, ist oftmals von Misserfolg gekrönt. Normalerweise nützt es nichts, auf die E-Mail direkt zu antworten. Im Gegenteil, der Adressat könnte dadurch erkennen, dass es sich um eine aktive E-Mail-Adresse handelt.
  • Als weitere Möglichkeit können sich genervte User auch bei der ECO/ICTF - Internet Content Task Force - beschweren. Eine Hotline steht bereit - auch per E-Mail: hotline@eco.de. Jede Beschwerde sollte den vollständigen E-Mail-Header und den Inhalt der Spam-Mail enthalten.

Das nächste Sicherheitsloch wartet schon

Das nächste Sicherheitsloch wartet schon

Doch auch wenn die Schritte möglicherweise nicht ausreichend erscheinen, Brandenburg meint, Spam sei nur noch zwei, drei Jahre ein Thema. Dann hätten sich entscheidende Lösungen gefunden. Derzeit arbeiteten schon Netzwerkausrüster wie Cisco an Filtermechanismen. Auch schritten die Provider stärker ein.

"Das Problem wird bereits immer weiter vom Endnutzer weggebracht", so Brandenburg, dessen Unternehmen Kunden wie Gerolsteiner Mineralbrunnen, Adidas-Salomon  und den World Wide Fund for Nature (WWF) betreut.

Auf einen wirksamen Schutz hofft der Anti-Spam-Experte aber vor allem durch rechtliche Vorgaben. In den USA werde schon an einem Gesetz gearbeitet, das diejenigen in die Pflicht nehme, die von der unerwünschten Werbung profitierten. Durch Spam hervorgerufener Gewinn, könne dann vom Staat abgeschöpft werden. "Bei einer derartigen Rechtsgrundlage werden die entsprechenden Unternehmen auch das Interesse an der Spam-Flut recht schnell verlieren."

Ob ein solches Vorgehen in der EU denkbar ist, ist umstritten. In Deutschland sieht die Novellierung des Gesetzes gegen unlauteren Wettbewerb zumindest ein entsprechendes Vorgehen vor. Nur verabschiedet ist es noch nicht, sagt Karge. Ihm geht die Bestrafung aber nicht weit genug. "Ich halte eine Umsatzabschöpfung für sinnvoller als eine Gewinnabschöpfung", sagt Karge. Nur dadurch könne der Druck wirklich erhöht werden.

Vorerst muss jedoch allein die Technik herhalten. "Wir bekommen das in den Griff", so lautet die allgemeine Parole. Mut machen, das wollte wohl auch Bill Gates, als er Ende vergangenen Januar auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos das Ende der Spam-Flut prophezeite. "Das Problem ist in zwei Jahren gelöst."

"Das wäre gut", meint Brandenburg. Denn es warteten schon ganz andere Themen auf die digitalen Sicherheitsfirmen. "In erster Linie der Instant Messenger", sagt der Geschäftsführer. "Dessen Gefahr ist weitgehend unterschätzt worden."

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