FC Bayern Aberkennung des Meister-Titels gefordert

"Großer Beschiss"- "unglaublich" - "ein Hammer" - der millionenschwere Geheimvertrag zwischen dem FC Bayern und Leo Kirch lässt die Wogen der Entrüstung hochschlagen. Die Kirchgeld-Affäre macht den Tabellenführer zum "Verein non grata". DFL-Geschäftsführer Pfad sagt, dass es für den FC jetzt sogar um die Lizenz geht.

Hamburg/München - In der Debatte um die Kirchgeld-Affäre des FC Bayern München will die Deutsche Fußball- Liga (DFL) mögliche Auswirkungen des umstrittenen Vertrags untersuchen. "Wir werden überprüfen, inwieweit der [geheime] Vertrag beim Lizenzierungsantrag hätte vorgelegt werden müssen", sagte DFL- Geschäftsführer Michael Pfad. Überprüft werden müsse auch die Frage, inwieweit der Liga als Gruppe ein materieller Schaden entstanden sei.

Unterdessen berichtet der "Kicker", dass ein anderer Verein der Liga aufgrund der Kirchgeld-Affäre bereits juristische Schritte gegen die FC Bayern München AG erwägt.

Weiterhin sagte der ehemalige Kirch-Vize Dieter Hahn im "kicker"-Interview zu der Affäre: "Wir wollten die Rechte sicher haben. Und wir hätten auch einen eigenen [TV-]Kanal mit den Bayern gemacht." Summen wollte er nicht nennen. "Aber es waren schon substanzielle Verträge. Uli Hoeneß war noch nie billig."

Einen Tag nach der Enthüllung der Kirchgeld-Affäre durch das manager magazin sieht es nicht gut aus für den FC Bayern. Bundesliga-Verantwortliche und Sportfans zücken geschlossen die Rote Karte - wie das Medienecho zeigt:

Ludger Schulze schreibt in einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung:

"Für Anhänger anderer Fußballfakultäten ist das unerträglich: dass ihre Lieblinge in der Arena chancenlos sind gegen diese ewigen Sieger- Bayern, die wie zum Hohn auch noch die moralische Oberhoheit wie eine Monstranz vor sich hertragen: Während anderswo herzhaft gegaunert oder einfach nur unseriös gewirtschaftet wird, bleibt beim FC Bayern stets alles picobello. …

So ließen sich die Bayern auch vor drei Jahren, als der letzte Fernsehvertrag mit Leo Kirch geschlossen wurde, als barmherzige Samariter der Liga feiern. … "Wir haben ziemlich geblutet. Es war aber auch ziemlich geschickt von den anderen, mich in die TV-Kommission zu holen", greinte Manager Hoeneß damals in die Mikrofone. Inzwischen ist herausgekommen, dass die Bayern sich ein Blut stillendes Trostpflaster in Millionenhöhe von Kirch haben aufkleben lassen. Heimlich, still und leise; hinter dem Rücken der 35 anderen Profiklubs.

… Vom moralischen Standpunkt …, den der Branchenführer für sich selbst gerne reklamiert, rangiert der Deal mit dem gewesenen Fernsehmogul auf der Anrüchigkeitsstufe eins.

Die Bild-Zeitung:

DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder und der geschäftsführende Liga-Vorsitzender Wilfried Straub (beide hatten die offiziellen TV-Verhandlungen geführt) gegenüber BILD: "Ich wusste von nichts."

… Liga-Aufsichtsratschef Werner Hackmann zweifelt die Darstellung der Bayern an: "Sie haben immer erklärt, keinen Vermarkter zu haben. Und jetzt war es plötzlich Kirch...."

Uli Hoeneß: "Ohne uns hätte die Liga niemals einen so überragenden TV-Vertrag bekommen." Eine Hälfte der Wahrheit - die andere muss jetzt ans Licht!

Schalke-Manager Rudi Assauer: "Wenn die Kohle wirklich rübergekommen ist, um den zentralen Vermarktungsrechten zuzustimmen, wäre es großer Beschiss und ein Skandal gegenüber den anderen Bundesliga-Klubs."

Stuttgart-Präsident Manfred Haas: "In der Dimension hört sich das unglaublich an. Wenn das so gewesen ist, ist das für mich unvorstellbar."

"Bayern hat reingelangt" - Reaktionen aus Dortmund, Nürnberg, Bochum, Leverkusen und Berlin

Dortmund-Präsident Dr. Gerd Niebaum: "Es ist für mich absolut unvorstellbar, der Verein habe das Geld bekommen, weil er seine Zustimmung für die weitere zentrale Vermarktung der Fernsehrechte gegeben hat."

FC Nürnberg-Präsident Michael A. Roth: "Wenn das wahr wäre, erklärt sich mir einiges. Dann verstehe ich auch, warum die Bayern damals auf der Sitzung dem Kirch so den Rücken gestärkt haben, als ich Zweifel an dessen Zahlungsfähigkeit hatte. Das wäre ein Hammer. Wir sitzen alle im gleichen Boot, bekommen die Gelder aus einem Topf - und Bayern hat schon davor reingelangt. Ich bin entsetzt."

Bochum-Boss Werner Altegoer: "Ein unglaublicher Vorgang. Dadurch kann der gesamte Fußball Schaden nehmen."

