Medikamentenhandel Verlockung im Internet

Die Apothekenbranche steht vor einem tief greifenden Umbruch. Das Eckpunktepapier zur Gesundheitsreform erlaubt den Internethandel mit Arzneimitteln. Ein Markt, der viele Unternehmen brennend interessiert – wie beispielsweise die Deutsche Post. Aber auch Quelle liebäugelt mit dem Pillenversand.

Hamburg - "Ich fühle mich absolut bestätigt", sagt Ralf Däinghaus gegenüber manager-magazin.de. Der DocMorris -Gründer freut sich über das Eckpunktepapier zur Gesundheitsreform, auf das sich SPD und CDU im vergangenen Monat geeinigt haben. Ausdrücklich ist darin der Medikamentenversandhandel erlaubt.

Für Däinghaus muss das wie die ersehnte Erfüllung seiner unternehmerischen Träume klingen. Erst vor wenigen Wochen war der er mit dem Deutschen Gründerpreis ausgezeichnet worden. Doch da der Medikamentenversandhandel in Deutschland bislang verboten ist, trat Johannes Rau aus Protest als Schirmherr der Veranstaltung zurück.

Viel Wirbel - um was eigentlich? Denn mit dem Reformpapier wird nun deutlich, dass Däinghaus eine Vorreiterrolle spielt. Sicher, sein Versandhandel ist umstritten, Gerichtsverfahren sind derzeit anhängig. Aber mit der zu erwartenden Gesetzesänderung ist der Einzug des Medikamentenversandhandels nicht mehr aufzuhalten.

Marktvolumen auf circa 2,5 Milliarden Euro geschätzt

Däinghaus' erbitterte Gegner sind die stationären Apotheken. Deren Verbände haben vor Jahren zum Kampf gegen die Internetfirma geblasen. Bei etlichen Gerichtsterminen wurde er bereits vorstellig. Die Urteile fielen indes unterschiedlich aus. Letztlich wanderte der Fall vor den Europäischen Gerichtshof (EuGH). Dort wird nun auf das Urteil gewartet. Voraussichtlicher Entscheidungstermin: irgendwann im September. Im selben Monat will auch die Bundesregierung ihren Gesetzesentwurf vorlegen.

Schon scharren große Konzerne mit den Hufen. Sie wollen an dem Versandmarkt für Medikamente teilhaben. Das Marktvolumen wird auf etwa 2,5 Milliarden Euro geschätzt.

So liebäugelt auch der Versandhändler Quelle derzeit mit dem Arzneimittelversand. Eine Ausweitung der Produktpalette liegt nahe, denn der Großversender hat bereits einen Bereich Gesundheitsprodukte. Noch sei aber nichts entschieden, heißt es aus der Zentrale. Konkrete Pläne gebe es derzeit nicht. Doch Entscheidungen können manchmal schnell fallen. So wird das zu erwartende Urteil im September voraussichtlich über das weitere Vorgehen der Konzerns entscheiden.

Konkurrent Otto hält sich bislang zurück. "Bei uns ist nichts akut und auch nichts in Planung", sagt eine Sprecherin. Branchenkenner gehen aber davon aus, dass der Konzern sehr wohl den Markt und die Konkurrenz beobachtet.

Neben Quelle-Vertretern sind auch Tengelmann-Abgesandte bereits auf Konferenzen zum Medikamentenhandel gesichtet worden. Ob dessen Handelsgesellschaft Plus allerdings ernsthaft einen Einstieg in den Medikamentenverkauf erwägt, ist derzeit nicht bekannt. "Wir wollten uns informieren", kommentiert eine Sprecherin.

Die Deutsche Post steigt ein

Post mit Schweizer Erfahrung

Sicher ist, dass die Vorbereitungen für den Medikamentenversand bei der Deutschen Post auf Hochtouren laufen. Im Interview mit der "Bild-Zeitung" kündigte Konzernchef Klaus Zumwinkel bereits an, in diesen Markt einsteigen zu wollen. Das Unternehmen wolle allerdings nicht als Händler auftreten, unterstreicht Post-Sprecherin Martina Dickel, sondern sich als Transportdienstleister profilieren. Kunden sollen die Versandhändler sein - wie beispielsweise Quelle.

Um für die Herausforderungen des Arzneimitteltransports gerüstet zu sein, hatte sich die Post bereits im Jahr 2000 als Venture Capitalist an der Schweizer Apotheke Mediaservice beteiligt. "Wir wollten damit Erfahrungen sammeln", sagt Dickel. Erfahrungen für den Zeitpunkt, wenn in Deutschland der Versandhandel für Medikamente zugelassen wird.

Neben den großen Konzernen bereiten sich unterdessen auch kleinere Versandhändler auf die Marktöffnung vor. Erlaubt ist bislang der Versandhandel für medizinische Hilfsmittel. Dabei handelt es sich vor allem um Produkte für chronisch Kranke, also zum Beispiel Diabetiker, die lebensnotwendige Blutzuckerteststreifen im Versandhandel etwas günstiger erstehen können als bei stationären Apotheken.

Web-Konkurrenz in den Startlöchern

Auch im Internet positionieren sich bereits die DocMorris-Konkurrenten - wie beispielsweise www.dia-plus-minus.de , www.tk-pharma.de , www.mycare.de  oder www.ultra-pharm.de . Oftmals haben sie als Spezialversender für chronisch Kranke angefangen, ihre Produktpalette aber inzwischen ausgeweitet.

Diesen Weg geht auch Christian Buse, Gründer und Geschäftsführer des Versands Mycare.de. Anders als viele seiner Kollegen ist der Apotheker im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten vor zwei Jahren in den Internetversandhandel für medizinische Hilfsmittel eingestiegen. Mittlerweile vertreibt er über seine Website nicht mehr nur Diabetiker-Produkte, sondern auch allerlei andere Pillen und Salben.

