Tagesspiegel Das Beste liegt so nah

Eines muss Berlin garantiert nicht fürchten: dass die Zeitungslandschaft austrocknet. Mit dem Verkauf des "Tagesspiegels" an Pierre Gerckens buhlen noch immer neun Zeitungen um die Leserschaft. Die notwendige Konsolidierung des Marktes ist nur verschoben.

Berlin - Es ging um nichts Geringeres als um große Fragen: Was ist gut, gar das Beste für die Pressevielfalt im Allgemeinen und auch den Berliner Zeitungsmarkt? Und natürlich, was ist das Beste für Holtzbrinck und seinem Noch-Hauptstadt-Blatt den "Tagesspiegel" im Speziellen? Am gestrigen Montag wurde in einigen Büros und Konferenzsälen nicht nur Berlins dieser Frage nachgegangen.

Den Anfang machte, um zehn Uhr morgens, die Geschäftsführung der Verlagsgruppe Holtzbrinck in der Potsdamer Straße. In den Räumen des "Tagesspiegels" erfuhr die Redaktion vom überraschenden Verkauf ihrer Zeitung an den Noch-Holtzbrinck-Aufsichtsrat Pierre Gerckens. Es sei die beste Lösung für das Blatt gewesen, sagte später der Verleger Dieter von Holtzbrinck in einem Interview mit genau jedem Tagesspiegel, dessen Zukunft er nun seinem langjährigen Vertrauten Gerckens überlassen hatte.

Der Neu-Verleger in spe gab sich in dieser Angelegenheit etwas bedeckter: "Für den Tagesspiegel ist der Verkauf nur die zweitbeste Lösung, das ist klar", sagte Gerckens im selben Gespräch. Gemischte Gefühle hingegen hegt der Chefredakteur des Handelsobjekts, Giovanni di Lorenzo: Gut sei, dass Gerckens gegenüber der Belegschaft eine Art von Bestandsgarantie für die nächsten drei bis fünf Jahre gegeben habe. Ungut hingegen, dass die "strukturellen Probleme" der Zeitung, mit dem Deal nicht behoben würden.

Schröder will Pressefusionsrecht lockern

Diese strukturellen Probleme, nach Worten di Lorenzos nämlich die Frage wie die Pressevielfalt bei Erhalt der Qualitätszeitungen gesichert werden könne, war passenderweise Diskussionsgegenstand in der Friedrichstraße, nur zwei Steinwürfe entfernt vom "Tagesspiegel"-Verlag. Dort traf Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) im Maritim-Hotel auf die Interessensvertreter der Zeitungsbranche. In einem Gespräch auf dem Kongress des Bundesverbands der deutschen Zeitungsverleger (BDZV) versuchte Schröder eine "einvernehmliche Lösung" über die Novelle der Pressefusionskontrolle zu erarbeiten.

Schröder hatte schon Anfang September ein Herz für die angeschlagene Zeitungswirtschaft entdeckt und angekündigt, er plane eine Liberalisierung des Pressefusionsrechts. Ganz zur Zufriedenheit des BDZV-Präsident Helmut Heinen übrigens, für den die Lockerung der geltenden Vorschriften Not tue: "Der zugespitzte Wettbewerb der Medien hat es mit sich gebracht, dass gerade kleinere oder mittlere Zeitungshäuser heute darauf angewiesen sind, verstärkt zu kooperieren oder zu wirtschaftlich funktionsfähigen Einheiten zu fusionieren", so Heinen auf dem Kongress.

Kooperation mit dem "Tagesspiegel" nicht ausgeschlossen

Schröder sagte, seine Regierung sei unter der Voraussetzung, dass Unternehmen aller Größenordnungen die Novelle unterstützten, zur Zusammenarbeit mit den Verlegern bereit. Die Holtzbrinck-Geschäftsführung wird solche Ankündigungen gerne hören. Bedeutet das doch, dass die Regierung etwa Verlags-Kooperationen erleichtern könnte. Verlagsgruppensprecher Rolf Aschermann schließt deshalb nicht aus, dass die "Berliner Zeitung", deren Übernahme durch die Stuttgarter nun sicher ist, irgendwann mit dem "Tagesspiegel" kooperieren werde.

Das Kooperationen auf dem hart umkämpften Berliner Zeitungsmarkt nötig sind, ist unbestritten. In der Hauptstadt tummeln sich neun Tageszeitungen, von denen alleine drei als Abo-Blätter um die Leserschaft buhlen. Eine Zusammenarbeit des "Tagesspiegels" mit der "Berliner Zeitung" bei Marketing, Technik und Anzeigenverkauf hätte dem nun veräußerten Blatt zumindest eine Atempause verschafft. Denn der "Tagesspiegel" schreibt seit Jahren Millionenverluste. Auch Gerckens, der den Zeitungskauf aus eigener Tasche finanzieren will, kann keine "seriöse Bestandsgarantie von mehr als fünf Jahren" abgeben, wie er sagt.

"Die großen Anstrengungen der Verlage, gute Zeitungen in Berlin zu machen, sind weder vom Lesermarkt noch vom Anzeigenvolumen her ökonomisch fundiert", so der Medienwissenschaftler Axel Zerdick von der Freien Universität Berlin die Lage. Die Mauer in den Köpfen, so Zerdick, habe die Verlage bislang zu einem Spagat gezwungen, in einem Blatt die Leser der ganzen Stadt anzusprechen. "Dieser Versuch ist bisher gescheitert", sagt Zerdick.

Immerhin: Die Entscheidung Holtzbrincks sich vom "Tagesspiegel" zu trennen, kommt gut an. Alle Beteiligten, bis hin zum Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD), sind sich einig, das sie den besten Beitrag zum Erhalt der Berliner Pressevielfalt leistet. Fragt sich nur, wie lange noch.

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