Tagesspiegel Das lange Ringen um den Verkauf - eine Chronik

Im Kampf um die Vorherrschaft auf dem Berliner Zeitungsmarkt hat die Stuttgarter Verlagsgruppe Holtzbrinck eine unerwartete Lösung präsentiert: Holtzbrinck will seinen "Tagesspiegel" an den Verlagsmanager Pierre Gerckens verkaufen und die Berliner Zeitungsgruppe erwerben. Im Folgenden eine Chronologie der Ereignisse.

26. Juni 2002:

Der Hamburger Verlag Gruner + Jahr kündigt an, die "Berliner Zeitung" und den "Berliner Kurier" an die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck zu verkaufen.

22. November 2002: Das Bundeskartellamt stoppt die von Holtzbrinck geplante Übernahme der "Berliner Zeitung" zunächst vorläufig. Da Holtzbrinck bereits der "Tagesspiegel gehört, drohe die Gruppe den Markt der Berliner Abonnementszeitungen zu beherrschen.

12. Dezember 2002: Das Bundeskartellamt untersagt Holtzbrinck die Übernahme des Berliner Verlages, der die "Berliner Zeitung", den "Berliner Kurier" und die Stadtillustrierte "Tip" herausgibt. Holtzbrinck ist auf dem Markt der Hauptstadt bereits unter anderem mit dem "Tagesspiegel" und der Stadtillustrierten "Zitty" vertreten. Das Kartellamt befürchtete das Entstehen einer marktbeherrschenden Stellung von Holtzbrinck.

18. Dezember 2002: Holtzbrinck kündigt an, bei Clement eine Sondererlaubnis für die Übernahme zu beantragen.

14. Januar 2003: Holtzbrinck beantragt eine Ministererlaubnis, um trotz Vetos des Bundeskartellamts die "Berliner Zeitung" übernehmen zu können.

30. März 2003: Um die Zustimmung Clements zu bekommen, schlägt Holtzbrinck ein Stiftungsmodell vor. Die Redaktion des "Tagesspiegels" soll in eine Gesellschaft überführt werden, über die die Stiftung wacht. Dies soll garantieren, dass "Berliner Zeitung" und "Tagesspiegel" redaktionell unabhängig bleiben.

18. April 2003: In einem Brief an Clement warnt der Vorstandschef des Springer-Verlages, Mathias Döpfner, im Fall einer Sondererlaubnis müssten sowohl "Die Welt" als auch die "Berliner Morgenpost" eingestellt werden.

22. April 2003: Die Holtzbrinck-Gruppe fordert bei einer Anhörung erneut eine Ministererlaubnis für den Kauf des Berliner Verlags und kündigt andernfalls die Schließung des "Tagesspiegels" an.

Pikantes Detail: Der Medien-Konzern hatte das Blatt erst Ende 1992 übernommen, indem er mit Genehmigung des Bundeskartellamts eine Mehrheitsbeteiligung von 51 Prozent erwarb. Bereits damals war die Frage des Wettbewerbs auf dem Berliner Zeitungsmarkt kontrovers diskutiert worden. Die Kartellwächter kamen jedoch zu der Auffassung, dass der Einstieg der Stuttgarter den Bestand des "Tagesspiegel" sichere, womit die Vielfalt des Berliner Zeitungsmarktes weiterhin gewährleistet sei.

Die aktuellen Pläne der Holtzbrinck-Gruppe stoßen auf den erbitterten Widerstand anderer Medienhäuser. Der Axel Springer Verlag  droht damit, "Die Welt" und die "Berliner Morgenpost" einzustellen, falls Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement dem Holtzbrinck-Geschäft zustimmt.

11. Mai 2003: Die Entscheidung über eine Ministererlaubnis wird verschoben.

12. Mai 2003: Clement fordert vor einer Entscheidung in Sachen "Berliner Zeitung", dass Holtzbrinck einen Käufer für den "Tagesspiegel" suchen müsse, der das Blatt als eigenständige publizistische Einheit führen will. Die Münchener Ippen-Gruppe signalisiert grundsätzliches Interesse.

Der Verkauf

19. Mai 2003: Das Hannoveraner Zeitungshaus Madsack will nach Worten seines Verlagschefs Friedhelm Haak nicht für den zum Verkauf gestellten "Tagesspiegel" bieten.

15. Juni 2003: Der Hamburger Bauer-Verlag kündigt ebenfalls an, den "Tagesspiegel" kaufen zu wollen.

23. Juli 2003: Der Poker um den Verkauf des Berliner "Tagesspiegels" geht weiter. Wirtschaftsminister Clement setzt eine weitere öffentliche Verhandlung an.

1. August 2003: Der "Tagesspiegel" stellt sich in einer ganzseitigen Erklärung "in eigener Sache" gegen einen möglichen Verkauf an den Bauer-Verlag.

1. September 2003: Die Monopolkommission lehnt einen Zusammenschluss von "Tagesspiegel" und "Berliner Zeitung" weiterhin ab. Eine Woche vor einer neuen Anhörung bei Bundeswirtschaftsminister Clement bekräftigt die Kommission ihre Empfehlung, den Antrag auf eine Ministererlaubnis abzulehnen.

8. September 2003: Im Streit um die Vormachtstellung auf dem hart umkämpften Berliner Zeitungsmarkt erneuert der Bauer-Verlag sein Angebot für den "Tagesspiegel". 20 Millionen Euro bietet Verleger Heinz Bauer in der mündlichen Anhörung zur Erteilung einer Ministererlaubnis für das Blatt.

29. September 2003: Holtzbrinck will den "Tagesspiegel" an den Verlagsmanager Pierre Gerckens verkaufen und zugleich die Berliner Zeitungsgruppe erwerben.

Gerckens ist Vizepräsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) und baute die Verlagsgruppe Handelsblatt mit auf. Zudem sanierte er die Regionalzeitung "Südkurier". Seit 1992 ist Gerckens Mitglied im Beirat des "Tagesspiegel".

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