Die Versandhändler zeichnet eine Gemeinsamkeit aus: Sie sind preiswerter als stationäre Apotheken. So empfehlen bereits Ärzte und Krankenhäuser ihren Patienten, bei den günstigeren Versandhäusern zu kaufen. Mit großflächigen Empfehlungen ist zu rechnen, wenn der Medikamentenhandel - wie zu erwarten ist - gesetzlich erlaubt sein wird.

Kaufmännische Krankenkasse klagte

Auch Krankenkassen wollen und müssen bei den Kosten für Arzneimittel sparen. Sie dürften sich verstärkt für die "Billiganbieter" aussprechen, neue Partnerschaften sind denkbar. Kassen allerdings, die jetzt schon die Vorteile von DocMorris & Co. wahrnehmen wollten, wurden in der Vergangenheit zurückgepfiffen.

Noch im Juli vergangenen Jahres untersagte das Bundesversicherungsamt beispielsweise den Krankenkassen, Kosten für Arzneien aus dem Versandhandel zu übernehmen. Ausgangspunkt für das Verbot war eine Klage der Kaufmännischen Krankenkasse KKH, die sich damit dagegen wehren wollte, dass man ihr die Kostenerstattung für Medikamente vom Anbieter DocMorris untersagte.

"Es wird Tausende hinwegfegen"

Größte Herausforderung: die Logistik

Um nun in Sachen Internet nicht ins Hintertreffen zu geraten, müssen sich die stationären Apotheken auf die neuen Anforderungen vorbereiten. Viel Zeit bleibt ihnen nicht, sollte der Versandhandel bereits ab 2004 erlaubt werden.

Schon längst laufen auch bei Mycare.de die Vorbereitungen auf Hochtouren. Doch Buse warnt: "Ein schneller Einstieg ist nicht einfach." Die spezielle Logistik für Arzneimittel sei eine große Herausforderung. Zudem würden die Ansprüche an den Internethandel enorm steigen. Man brauche gut ein bis eineinhalb Jahre, bis alles glatt laufe, weiß Buse zu berichten. Erfahrung, die den anderen Apothekern nun fehlen könnte.

Bislang kämpfte ein Großteil der Apotheken nämlich gegen die neue Vertriebsform, obwohl sich die Öffnung des Marktes in der Politik schon seit langem abzeichnete. Doch die Warnungen vor Missbrauch und qualitativen Lücken liefen offenbar ins Leere.

Und so werfen auch immer mehr Apotheker den Lobbyisten vor, die Verbände hätten die stationären Händler im Regen stehen lassen. Zukunftsfähige Projekte seien nicht präsentiert worden, stattdessen gleiche der Kampf dem eines Don Quichottes.

DocMorris plant Qualitätsoffensive

"Die Apotheken haben im Internet ihre Domäne abgegeben", sagt Däinghaus. Anders sei dies in den Niederlanden, wo tausende von Apotheken die Öffnung des Marktes gleich von Anfang an mitgemacht hätten. DocMorris spiele hier nur eine untergeordnete Rolle.

In Deutschland will Däinghaus dagegen expandieren. So peilt er auch nach der Öffnung einen Marktanteil von 30 Prozent an. Eine Niederlassung auf deutschem Boden ist bereits geplant. Wohin die Reise geht, stehe allerdings - entgegen anders lautenden Presseberichten - bislang noch nicht fest, so der Gründer.

"Es macht absolut Sinn, dort zu sein, wo der Markt ist", sagt Däinghaus. Über 70 Prozent des Umsatzes macht DocMorris mit deutschen Patienten, 22 Millionen Euro Umsatz waren es 2002 insgesamt. Um sich als Marktführer zu positionieren, will der IT-Spezialist künftig der Beratung besonderes Augenmerk verleihen. Datenbankgestützte Wechselwirkungsprüfungen sollen Patienten davor warnen, wenn Doppelmedikationen zu Problemen führen könnten.

"Es wird Tausende hinwegfegen"

So blickt Däinghaus der Marktöffnung in Deutschland ungeduldig entgegen. Die Gesundheitsreform wird dem Internetunternehmen voraussichtlich den Ruf des Illegalen nehmen. Die stationären Apotheken hingegen sehen sich vor einer massiven Veränderung.

"Es wird Tausende hinwegfegen", prognostiziert DocMorris-Gründer Däinghaus. Doch daran werde nicht allein der Versandhandel schuld sein, dem er einen Anteil am Gesamtmarkt von höchstens zehn Prozent beimisst.

Große Veränderungen werde unter anderem die Erlaubnis von Apothekenketten mit sich bringen, die die Branche über kurz oder lang erwartet. Arzneimittelherstellern würden damit die Tore geöffnet, den Markt zu dominieren.

Den Händlern bliebe, da die Bundesregierung die Margen für die Händler beim Medikamentenverkauf verringert habe, nicht viel anderes übrig als mit Herstellerrabatten zu arbeiten, heißt es. Ketten könnten dann bessere Bedingungen erhalten als unabhängige Händler. Zudem sei die Preisbindung für nicht rezeptpflichtige Medikamente gefallen.

Buse befürchtet eine Entwicklung ähnlich wie im Tankstellengewerbe - ganz nach dem Motto: Erhöht der Eine, ziehen die Anderen nach. Dass die Preise für Arzneimittel langfristig niedrig gehalten werden könnten, bezweifelt der studierte Pharmazeut. "Kurzfristig mag das klappen, langfristig müssen wir wohl mit höheren Preisen rechnen - wie das Beispiel USA zeigt", fürchtet Buse.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.