Onlineauktionen Leben jenseits von Ebay

Das Auktionshaus schlechthin legt ein Rekordergebnis nach dem anderen vor. Doch noch immer hat Ebay Konkurrenz: 120 Web-Versteigerer gibt es allein in Deutschland. Um gegen den Riesen bestehen zu können, verkriechen sie sich in Nischen.
Von Niels Kruse

Hamburg - Das Bahnwärterhäuschen für 100 Euro, eine 30.000-Quadratmeter Wald- und Grünfläche in geschütztem Biotop für 4500 Euro oder das Gutsherrenhaus mit Park für 25.000 Euro - selbst angesichts des Immobilienpreisverfalls muten diese Angebote eines Internetauktionshauses eher günstig an. Im Internet gibt es halt nichts, was nicht irgendwo versteigert wird.

Ausnahmsweise ist einmal nicht die Rede von Ebay . Die Hamburger Konkurrenz Ricardo  hat die Immobilien im Angebot. Zusammen mit der Deutschen Grundstücksauktionen AG testet Ricardo seit Juni dieses Jahres Deutschlands erste gewerbliche Online-Immobilienauktion.

Wer heutzutage von Internetauktionen spricht, meint meistens Ebay. Das US-Unternehmen ist eine der bekanntesten Marken weltweit, in Deutschland wird die gelbe E-Commerce-Firma vermutlich ab Dezember T-Online  als meist aufgerufene Seite ablösen. Auch die jetzt veröffentlichten Quartalszahlen sprechen eine deutliche Sprache: Der Gewinn ist um fast 70 Prozent auf 103,3 Millionen Dollar gestiegen, ebenso der Umsatz von 289 auf 521 Millionen Dollar.

"Der Boom des Online-versteigerers ist ohne Frage eine der Folgen wirtschaftlich schlechter Zeiten", sagt Peter Newton, Chef des Berliner Auktionsanbieters Feininger. Will heißen: Die Leute mögen's billig. Ein Trend, so sollte man meinen, von dem auch die anderen Auktionshäuser profitieren müssten. Denn es gibt tatsächlich noch andere Anbieter abseits des Planeten Ebay.

Von Umsatzexplosion nicht viel zu spüren

Wie eben Ricardo, einer von schätzungsweise 120 deutschen Anbietern auf diesem Gebiet. Die Versteigerungsplattform war hier zu Lande einst so bekannt, wie es die Amerikaner jetzt sind. Im Web-Boomjahr 2000 wurde das Unternehmen vom britischen Pendant QXL  für irrwitzige 1,1 Milliarden Euro übernommen. Nur wenige Monate später war Ricardo nicht mal mehr ein Zehntel des Kaufpreises wert. Das Unternehmen hält sich mittlerweile so eben über Wasser und ist dennoch in zwölf europäischen Ländern vertreten. Von Umsatzexplosionen allerdings ist hier nicht viel zu spüren.

Ricardo-Chef Oliver Döring äußert sich nur verhalten zu Nutzer- und Versteigerungszahlen. Stattdessen sagt er: "Ebay hat eine immense Größe erreicht. Und Onlineauktionen leben nun einmal von einer großen Community - ohne Käufer keine Verkäufer und umgekehrt." Euphorie klingt anders. Unbeirrt sind die Hanseaten deshalb auf der Suche nach Alternativen.

"Wir fokussieren uns mittlerweile auf Geschäftsfelder, die Ebay nicht abdecken kann oder will", sagt Döring. So stellt Ricardo seine Auktionstechnik anderen Unternehmen zur Verfügung - etwa für interne Firmenversteigerungen, geschlossene Auktionen wie etwa Leasingrückläufe oder reine Händler- und Business-to-Business-Auktionen.

Ricardo versucht es auf dem Immobilienmarkt

Ricardo versucht es auf dem Immobilienmarkt

"Je nach Kundenwunsch treten wir dabei als offizieller Partner auf oder verzichten völlig auf die Nennung unseres Namens", so der Vorstand. Für welche "namhaften Unternehmen" Ricardo die Versteigerungen organisiert, will Döring aber nicht verraten. Dafür aber, dass er über den derzeit schwierigen Immobilienmarkt versucht, die Umsätze anzukurbeln.

Auch die Nummer drei in Deutschland, Atrada, seit August 2001 im Besitz von T-Online , versucht es abseits der von Ebay bestellten Felder. Wie Ricardo tritt Atrada zunehmend als Dienstleister auf: Für die Hamburger Autoplattform Mobile.de und für Lycos  hat Atrada die Versteigerungssoftware geliefert. "Wir können natürlich Ebay nicht auf breiter Front angreifen", sagt Stefan Mümmler, Leiter des Produktmarketings bei Atrada.

Weil es seiner Ansicht nach bei Onlineauktionen noch immer großes Potenzial nach oben gibt, will das Nürnberger Unternehmen den Marktführer Ebay das Geschäft nicht allein überlassen. Und zum Glück für Mümmler gibt es noch die Mutter T-Online. Über das Portal des Telekom-Ablegers organisiert Atrada den neu gestarteten Musik-Downloadservice. Oder versteigert für die T-Online-Medienpartnern "Bunte", "Bild" und "Wetten, dass ...?" Promi-Devotionalien.

Auf die ganz traditionelle Art versucht es die Berliner Trautwein GmbH. Unter ihrer Auktionsadresse www.feininger.de fand 1997 deren erste Onlineauktion statt. Mittlerweile verfügt das Unternehmen, ebenfalls nach eignen Angaben, über 250.000 Mitglieder und organisiert 100.000 Auktionen am Tag. "Im Gegensatz zu Ebay verlangen wir keine Einstellgebühren und Provisionen", sagt Feininger-Chef Peter Newton. Finanziert werde die Versteigerungsplattform nur über Werbung.

Natürlich sei schwer gegen die Konkurrenz von Ebay zu bestehen, sagt der Geschäftsführer. Newton: "Wegen seiner de facto Monopolstellung kann Ebay stets an der Gebührenschraube drehen." Doch diese Preispolitik seien die Leute, besonders die Händler, langsam leid. "Und die Händler machen den überwiegenden Teil der Ebay-Verkäufer aus." Sollte er Recht haben, dann wird das Leben jenseits des Planeten Ebay vielleicht bald wieder aufblühen.

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