Outsourcing Der 157-Milliarden-Markt lockt

Der Kostendruck ist groß, die IT-Budgets knapp. Immer mehr Konzerne und Mittelständler entdecken Outsourcing als ein Mittel, die Bilanzen aufzuhellen. Ein erbitterter Kampf um die Aufträge ist entbrannt und setzt die IT-Dienstleister stark unter Druck.

Hamburg - "Seit dem Deutsche-Bank-Deal sind die Pforten geöffnet", sagt Peter Kreutter, Experte für IT- und Technologiestrategien des Institute for Industrial Organisation der WHU Koblenz. Tatsächlich vergeht kaum eine Woche, in der nicht ein Unternehmen vermeldet, dass es IT-Bereiche oder Geschäftsprozesse auslagert und an einen Dienstleister abgibt.

Die großen internationalen Player: IBM , EDS , CSC . Dazu kommen zahlreiche IT-Dienstleister wie beispielsweise T-Systems, IDS Scheer , SBS (Siemens), TDS, AC Service, Datev und für den europäischen Markt Cap Gemini Ernst & Young  und Atos Origin. Nicht zu vergessen die Berater wie Accenture oder Deloitte & Touche, die den Konzernen bei ihren Auslagerungsbestrebungen gerne zur Seite stehen, beziehungsweise selber Dienstleistungen übernehmen.

Sie alle buhlen um lukrative Aufträge von Konzernen und Mittelständlern in einem Markt, der hier zu Lande noch relativ jung ist und bereits Begehrlichkeiten weckt, wie beispielsweise von indischen Softwaredienstleistern, die ihren Einstieg ins Europageschäft angekündigt haben.

Vor verschlossenen Türen

Dabei galt der deutsche Markt für Outsourcing lange Zeit als verschlossen. In den USA setzte die Entwicklung schon vor vielen Jahren ein. Hier zu Lande wollte sich jedoch lange Zeit niemand so richtig trauen, interne Daten an Fremdfirmen abzugeben.

"Früher ging es höchstens mal um Desktops und Rechenzentren", sagt Rudolf Bauer, IBM-Geschäftsführer für das Servicegeschäft in Zentraleuropa. "Jetzt sind es Anwendungsentwicklungen, die früher als zu geschäftskritisch betrachtet wurden."

Statt auszulagern wurden über Jahre hinweg fleißig eigene IT-Töchter gegründet, die auch für Dritte Dienstleistungen übernehmen sollten. Von neuen Geschäftsfeldern schwärmten die Konzerne. Doch in den meisten Fällen ging dieses Vorhaben gründlich schief. Heute arbeitet ein Großteil der IT-Töchter ausschließlich für die Mütter.

15 Konzern-Töchter zum Verkauf

Der 157-Milliarden-Dollar-Markt

Der Kater ist groß, denn in Zeiten knapper Budgets stehen die Konzerne ihrer IT kritischer gegenüber. Die Technik kostet, und zwar ständig. Also schwenken mittlerweile zahlreiche Unternehmen um und denken über den Verkauf oder die Wiedereingliederung ihrer IT-Töchter nach.

Auf 157 Milliarden Dollar schätzt das Marktforschungsinstitut Gartner das Marktvolumen allein für das Business Process Outsourcing (Geschäftsprozess-Outsourcing) im Jahr 2006.

Forrester Research geht für die kommenden drei Jahre von einen Wachstum für IT-Services von rund fünf Prozent für die EU und die Schweiz aus. Outsourcing gilt als eines der schnellst wachsenden Segmente in einem schwächelnden IT-Markt. Kein Wunder, dass sich immer mehr Dienstleister die Finger danach lecken.

15 Konzern-Töchter zum Verkauf

Mit Argusaugen beobachten die IT-Dienstleister die Unternehmen, die sich möglicherweise von ihren Töchtern trennen könnten. Als eines der lukrativsten Verkaufsobjekte gilt derzeit ThyssenKrupps  IT-Firma Triaton.

