Tagesspiegel Das zweitbeste Angebot

Der Holtzbrinck-Verlag will sich nun doch von seinem Berliner "Tagesspiegel" trennen. Völlig überraschend wird der ehemalige Verlags-Manager Pierre Gerckens das angeschlagene Blatt übernehmen - als Strohmann, wie Kritiker sagen.

Berlin - Der 30. September sollte der Tag der Entscheidung werden. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) wollte bis dahin darüber befunden haben, ob er die Übernahme der "Berliner Zeitung" durch die Verlagsgruppe Holtzbrinck per Ministererlaubnis nun abnickt oder eben nicht.

Eigentlich wollte die Stuttgarter Verlagsgruppe ("Handelsblatt", "Die Zeit") zusätzlich zum bereits im Print-Portfolio befindlichen "Tagesspiegel" auch noch die "Berliner Zeitung" kaufen, was das Kartellamt allerdings untersagte. Also wandten sich die Verlagsmanager hilfesuchend an den Bundeswirtschaftminister. Sein Machtwort sollte der monatelangen Hängepartie ein Ende bereiten.

Doch nun sind die Clement'schen Überlegungen obsolet geworden: Holtzbrinck hat den Antrag zurückgezogen, weil der Verlag sich in letzter Sekunde doch noch entschieden hat, den "Tagesspiegel" zu verkaufen. Und zwar an "Mr. Handelsblatt" Pierre Gerckens; 65 Jahre alt, Vizepräsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) und langjähriger Holtzbrinck-Manager sowie Beiratsmitglied des "Tagesspiegels".

Die überraschende Wende im Übernahmepoker begründete der schwäbische Verlag damit, dass mit eben jener Ministererlaubnis nicht mehr zu rechnen gewesen sei - auch weil das Thema "stark politisiert" worden sei. Statt eines möglichen Ruhenlassens des Verfahrens mit ungewissem Ausgang habe sich die Verlagsgruppe "für eine schnelle, klare Lösung entschieden".

Stillschweigen über die Kaufsumme

Diese schnelle, klare Lösung sieht nun wie folgt aus: Gerckens soll den "Tagesspiegel" baldmöglichst erwerben, wie es hieß. Plus die ebenfalls dazu gehörenden "Potsdamer Neueste Nachrichten" und das Stadtmagazin "Zitty". Über eine Summe hätten beide Seiten Stillschweigen vereinbart, so Rolf Aschermann gegenüber manager-magazin.de. Vermutlich aus gutem Grund.

Denn Gerckens ist seit mehr als 35 Jahren in dem Verlag tätig, zunächst als Auslandsanzeigengeschäft beim Handelsblatt, später als Geschäftsführer des Holtzbrinck-Verlags, dann als Aufsichtsratschef und jetziges Aufsichtsratsmitglied. Zwar wird er nach Angaben des Verlagshauses mit der Übernahme des "Tagesspiegels" alle Ämter niederlegen, doch die innige Verbundenheit mit dem Haus ist davon wohl kaum betroffen.

Gerckens Angebot sei das zweitbeste gewesen

Und ob der 65-jährige mit den Summen mithalten kann, die zum Beispiel das Hamburger Verlagshaus Bauer ("Bravo", "TV Movie", Neue Revue") für das Berliner Traditionsblatt geboten hatte, nämlich 20 Millionen Euro, darf auch bezweifelt werden. Laut Verleger Stefan von Holtzbrinck war das "Angebot von Herrn Gerckens das zweitbeste". Seinem Verlag sei es allerdings nicht um "Kaufpreismaximierung" gegangen.

Fragt sich bloß: Um was dann? Der Dortmunder Medien-Experte Horst Röper sieht in dem quasi Management-Buy-Out eine "Parklösung". Bei der Vereinbarung handele es sich offenbar um einen "formalen Verkauf", der das Blatt übergangsmäßig in die Hände Gerckens lege, sagte Röper. Dies sei eine unsaubere Lösung.

Hintergrund: Minister Clement und Bundeskanzler Schröder (SPD) hatten angekündigt, die Hürden bei Tageszeitungsfusionen im Zuge der Novelle des Wettbewerbsrechts zu senken. Vermutlich schon im Mai nächsten Jahres sollen die Änderungen in Kraft treten.

Branchenexperten hatten deswegen spekuliert, Clement würde zwar keine Ministererlaubnis erteilen, dafür den Verlagen ein Zusammengehen künftig erleichtern. Holtzbrinck hätte dadurch die Möglichkeit, den Tagesspiegel sozusagen kurzfristig auszulagern, um die Übernahme der Berliner Zeitung unter Dach und Fach zu bringen.

Ist Gerckens nur ein Strohmann?

Diese salomonische Lösung hätte einen Vorteil: Für den Fall, dass Clement die Übernahme erlauben würde, hatte der Axel Springer Verlag  die Schließung seiner Tageszeitung "Die Welt" angedroht. Holtzbrinck drohte zurück: Sollte er dem Kauf nicht zustimmen, sähe sich das Verlagshaus gezwungen, seinerseits den "Tagesspiegel" einzustellen.

Nun muss auch der Verkauf des "Tagesspiegels" an Gerckens einer kartellrechtlichen Prüfung standhalten, die vermutlich aber keine Beanstandungen ergeben wird, da Gerckens kein Verleger ist. "Es ist aber zu prüfen, ob er als Strohmann auftritt", so Medienexperte Röper. Der Vorgang zeige, dass die Verlage das bestehende Kartellrecht "nicht ernst nehmen" und umgehen wollten.

Die Vorwürfe weist Holtzbrinck naturgemäß "mit aller Entschiedenheit" zurück: "Gerckens ist ein selbständiger und unabhängiger Unternehmer. Zudem einer der profiliertesten Köpfe in der Medienbranche", sagte Aschermann.

Auch der bei der Veräußerung leer ausgegangene Bauer-Verlag kritisiert die Entscheidung der Stuttgarter: Damit sehen wir unsere Bedenken gegen den Verkaufsprozess bestätigt", sagte Bauer-Sprecher Andreas Fritzenkötter.

Holtzbrinck habe den "Tagesspiegel" offenkundig nicht wirklich verkaufen wollen. Sowohl andere Bieter als auch das Wirtschaftsministerium wurden an der Nase herumgeführt", so der Sprecher.

Der Süddeutsche Verlag hatte einen Euro geboten

Mit den anderen Bietern meint Fritzenkötter zum Beispiel den Süddeutschen Verlag, Herausgeber der "Süddeutschen Zeitung", der für das Blatt einen symbolischen Euro geboten hatte. Den gleichen Betrag hätte auch die Südwestdeutsche Medien Holding gezahlt. Mitgeboten haben darüber hinaus der Münchner Verleger Dirk Ippen und die Berliner Beteiligungsgesellschaft Econa.

Clement hatte nämlich vor einer Ministererlaubnis die Bedingung gestellt, es müsse nach einem Käufer für den "Tagesspiegel" gesucht werden. Laut Holtzbrinck jedoch sei niemand bereit gewesen, die damit verbundenen Bedingungen zu erfüllen, etwa eine Bestandssicherung für die Zeitung. Diese sei jetzt nicht mehr aktuell, sagte Aschermann.

Was nicht unbedingt heißen muss, dass Gerckens demnächst damit beginnt, den "Tagesspiegel" abzuwickeln. Nach eigenen Angaben sieht er als Neuverleger, mehr Chancen als Risiken. "Die vorhandenen Probleme werde ich unter Beibehaltung der sehr guten Positionierung des "Tagesspiegels" und seiner Tochtergesellschaften mit der erfahrenen Mannschaft meistern können."

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