Dienstag, 7. April 2020

Arbeitsagentur Millionenteure Jobbörse mit Macken

Mindestens 77 Millionen Euro ließ sich der entlassene BA-Chef Florian Gerster den neuen "Virtuellen Arbeitsmarkt" kosten. Das Ergebnis ist dennoch enttäuschend. Die neue Jobbörse der Arbeitsagentur funktioniert nicht so, wie sie sollte.

Berlin - "Hallo, ich heiße Bea. Klicken Sie hier, und ich zeige Ihnen, was arbeitsagentur.de für Sie tun kann", verspricht die etwas biedere Bea mit Zahnarzttochter-weißem Lächeln. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hat ein neues Gesicht.

Arbeitsagentur.de: Teure neue Jobbörse
Und das war nicht ganz billig - mindestens 77 Millionen Euro kostete das gesamte Projekt "Virtueller Arbeitsmarkt" den deutschen Steuerzahler. Nach einem Bericht der Zeitschrift "Focus" belaufen sich die Kosten mittlerweile sogar auf knapp 100 Millionen Euro. "An der Zahl ist nichts dran", dementiert Projektleiter Jürgen Koch gegenüber manager-magazin.de.

Lieferanten für das Projekt der BA sind die Unternehmensberatung Accenture Börsen-Chart zeigen, die Softwarefirmen Syntegral und WCC Group B.V. sowie das Deutsche Forschungszentrum für künstliche Intelligenz (DFKI) und der Computerkonzern Hewlett-Packard Börsen-Chart zeigen (HP). Weder Accenture noch HP wollten sich jedoch zu Kosten oder Qualität des Portals äußern.

Den vielen Millionen zum Trotz hat das Portal Arbeitsagentur.de diverse Macken: Etliche Links gehen ins Leere, und die Navigation ist umständlich. Im Gegensatz zur alten Jobbörse des Arbeitsamtes werden jetzt nur noch bis zu 100 Treffer angezeigt. "Die Kunden wollen eine überschaubare Zahl an Treffern", so Koch. Ob es sich dabei um aktuell vakante Stellen handelt, bleibt dem Suchenden jedoch verborgen. Lediglich das Datum der letzten Änderung wird angezeigt.

Arbeitsamt.de: Die alte Jobbörse gibt es nur noch bis Ende Februar
Im Selbsttest zeigen sich weitere Schwächen der Jobbörse: Obwohl laut Koch nur die passenden Offerten angezeigt werden, sind die Treffer teilweise kurios. Sucht beispielsweise ein Tierarzt eine Stelle in Berlin, bekommt er kein einziges Angebot für seinen Wunschort, dafür aber freie Stellen wie "Tierwirt/Rinderhaltung in 03253 Brenitz" oder "Viehhalter in 21415 Winsen" ausgespuckt.

Für die Suchkriterien "Fotografin" mit Düsseldorfer Postleitzahl erscheinen unter den angezeigten Treffern auch die abwegigen Vorschläge "Köchin in Köln", "Zahntechnikerin in Recklinghausen" und "Bürokauffrau im Raum Coesfeld".

Gibt es keine passenden freien Stellen, werden auch solche Jobangebote als Treffer aufgelistet, bei denen beispielsweise nur die Ortsangabe übereinstimmt. Ob das Arbeitssuchenden weiterhilft?

Die Jobsuche via Arbeitsagentur.de kostet vor allem Zeit und Nerven: So meldet das System den Nutzer nach ein paar Minuten Inaktivität automatisch ab - "aus sicherheitstechnischen Gründen", wie es heißt.

Bis sich die Seiten neu aufgebaut haben, können selbst mit DSL-Anschluss schon etliche Minuten vergehen. "Grund dafür ist die SSL-Verschlüsselung", sagt Koch. "Wir sind dabei, den Zugang weiter zu verbessern und gehen davon aus, dass sich die Ladezeiten in Kürze normalisieren werden." Auch für die Erstellung eines eigenen Bewerberprofils müssen sich Arbeitssuchende in Geduld üben: Die Pin zur Freischaltung wird auf herkömmlichem Weg per Post versendet.

Darüber hinaus kann es schon mal vorkommen, dass User in eine Sackgasse geraten. Zur vorherigen Seite zu gelangen, ist nicht so einfach. Klickt man auf "Zurück", erscheint nicht selten eine weiße Seite. Ohnehin funktioniert lediglich der interne "Zurück"-Button, nicht der des Browsers. Und ein Klick auf das Logo der Arbeitsagentur führt nicht, wie gewohnt, "nach Hause" zur Startseite; die Adresse muss neu eingegeben werden.

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