Kampf den Raubkopien "Es liegt ein Rechtsbruch vor"

Die Umsätze der Musikbranche brechen weg. Grund sind die Millionen von Raubkopien. Nun holen die Konzerne zum Gegenschlag aus. Kopieren wird bald stark behindert. manager-magazin.de sprach mit Gerd Gebhardt vom Verband der Phonographischen Wirtschaft über die Probleme der Branche.

mm.de:

Die Musikbranche leidet seit Jahren unter drastischen Umsatzeinbußen. Schuld sind die Raubkopierer und die Internetnutzer, die Musik illegal downloaden. Ist die Rechnung tatsächlich so einfach?

Gebhardt: Ganz so leicht ist das natürlich nicht. Schuld am Umsatzeinbruch sind verschiedene Komponenten. Zum einen die allgemeine Wirtschaftsflaute, von der wir natürlich nicht abgekoppelt sind. Zum anderen machen uns Musikkopien besonders große Schwierigkeiten. Hauptproblem sind dabei nicht so sehr die illegalen Internet-Downloads, sondern die Eins-zu-eins-Kopien von CDs.

mm.de: Wie hoch ist der Anteil am Umsatzeinbruch durch Musikkopien?

Gebhardt: Das ist schwer feststellbar. Aber die Brennerstudie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) besagt, dass etwa 260 Millionen CD-Rohlinge von Privatpersonen mit Musik überspielt wurden, während die Musikbranche in Deutschland nur 165 Millionen Langspiel-CDs verkauft hat.

mm.de: Aber nicht jeder, der sich eine CD kopiert, würde sich automatisch eine Musik-CD kaufen, wenn das Kopieren verboten wäre.

Gebhardt: Wir gehen auch nicht davon aus, dass uns alle Kunden am Point of Sale verloren gehen. Wenn nur 30 Prozent der Kopien stattdessen gekauft worden wären, hätten wir im vergangenen Jahr etwa 80 Millionen CDs mehr verkaufen können. Das wäre ein sensationelles Ergebnis gewesen.

mm.de: Dann spiegelt sich die Wirtschaftsflaute also doch nicht in den Umsätzen wider?

Gebhardt: Musik ist etwas, was immer konsumiert wird. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass der Musikkonsum nicht so konjunkturabhängig ist. In schlechten Zeiten sind die Menschen Unterhaltungsangeboten gegenüber meist sogar offener als in Zeiten, in denen es ihnen gut geht.

Sind CDs zu teuer?

mm.de: Das mag stimmen. Doch ein weiterer Grund für die sinkenden Verkäufe könnten auch zu hohe Preise für Musik-CDs sein. Kritiker fordern, die Preise zu senken. Gerade hat sogar ein US-Gericht ein Urteil bestätigt, demzufolge die fünf großen Musikkonzerne eine Geldstrafe zahlen müssen, weil sie zwischen 1998 und 2000 die CD-Preise künstlich hoch gehalten hätten.

Gebhardt: Das Thema wird immer wieder gerne von den Medien aufgegriffen. Für mich ist diese Forderung nicht nachvollziehbar. Das unabhängige Statistische Bundesamt hat belegt, dass die CD das einzige Medium ist, dessen Preis in den vergangenen zehn Jahren real gesunken ist. Und die EU-Kommission hat erst im vergangenen Jahr festgestellt, dass es in Europa keine Hinweise auf Preisabsprachen gibt.

mm.de: Es ist bei technischen Entwicklungen jedoch keine Seltenheit, dass die Produktionspreise mit der Zeit fallen.

Gebhardt: Musik ist doch keine technische Entwicklung. Das Material ist nichts wert, wertvoll ist der Inhalt - sprich die Musik. Als die Vinyl-Langspielplatte (LP) noch das beherrschende Medium war, gab es einen Ladenpreis von rund 24 Mark. Würde man nun die gesamte Inflationsbereinigung einbeziehen, müsste eine CD heute eigentlich 50 Mark kosten. Im Durchschnitt kostet sie aber 15 Euro. Dazu kommt, dass eine CD eine weitaus längere Spielzeit bietet als eine LP.

mm.de: Raubkopien oder Kopien gab es auch schon zu Zeiten der LP. Damals waren es die Kassetten. Warum waren die Musikkonzerne zu dieser Zeit nicht so laut?

Gebhardt: Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre wurden über 100 Millionen Leerkassetten bespielt. Der Gebrauch von Leermedien hat sich seitdem verdreifacht und ist somit in Bereiche gelangt, die wir als sehr schädlich betrachten.

mm.de: Lagen 100 Millionen bespielte Leerkassetten also noch in einem tolerierbaren Rahmen?

Gebhardt: Nein, tolerierbar war das nicht. Aber wir haben es zähneknirschend akzeptiert. Zum einen, weil die Qualität der Kassetten deutlich schlechter war und zum anderen haben viele Leute LPs kopiert, um sie im Auto zu hören. Das war sozusagen eine verständliche Zweitnutzung. Die Situation stellt sich heutzutage allerdings anders dar. Einerseits haben die kopierten CDs eine sehr hohe Qualität und andererseits ist die Notwendigkeit für Kopien nicht mehr vorhanden. Sie werden heute wohl kaum noch ein Auto finden, das mit einem Kassettenrekorder ausgestattet ist. Stattdessen ist mittlerweile ein florierender Handel mit Raubkopien entstanden ...

Mit wehenden Fahnen ins Gericht

mm.de: ... gegen den Sie vorgehen wollen. Im novellierten Urheberrechtsgesetz sind Privatkopien aber weiterhin erlaubt.