"Bei Triaton wird jeder große IT-Dienstleister mitbieten, schon um zu zeigen: ich bin eine Größe im Markt", sagt Ludwig Schmucker, Geschäftsführer von Berenberg Consult. IBM, T-Systems, EDS und Cap Gemini sollen dem Bieterkreis angehören. Noch ist offen, wer den Zuschlag erhält.

Es werden noch andere bedeutende IT-Töchter verkauft, kommentiert ein Branchenkenner den Markt. In Frage kämen beispielsweise RAG Informatik oder Itellium von KarstadtQuelle . "Einige Konzerne sind sogar von sich aus auf uns zugekommen", weiß Bauer zu berichten. Frank Wilden, Business Development Executive bei CSC, ist überzeugt, dass in den kommenden zwölf Monaten rund 15 IT-Töchter deutscher Konzerne zur Disposition stehen werden.

Rasanter Preisdruck

Vehikel für eine schöne Bilanz

Denn immer mehr Unternehmen entdecken die Informationstechnologie als Vehikel, um in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die Bilanz aufzuhellen. Je schlechter die wirtschaftliche Lage, desto eher sind die Konzerne zum Verkauf bereit, heißt die einfache Formel. Typische Vorzeichen eines Verkaufs ist die Gründung einer GmbH, die beispielsweise den Betrieb von Rechenzentren übernimmt. Eine solche Filetierung konnte schon bei der RWE Informatik beobachtet werden.

Die IT-Töchter werden schließlich zu einem ordentlichen Preis veräußert. Im Gegenzug erhalten die Käufer wie IBM und Co. langfristige Verträge. Freilich versprechen sich die Dienstleister, die Kosten um rund 20 Prozent senken zu können.

Nicht ohne Risiko, sagen Experten. Da können beide Seiten viel falsch machen. So kommen die Marktforscher Gartner auch zu dem Schluss: In Wahrheit stelle das Outsourcing in der Regel keinen guten Weg dar, um Geld zu sparen. Vielmehr könne es einen besseren Geschäftsbetrieb ermöglichen, sei aber nur selten die billigere Lösung. Kreutter betont ebenfalls, "die Auslagerung der IT-Dienste erleichtert die Neuausrichtung der eigenen Wertschöfpungsketten in den Kernbereichen." So könnten Kosten gespart und neue Flexibilität geschaffen werden.

Rasanter Preisdruck

Das Outsourcing-Geschäft ruft mittlerweile eine ganze Reihe von Unternehmen und Konzernen auf den Plan. Neben IBM, das die Beratungssparte von PriceWaterhouseCoopers (PwC) übernommen hatte, will auch Hewlett-Packard (HP)  diesen Geschäftsbereich stärken. In der Branche gilt es als ausgemacht, dass HP sich ebenfalls in den nächsten Wochen und Monaten ein Beratungsunternehmen einverleiben wird. Feste Beraterpartner hat der Konzern bereits in Accenture und Cap Gemini gefunden.

Doch je mehr IT-Dienstleister sich auf dem Markt tummeln, desto größer wird auch der Druck auf die Outsourcer. "Obwohl der Markt wächst, habe ich selten so einen Margendruck gesehen wie heute", sagt der Vorstandssprecher des Beraters TDS, Michael Eberhardt, gegenüber manager-magazin.de.

Besonders großen Druck üben Eberhardt zufolge Unternehmen aus, die heute den Outsourcing-Markt als Erweiterung ihres Geschäftsmodells verstehen, beziehungsweise sich bisher nicht auf den Drittmarkt konzentrierten. Auch Jörg-Menno Harms, Deutschlandchef von Hewlett-Packard, geht davon aus, dass der Preiskampf weiter anhalten wird und sich möglicherweise verschärft.

