Medien Wenn Politiker Druck machen

Bei der Autorisierung von Interviews nutzen die Gesprächspartner die Textvorlage abgeschriebener Gespräche, um heikle Äußerungen gegen PR-Phrasen zu ersetzen. Bei Widerstand gegen die Eingriffe werde mit Informationsentzug gedroht, beklagen Medien. Die "taz" hat nun eine Initiative gegen den Missbrauch gestartet.

Frankfurt/Main - Mehrere Zeitungen haben kritisiert, dass der so genannte Autorisierungsvorbehalt bei schriftlichen Interviews immer öfter als Druckmittel missbraucht werde. Den Anstoß gab am Freitag die Berliner "Tageszeitung" ("taz"), der nach eigenen Angaben wegen eines Interviews mit SPD-Generalsekretär Olaf Scholz von der Parteizentrale gedroht wurde, die Redaktion von sämtlichen Hintergrundinformationen auszuschließen.

"taz"-Chefredakteurin Bascha Mika kritisierte, keine journalistische Form sei in den letzten Jahren so "verludert" wie das Interview und beklagte "Betrug am Leser". Der Berliner "Tagesspiegel" berichtete, dass Michel Friedman kürzlich ein gesamtes Interview gestrichen habe - nicht weil seine Aussagen unrichtig seien, sondern weil sie ihm "plötzlich nicht mehr opportun erschienen".

Laut "taz" hatten Mitarbeiter von Scholz nach einem Interview während des Bochumer SPD-Parteitages erhebliche Einwände nicht gegen die Antworten des Generalsekretärs sondern die ihrer Meinung zu "pfeffrigen" Fragen vorgebracht. Dem Autor sei nahe gelegt worden, die Druckfassung zu "entschärfen", anderenfalls werde der SPD-Generalsekretär die Freigabe verweigern.

Politiker arbeiten mit Druck und Drohungen

Als der Redakteur ankündigte, den Text dann unautorisiert zu veröffentlichen, habe der Leiter der Parteipressestelle angedroht, die Zeitung künftig von den so genannten Hintergrundkreisen auszuschließen, in denen Journalisten gewöhnlich vertraulich und vorab über politische Vorgänge informiert werden.

Die "Tageszeitung" verzichtete daraufhin ganz auf eine Veröffentlichung, brachte das Interview aber am Freitag auf der Titelseite mit geschwärzten Antworten, um den Protest gegen diese Praxis zu untermalen.

Keine Autorisierung in angelsächsischen Ländern

Im Gegensatz zu angelsächsischen Ländern und anders als bei Rundfunkinterviews ist es bei deutschen Printmedien üblich, Interviewtexte den Befragten hinterher zur Autorisierung vorzulegen. Damit soll eigentlich verhindert werden, dass die Wiedergabe mündlicher Aussagen in der Schriftform sinnentstellt wird.

Oft werden die Texte jedoch "von ängstlichen Referenten bis zur Unkenntlichkeit verändert", wie die "Süddeutsche Zeitung" ("SZ") am Freitag meint. Die Autorisierung diene vielen Interviewgebern als Instrument der Disziplinierung und des Missbrauchs, indem das Interview "zum PR-Vehikel umgefummelt wird", zitiert die Zeitung den Leipziger Medienwissenschaftler Michael Haller.

Regierungssprecher Anda verteidigt Autorisierung

Unterstützt mit Artikeln und Kommentaren gleichen Tenors haben die Initiative neben "taz", "Tagesspiegel" und "SZ" die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Die Welt", die "Financial Times Deutschland", die "Berliner Zeitung", der "Kölner Stadt-Anzeiger" und die "Frankfurter Rundschau".

Regierungssprecher Béla Anda bezeichnete die Aktion am Freitag als "sinnvolle Debatte für beide Seiten". Anda sagte, die Praxis habe sich bewährt, wonach ein Politiker das Interview vor Veröffentlichung autorisiere, weil die Worte in den meisten Fällen nicht eins zu eins wiedergegeben würden. Zudem sei es auch für Journalisten hilfreich, wenn ein Gespräch im Nachhinein gekürzt und verdichtet werde.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.