Leverkusen-Manager Reiner Calmund: "Jeder andere Klub, der sich dem Solidar-Pakt unterworfen hat, findet ein solches Handeln absolut nicht in Ordnung. Aber es sollte sich auch jeder fragen, ob er einen Kirch-Scheck in den Reißwolf schmeißen würde."

Hertha-Manager Dieter Hoeneß: "Wenn es so ist, dass die Bayern einen Vertrag mit einem Medienkonzern über Marketingmaßnahmen abgeschlossen haben, ist nichts dagegen einzuwenden."

Franz Beckenbauers Versuch, die Wogen zu glätten

Die Frankfurter Allgemeine zitiert Bayern-Präsident Franz Beckenbauer:

"Es gab einen Vertrag über Marketingrechte mit der Kirch-Gruppe. Das war ein ganzes Paket damals. Kirch hat einige Turniere organisiert und Freundschaftsspiele vermarktet. Außerdem wollten wir mit Hilfe von Kirch ein eigenes Bayern-TV installieren. Jeder Klub hat seinen Vermarktungsvertrag, so muß man das sehen. Wir haben die Rechte eben an die Kirch-Gruppe vergeben. " Zur Frage, warum der Vertrag nicht öffentlich bekannt wurde, hatte Beckenbauer "keine Erklärung".

DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder gegenüber der FAZ: "Ich habe weder vor, während, noch nach den Verhandlungen von einem derartigen Vertrag gehört, geschweige denn davon etwas gewusst. Im übrigen halte ich die dargelegten Behauptungen für unwahrscheinlich. Uli Hoeneß hat äußerst konstruktiv am Zustandekommen der Verträge mitgewirkt."

Frankfurter Rundschau:

Kein Wunder, daß andere Bundesligaklubs wie Borussia Dortmund, bis heute der strikteste Befürworter einer dezentralen Vermarktung, auf Aufklärung dringen. Der Dortmunder Manager Michael Meier sagte am Mittwoch in Madrid dieser Zeitung: "Ich kann mir aber nicht vorstellen, daß ein Verein wie Bayern München korrumpierbar ist und für die Änderung einer Meinung Geld bekommt."

Das Hamburger Abendblatt sprach mit HSV-Aufsichtsrat Frank Mackerodt:

"Stimmen die Fakten, wäre das Wettbewerbsverzerrung. Die Bayern hätten dann nicht nur ihre zusätzlichen Millionen-Einnahmen an die Liga abzuführen, auch die Aberkennung ihrer Meistertitel müsste angedacht werden. Schließlich haben sie sich mit diesem Geld auf dem Transfermarkt bedient."

Abendblatt-Redakteur Alexander Laux schrieb dazu in seinem Kommentar: "Verstöße gegen die guten Sitten gehören beim FC Bayern zum Geschäft. Doch mit seinem Geheimvertrag um zusätzliche TV-Millionen ist er wohl zu weit gegangen. … [FC-Bayern-Manager]Hoeneß muss sich darauf einstellen, dass die in Deutschland ohnehin weit verbreitete Antipathie gegen den Branchenprimus in blanken Hass umschlagen könnte.

… Ein noch nie da gewesener Ausbruch aus der Solidargemeinschaft der Bundesliga. Dabei spielten sich die Funktionäre in der Vergangenheit gerne als "sozialer" Club auf. ...

Und auch der Transfer von Sebastian Deisler von Berlin nach München zeigte, welche Kniffe der FC Bayern beherrscht. Zehn Millionen Euro Handgeld hatten Hoeneß & Co. dem Jung-Nationalspieler vorab - als Darlehen getarnt - überwiesen, und auch dies in der Öffentlichkeit zunächst bestritten. Ein klarer Verstoß gegen Fristen und Verträge. Auch im Fall Deisler wurde über Wettbewerbsverzerrung diskutiert. Zu Recht.

Die Berliner Morgenpost zitiert Martin Kind, Präsident von Hannover 96: "Hier sind DFL und ihre Gesellschafter, also die Vereine, gefordert. Wenn das stimmt, würde das das ganze Konstrukt in Frage stellen. Auf jeden Fall ist der Solidargedanke belastet, um es freundlich auszudrücken. Damit hätte man doch die anderen Vereine um höhere Anteile gebracht."

Ähnlich argumentierte Klaus Stabach, Manager von Energie Cottbus: "Das wäre Wettbewerbsverzerrung und eine Sauerei, wenn die einfach 40 Millionen Mark mehr bekommen haben. Uns würden ja schon zwei Millionen reichen." Er, Stabach, erinnere sich "dass nur Dortmund damals nicht für eine Zentralvermarktung gestimmt, sondern sich enthalten hat. Bayern hat dafür gekämpft - jetzt ahne ich, warum."

Tatsächlich hatten die Bayern zunächst auf eine Eigenvermarktung der TV-Rechte gepocht, bei der Vollversammlung der Profivereine im November 1999 jedoch einer zentralen Vermarktung zugestimmt. Ein bezahlter Sinneswandel? "Ich kann es nicht glauben, dass Bayern München ein Entgelt dafür bekommen hat", schimpfte Dortmunds Manager Michael Meier, der sich sofort an die DFL wandte.

FC Bayern München/Kirch: Grobes Foulspiel  FC Bayerns Kirchgeld-Affäre: "Die können nicht alles alleine einsacken" Bayern-Vorstandschef: Rummenigges Reaktion auf die Kirch-Pleite

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.