Gebhardt: Das stimmt, kopieren ist nicht verboten, aber es wird zumindest schwerer gemacht. Zum einen besagt das überarbeitete Gesetz, dass Kopierschutzmaßnahmen, die die Unternehmen ergreifen, nicht umgangen werden dürfen. Und zum zweiten sind sowohl Werbung als auch jegliche Hinweise, wie die Schutzmaßnahmen umgangen werden können, verboten. Diese zwei Bereiche sind für uns elementar. Denn es muss deutlich werden, dass es sich bei Musik um ein geistiges Gut handelt, das geschützt werden muss.

mm.de: Die GfK-Studie besagt aber, dass die meisten Kopierer auch für den Privatgebrauch die Kopien herstellen. Das bedeutet, die wenigsten Kopien waren im Sinne von Geschäftemacherei veranlasst. Der größte Teil entzieht sich also dem Vorwurf der professionellen Raubkopierer.

Gebhardt: 94 Prozent aller Musikkopierer vervielfältigen zwar auch für den persönlichen privaten Gebrauch, aber mehr als die Hälfte von ihnen kopiert außerdem für Dritte. Ich weiß beispielsweise von jungen Leuten, die sich in Bibliotheken CDs ausleihen und sie kopieren. Das heißt, die Personen überspielen sie nicht von einem Tonträger, den sie gekauft haben, sondern von irgendeiner externen Quelle. Das ist der entscheidende Punkt.

mm.de: Sie kriminalisieren damit letztendlich Ihre eigene Zielgruppe.

Gebhardt: Wir wollen die Konsumenten nicht kriminalisieren und Jugendliche schon gar nicht. Es geht uns darum, ein Bewusstsein zu schaffen, wann Recht gebrochen wird.

mm.de: Werden Sie demnächst ähnlich wie in Dänemark Rechnungen an Personen schicken, die illegale Musikangebote offerieren?

Gebhardt: Bis auf weiteres nicht, obwohl Schadenersatzforderungen nicht ausgeschlossen sind. Wir gehen gegen Betreiber illegaler Musikangebote vor. Unser Ziel ist es primär nicht, dort Geld einzunehmen, sondern die illegalen Angebote möglichst schnell vom Netz zu bekommen. Außerdem möchten wir, dass Kopien aus illegalen Quellen verboten werden.

mm.de: Und die Nutzer müssen nicht mit einer Bestrafung rechnen?

Gebhardt: Im Urheberrechtsgesetz ist für diejenigen, die sich illegaler Quellen bedienen, noch keine Regelung verankert. Unserer Meinung nach darf jedoch aus einer illegalen Quelle keine legale Kopie entstehen. Das wäre ja wie Hehlerei im klassischen Sinne - und die ist per Gesetz verboten. Nur wird diese Regelung bislang noch nicht auf immaterielle Werte angewendet.

Aufklärungskampagne vor Ort

mm.de: Abgesehen von den juristischen Rahmenbedingungen, die geändert werden sollen - haben die Musikkonzerne die Entwicklung in Wahrheit nicht verschlafen?

Gebhardt: Musikfirmen sind primär dazu da, Musik zu finden und Trends aufzuspüren sowie Musiker aufzubauen und sie zu vermarkten. Die technischen Entwicklungen stehen dabei nicht im Vordergrund. Nichts hätte eine derartige Entwicklung erahnen lassen.

mm.de: Dennoch müssen die Unternehmen rechtzeitig auf technische Entwicklungen reagieren. Wieso haben Sie bislang noch nicht die richtige Lösung gefunden?

Gebhardt: Wir haben uns in den vergangenen zwei Jahren intensiv damit beschäftigt, wie und welche Alternativen angeboten werden müssten. Apples "iTunes Musicstore" zum Beispiel konnte ja nur Hand in Hand mit den Musikfirmen entwickelt werden. Und wir wünschen uns davon natürlich viele Plattformen.

Generell ist es aber viel schwieriger, legale Angebote aufzubauen als illegale. Und es ist auch viel schwieriger, mit legalen Musikangeboten erfolgreich zu sein, wenn es die Musik gleichzeitig kostenlos im Netz gibt.

mm.de: Es wird sich sicherlich auch in Zukunft als schwierig erweisen, Kopien zu verhindern. Wie wollen Sie in der Bevölkerung ein breites Bewusstsein für die Urheberrechte schaffen?

Gebhardt: Wir haben im Internet eine Website www.pro-music.org, die demnächst auch in deutscher Sprache angeboten wird. Sie ist Teil unserer Aufklärungskampagne. Vor kurzem haben wir zudem an mehr als 1000 Unternehmen Briefe geschickt mit der Bitte, darauf zu achten, was in ihren IT-Zentren passiert. Wir haben uns auch an alle Universitäten gewendet und um Mithilfe gebeten. Wir haben auch schon vor drei Jahren in unserer Kampagne "Copy kills the music" auf den Missstand hingewiesen.

mm.de: Was offenbar nicht viel genützt hat.

Gebhardt: Es hat immerhin ein Problembewusstsein erzeugt, nicht zuletzt bei Politikern und Journalisten. Ich denke, es gibt auch in Deutschland Bürger, die sich an Gesetze halten. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, werden sicherlich viele von illegalen Musikangeboten Abstand nehmen. Solange das Musikkopieren aber als Volkssport gilt, ist es offenbar schwierig, das Bewusstsein für Urheberrechte zu stärken.

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