Musikindustrie Das verflixte sechste Jahr

Auf der größten Musikmesse der Welt gibt sich die Plattenbranche wieder den Tränen hin. Erneut präsentiert sie ein Rekordminus. Nun soll die Downloadplattform Phonoline helfen. Und auch Microsoft wittert das Geschäft mit der Netz-Musik.

Köln - Geteiltes Leid ist halbes Leid, heißt es. In der Hoffnung, dass sich diese Volksweisheit bestätigt, trifft sich die Musikindustrie ab Donnerstag zum letzten Mal in Köln, um auf der Popkomm ein kollektives Gejammer anzustimmen.

Der Branche geht es schlecht, seit Jahren schon, und es ist einfach kein Licht am Ende des Tunnels in Sicht. Denn seit 1998 befinden sich Umsätze und -verkäufe im Sinkflug. Die aktuellste Schadensbilanz: Von Januar bis Juli dieses Jahres ist der Tonträgerumsatz um 16,3 Prozent auf 80,4 Millionen Stück eingebrochen. Der CD-Verkauf ging mehr als 20 Prozent auf 55,9 Millionen Stück zurück.

Schuld ist mal wieder die ungebremste Zunahme massenhafter digitaler Musikkopien, wie der Verband verlauten lässt. Neu ist allerdings, dass die Plattenlabels nun auch die gesamtwirtschaftliche Lage als Mitschuldigen ausgemacht haben.

Die unerquickliche Entwicklung hinterlässt natürlich auch Spuren auf dem weltweit größten Branchentreff. Mit 618 Firmen werden sich ein Fünftel weniger Aussteller als noch 2002 in den Messehallen in Köln-Deutz einfinden. Im kommenden Jahr wird die Messe dann in Berlin stattfinden.

Phonoline soll die trübe Stimmung aufhellen

Um die trübe Stimmung bis dahin aufzuhellen, hat sich die Musikindustrie zum Ziel gesetzt, endlich selbst im Internet aktiv zu werden. Phonoline heißt das Schwert, mit dem sie den selbst gehäkelten Problemknoten aus Lizenzrechtsbestimmungen, Künstlertantiemen, Produzentenrechten und Nutzerfreundlichkeit zerschlagen will. Denn bislang stand die Branche, zumindest was den Onlinevertrieb von Musik betrifft, hauptsächlich sich selbst im Weg.

Phonoline, die Internetplattform zum Herunterladen von Musiktiteln gegen Bezahlung, soll nun im Herbst starten. Sie wäre das erste gemeinsame Projekt aller großen Plattenfirmen. Damit wollen diese den illegalen Angeboten im Web nun ein legales Angebot entgegenstellen.

Die Branche erhofft sich durch die Initiative positive Impulse. Es sei davon auszugehen, dass sich der Markt sich wieder positiv entwickelt, gibt sich der Verband optimistisch.

Wie man kostenpflichtige Musikdownloads über das Netz vertreibt, macht seit einigen Monaten der Computerhersteller Apple vor. Sein Musikdienst I-Tunes schlug wie eine Bombe ein, wenn auch erstmal nur in den USA. Das hat die Konkurrenz von Microsoft auf eine Idee gebracht.

Microsoft startet ab sofort einen Downloaddienst

Ab sofort können europäische Internetnutzer über den eher unbekannten Music Club von Microsoft und über das Portal Tiscali auf einen Katalog mit rund 200.000 Songs zugreifen. Damit versucht sich der Softwareriese auf dem alten Kontinent vorzudrängeln, denn I-Tunes soll erst im Herbst in Europa starten. Pro Lied verlangt der Softwareriese 0,99 Euro - den gleichen Preis, den auch Apple verlangt. Komplette Alben sollen ab etwa 11 Euro verfügbar sein.

Microsofts Online-Musikdienst basiert auf dem Angebot des britischen Anbieters OD2, hinter dem der Ex-Genesis-Sänger Peter Gabriel steht. Kleiner Schönheitsfehler: Die Songs liegen nur im windowseigenen Format WMA vor. Das heißt, sie sind nur mit dem Windows Media Player abspielbar.

Das mit weitem Abstand verbreitetere MP3-Format wird nicht unterstützt. Zudem funktioniert der Download laut Computermagazin "Heise" nur unter dem Internet Explorer ab Version 5 und dem Windows Media Player ab Version 7.

Diese Abspielbeschränkung auf die Produkte des unangefochtenen Marktführers dürfte auf das Interesse der Kartellwächter stoßen. Ein Sprecher der europäischen Wettbewerbsbehörde in Brüssel sagte dazu, dass man die Angelegenheit im Auge behalten werde.

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