Donnerstag, 22. August 2019

Buchmesse E-Books sind tot, es lebe das E-Learning

Früher wurde dem elektronischen Buch ein exorbitantes Wachstumspotenzial vorhergesagt. Das war einmal, in der Verlagsbranche hat sich Ernüchterung breit gemacht. Stattdessen setzen die Verlage nun auf das E-Learning.

Frankfurt/Main - "Mittlerweile ist die Begeisterung der Ernüchterung gewichen" - ein Universalsatz, passend für jede Gelegenheit, bei der es um die Entwicklung des Internets in den vergangenen Jahren geht. So ein Satz fiel nun wieder, diesmal auf der Frankfurter Buchmesse.

 Klassiker klassisches Buch: Die Wachablösung durch das E-Book hat noch nicht stattgefunden
Klassiker klassisches Buch: Die Wachablösung durch das E-Book hat noch nicht stattgefunden
Eine Umfrage bei den Mitgliedsverlagen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels hat nämlich ergeben: Im Bereich des elektronischen Publizierens herrscht mittlerweile Nüchternheit statt Euphorisierung. Digitale Medien werden das klassische Buch auch in Zukunft nicht ersetzen können, sagen 90 Prozent der Verlage.

Da hat das papierene Buch noch einmal Glück gehabt. Vor drei Jahren kündigte der Arbeitskreis Elektronisches Publizieren im Börsenverein (AKEP) so genannte E-Books als den großen Renner auf der Buchmesse an. Die elektronischen Lesegeräte seien kleiner und handlicher als dicke Wälzer und hätten ein großes Wachstumspotenzial.

E-Produkte haben keine eigene Ausstellungsfläche mehr

In diesem Jahr muss der AKEP zurückrudern. Auf der Buchmesse 2003 haben elektronische Produkte keine eigene Ausstellungsfläche mehr. "Natürlich waren wir etwas blauäugig", sagt AKEP-Sprecher Arnoud de Kemp. E-Books sehen die Verlage der Umfrage zu Folge mittlerweile als Bereich mit den geringsten Zukunftschancen.

Gerade einmal fünf Prozent machen elektronische Produkte wie digitale Bücher oder Online-Publikationen bei der Mehrheit der deutschen Verlage aus, wie die Befragung unter den 665 Mitgliedern des Arbeitskreises ergab. Die künftigen Umsatzerwartungen der Verlage in diesem Bereich seien seit der letzten Umfrage im vergangenen Jahr zudem deutlich zurückgegangen, so Tilmann Michaletz vom Ernst Klett Verlag. "Die Geschwindigkeit des Wachstums wird eher mittel sein."

"Das richtige Geschäft mit den E-Books beginnt erst"

Das sieht Hans Kreutzfeldt, Inhaber von Kreutzfeldt Electronic Publishing in Hamburg, ganz anders. "Das richtige Geschäft beginnt jetzt erst. Was bisher geschah, war nur Vorgeplänkel", sagte er jüngst den VDI Nachrichten. Den Grund für seinen Optimismus zieht Kreutzfeldt aus der Tatsache, dass die Verlage E-Books auch für mobile Geräte wie PDAs herstellen. Zudem ziehen die Umsätze mit den elektronischen Schmökern besonders in den USA stark an. 280.590 Titel stehen den Lesern dort mittlerweile zur Verfügung.

Bestimme Sektoren des Electronic Publishing haben sich im Verlagsalltag aber fest etabliert. "Der Internet-Buchhandel als funktionierendes Geschäftsmodell ist nicht mehr wegzudenken", sagte Michaletz. Und auch Pay-per-view im Internet, bei dem der Nutzer für den Zugang zu einzelnen Artikeln zahlt, habe sich etabliert und werde weiter wachsen.

Gute Chancen für E-Learning und Internethandel

Die größten Wachstumschancen haben der Internet-Buchhandel und das so genannte E-Learning. Hierbei reicht das auf der Buchmesse präsentierte Angebot von einfachen Kursen im Business English bis zum selbstständigen Lernen mit digitalen Medien im virtuellen Klassenzimmer.

Doch um solche Angebote und weitere technische Errungenschaften im E-Media-Bereich an den Kunden zu bringen, braucht es geschultes Personal. "Multi-Device Publishing", "Content Syndication" oder "Digitale Workflows" sind Ableger des elektronischen Publizierens, die weder Kunde noch Verlagsfachmann begeistert oder durchschaut.

"Es herrscht ein großes Bedürfnis an Qualifizierungsmaßnahmen und Nachholbedarf in den Verlagen", sagt AKEP-Mitglied Sigrid Lesch. Auch wenn die Weiterbildungsmaßnahmen den technischen Neuerungen permanent hinterher hinken, sei die Schulung für Verlagspersonal wichtig, um bei neuen Technologien "die Spreu vom Weizen zu trennen."

Die Frage müsse sein: "Was taugt für den Kunden?", sagt Lesch. Die Verlage hätten erkannt, dass viele Neuerungen für den Kunden gar nicht nutzbar gemacht werden können. Und die Fachfrau für elektronisches Publizieren gesteht: "Wir können mit der Technik teilweise Probleme lösen, die gar keiner hat."

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