Vor der Konsolidierungswelle

Vor der Konsolidierungswelle

Ein Preiskampf mit Folgen. "Wir rechnen mit einer Konsolidierungswelle", sagt IDS-Scheer-Vorstandssprecher Helmut Kruppke gegenüber manager-magazin.de. Seiner Meinung nach werden diejenigen Dienstleister vom Markt verschwinden, die nicht breite standardisierte Angebot offerieren oder ganz klar auf Nischenangeboten setzen.

Noch vor ein paar Jahren habe fast jeder Dienstleister eigene Entwicklungen hervorgebracht, die sich oft kaum vom Konkurrenzprodukt unterschieden, meint auch sein Co-Vorstandssprecher Ferri Abolhassan. "Das rächt sich nun."

Einer der Aufkäufer ist unter anderem IDS Scheer selbst. Das Unternehmen hat in diesem Jahr bereits die Expert Group und das Nordamerikageschäft der Plaut-Gruppe übernommen.

Auch TDS plant in den nächsten Wochen einen Zukauf. AC Service, bei dem jüngst der Gesellschafter Beko seinen Anteil erhöhte, will im Bereich Outsourcing ebenfalls zukaufen. Für dieses Jahr rechnet der IT-Dienstleister jedoch mit schrumpfenden Umsätzen und Gewinnen.

Klare Positionierung gefordert

Der französische Dienstleister Cap Gemini will jedenfalls seinen Konkurrenten Atos Origin nicht ungehindert agieren lassen und schaut sich nach Übernahmekandidaten um. Gefunden hat es den Berater Transiciel. Gleichzeitig will Cap Gemini in Indien Unternehmen im Bereich Business Process Outsourcing (BPO) kaufen. Das Ziel: Von heute 1000 Mitarbeitern will Cap Gemini Ende 2004 auf 4000 Angestellte in Indien kommen.

Der Druck wird größer, die Outsourcer müssen sich strategisch klar positionieren, lautet die Forderung. "Es werden größere Einheiten entstehen", meint Herbert Wehrle, Vorstandsvorsitzender von AC Service gegenüber manager-magazin.de. Dabei haben Unternehmen immer höhere Ansprüche, sagt Abolhassan.

Seiner Meinung nach bräuchten die Dienstleister große Softwareentwickler im Rücken, die diese Wünsche überhaupt abdecken könnten. In den USA arbeitet IDS Scheer deshalb mit Microsoft  zusammen. AC Service berichtet anlässlich der Präsentation der Quartalszahlen ebenfalls davon, dass die Outsourcing- und die Beratungsdienstleistungen sich als unverändert anspruchsvoll erwiesen.

Reif für den Mittelstand

Reif für den Mittelstand

Dennoch, am Outsourcing-Geschäft wollen alle teilhaben. Mehr und mehr rückt dabei auch der Mittelstand in den Fokus der Dienstleister. "Der Markt ist reif", weiß Eberhard von TDS zu berichten. "Wenn beispielsweise ein kleinerer Zulieferer eines Automobilherstellers Daten online sieben Tage, 24 Stunden zur Verfügung stellen muss, dann ist es sinnvoll, den Betrieb der Server anderen zu überlassen", sagt Eberhard.

Für Mittelständler sei es jedoch wichtig, dass man im Land bleibe, sagt AC-Service-Chef Wehrle. Man müsse die gleiche Sprache sprechen und erreichbar sein. Allerdings käme für die kleineren Betriebe nicht nur Outsourcing in Frage. Seiner Ansicht nach wird für den Mittelstand das Mieten von Software und Diensten (ASP) in jedem Fall zunehmend interessanter.

Outsourcing, das ist der Wachstumsmarkt im Dienstleistungsgeschäft der kommenden Jahre, resümieren Experten. "Deutschlands Wirtschaft geht es schlecht, sagt CSC-Europa-Chef George Bell. "Die Konzerne kehren zu ihren Kernkompetenzen. Das ist unsere Stunde."

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