Microsoft Office System Die verflixte Sache mit dem Jahreskalender

Was macht man, um ein Produkt zu bewerben? Man lädt Multiplikatoren in ein Fünf-Sterne-Hotel ein, verwöhnt sie, fährt edle Gerichte auf. Ob der gewünschte Werbeeffekt eintritt? Fraglich - aufschlussreich sind hingegen Nachfragen an den Produkthersteller.
Von Martin Scheele

Hamburg - Bemerkenswert am Ende einer Produktpräsentation sind häufig die Fragen des Auditoriums. Interessierte versuchen, sich einen Weg durch den Dschungel der PR-Vortragssprache zu schlagen und simple Antworten zu bekommen - zum Beispiel, wie viel das Produkt kostet. Doch nicht immer können diese Fragen beantwortet werden.

Das Grandhotel Atlantic an der Hamburger Außenalster: Hier stellte Microsoft Deutschland erstmalig das "Office System 2003" vor. Eine durchaus exklusive Location, die zahlreiche Berichterstatter angelockt hat.

Schwere Kronleuchter hängen von der stuckverzierten Decke, schwere Teppiche schlucken jedes Geräusch, vorbei führt der Gang an der elegant und behaglich eingerichteten Lobby mit dem knisternden Kamin und der Bar, an der regelmäßig Altrocker Udo Lindenberg anzutreffen ist. Das Ziel ist der Goldene Festsaal.

Die sechsköpfige Produktmanager-Crew stellt sich vor, alle rund 100 Besucherplätze werden nach und nach besetzt. Ein Videotape läuft ab: Kinder spielen auf Computertastaturen, Erwachsene blicken strahlend in PC-Bildschirme. Die Botschaft ist klar: Ach, wie einfach ist der Umgang mit der Microsoft-Software.

Über die Disharmonie in Familien

Bevor der visuelle Rundgang durch die Programme beginnt, nehmen die Produktmanager dem Publikum erst mal eine durchaus naheliegende Frage ab. Warum heißt "Office System" "Office System" und nicht mehr "Office Family"? "Wissen Sie", hebt ein Produktmanager an, "in einer Familie wird ja nicht immer gut zusammengearbeitet. Das ist beim neuen "Office System" eben anders."

Um den Anwesenden das neue Softwarepaket auch richtig schmackhaft zu machen und die Vorteile überzeugend darzustellen, greifen die Microsoft-Mitarbeiter im Weiteren auf externe Hilfe zurück. Marktforscher wie Forrester werden zitiert, Analysten von der Giga Information Group. Beide seien voll des Lobes.

Nur: Giga Information Group, eine amerikanische Unternehmensberatung, äußerte sich - was den Start der Auslieferung der neuen Version angeht - zuletzt pessimistisch. Microsoft hält indes am Auslieferungstermin Sommer 2003 fest, Analysten gehen vom vierten Quartal aus.

Ursache für den Wirbel: Der US-Softwarehersteller hatte zuletzt bestätigt, dass die ausgelieferte Testversion zu viele Fehler enthalte. Daher soll eine bislang nicht geplante weitere Testversion ausgeliefert werden.

Truthahn oder Edelfisch?

Sprachsteuerung ist noch Zukunftsmusik

Wie auch immer, potenzielle Kunden dürfte die zu erwartende Verzögerung verärgern. "Welche Argumente gibt es denn, für Privatanwender die neue Version zu kaufen?", wird der Microsoft-Repräsentant gefragt. "Nutzen Sie denn schon Windows XP?", heißt die Gegenfrage. Der interessierte Besucher bejaht.

"Nun ja ...", die Stimme des Microsoft-Angestellten gerät ins Stocken. Möglicherweise sind ihm die Argumente ausgegangen. Kurz wird noch auf Verbesserungen bei Outlook verwiesen - doch im Endeffekt beschränkt sich der Mitarbeiter auf die Auskunft, dass eher Unternehmen als Privatpersonen zu dem anvisierten Kundenkreis gehören.

Truthahn oder Edelfische?

Ein weiterer Besucher erkundigt sich nach der Implementierung eines sprachgesteuerten Systems. Fehlanzeige. "Die Technologie ist noch nicht so ausgereift", begründet ein Microsoft-Mitarbeiter die Nichtaufnahme der Technik ins Programm.

Etwas peinlich scheint der Crew des Software-Giganten dann die letzte Frage. Bevor es in den dritten Festsaal geht, wo mit Blick auf die Alster entweder Truthahn "Asia Style", Cassoulette von Edelfischen oder Penne Rigate mit Suprème vom jungen Gemüse offeriert wird, will ein Besucher wissen, ob denn jetzt ein Kalender mit Jahresansicht zum Programm gehört. Dem ist nicht so. "Wir haben bisher keine vernünftige Art gefunden, dies auch für kleinere Bildschirme zu implementieren", lautet die Antwort.

Ob die Sache mit dem Jahreskalender nun wirklich in die Reihe "dringender Verbesserungsbedarf" gehört, sei einmal dahingestellt. Klar ist: Jede noch so perfekt inszenierte Produktpräsentation kann durch wenige Nachfragen torpediert werden. Übrigens, der Preis für das Software-Paket steht noch nicht fest.

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