Irak-Krise "War sells"

Die Kritik an PR-Aktionen der US-Regierung, mit denen diese westliche Journalisten, Landsleute und die arabische Welt für einen zweiten Golfkrieg gewinnen will, nimmt zu. Politikwissenschaftler Hans J. Kleinsteuber beschreibt im mm.de-Interview Strukturen, Akteure und Prozesse.
Von Martin Scheele

mm.de:

Herr Kleinsteuber, derzeit scheint es in den Medien nur ein Thema zu geben: den möglichen Irak-Krieg. Kritiker werfen der USA derweil vor, mit einer Palette von Maßnahmen westliche Journalisten für den zweiten Golfkrieg begeistern zu wollen. Wie verhält sich die Bush-Regierung Ihrer Ansicht nach?

Kleinsteuber: Öffentlichkeitsarbeit von Regierungen ist an sich etwas ganz Normales. In den USA unterscheidet man die staatlichen PR-Aktionen: Es gibt die so genannte "weiße" Informationstätigkeit als Teil offizieller Aktionen, etwa der Voice of America. Die ist völlig transparent. Daneben gibt es auch "schwarze" Propaganda, verborgene Aktionen zum Beispiel von der CIA, hinter denen ganz offensichtlich die US-Regierung steht. Diese Aktionen schließen auch psychologische Kriegsführung ein, wie etwa Verhöhnungskampagnen gegen Saddam Hussein und gezielte Desinformationen.

mm.de: Haben die USA in dieser Hinsicht richtig aufgerüstet?

Kleinsteuber: Ja, Powell hat sich für den "weißen" Bereich vor einem Jahr professionelle Werbehilfe geholt. Charlotte Beers, eine der erfolgreichsten Frauen in der Werbebranche, machte er zur Staatssekretärin für Public Diplomacy und Public Affairs. Mit einer erfolgreichen Kampagne für Uncle-Ben's-Reis wurde sie bekannt. Aber amerikanische Außenpolitik lässt sich nicht so leicht verkaufen. Werbespots etwa, in denen amerikanische Muslime ihr Land preisen, waren für arabische TV-Programme bestimmt. Aber viele Sender weigerten sich, sie auszustrahlen.

mm.de: Vorwürfe, die USA würden teilweise gezielt Desinformationspolitik betreiben, sind nicht von der Hand zu weisen.

Kleinsteuber: Keineswegs. Man erinnere sich nur an den ersten Golfkrieg und an die faktisch gefälschte Story um das fünfzehnjährige kuwaitische Mädchen, die angebliche Krankenschwester "Nayirah". Die engagierte PR-Agentur Hill & Knowlton hatte das Mädchen in einer öffentlichen Anhörung darüber berichten zu lassen, dass irakische Besatzer angeblich mit Gewehren in Krankenhäuser eingedrungen und Säuglinge aus den Brutkästen geholt und auf den kalten Boden geworfen oder verkauft hätten.

Der von der Agentur hergestellte Film über die Aussage wurde an Sender verteilt, die diesen auch brachten und Entsetzen bei den Zuschauern auslösten. Der Film hat nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass das Meinungsbild in der US-Öffentlichkeit zugunsten eines Krieges kippte. Später stellte sich heraus, dass "Nayirah" die Tochter des kuwaitischen Botschafters in Washington und die Story eine Fälschung war.

Militärs als Journalisten

mm.de: Wie ist diese PR-Maschinerie historisch zu erklären?

Kleinsteuber: Der Vietnam-Krieg hinterließ ein Trauma. Viele Militärs meinten, er sei an der Heimatfront verloren worden, weil die Journalisten nicht unter Kontrolle waren. Tatsächlich ging er als der "unzensierte Krieg" in die Geschichte ein. In Vietnam war jeder Korrespondent einzeln unterwegs, konnte sich ein wahrhaftiges Bild machen. Differenzierte Berichterstattung war möglich.

Das Pentagon zog Konsequenzen und entwickelte ein so genanntes Pool-System für Journalisten. In Friedenszeiten wurden für den Pool nur Journalisten ausgewählter großer Zeitungen und Sender akkreditiert. Das Militär behielt sich eine Art Auswahlrecht vor. Wer "schlecht" berichtete, drohte die Akkreditierung zu verlieren. Inzwischen rückt man davon ab. Derzeit werden Journalisten in so genannten Boot Camps für den Kriegseinsatz trainiert. Die Journalisten werden dabei absichtlich rau behandelt. Das Signal ist klar: Man will vor allem frühere Militärs als Berichterstatter mitnehmen.

mm.de: Kritiker sagen, dass die "normalen" Medien in beginnenden Kriegszeiten schon an sich handzahm sind ...

Kleinsteuber: Leider ja, nehmen Sie "Newsweek" von letzter Woche. Das Wochenmagazin präsentierte auf der Titelseite den Kopf eines jungen amerikanischen Soldaten mit finster entschlossenem Blick, von unten nach oben fotografiert, als würde man ihm ein Denkmal setzen wollen.

mm.de: Stimmt die These, dass TV-Sender, Zeitungen und Radiostationen Profiteure des Kriegs sind?

Kleinsteuber: "War sells". Das ist einfach so. Die Einschaltquoten für Nachrichtensendungen schnellen nach oben, die Werbeminuten werden teurer, die Sender verdienen mehr. Ein einfacher Dreisatz. Dazu kommt: Die Zielgruppe für TV-News ist sehr viel wertvoller als die der bekannten Soap Operas, weil sie eine höhere Kaufkraft repräsentiert.

mm.de: Kommt es einem nur so vor, oder bereiten sich die US-Medien tatsächlich intensiv auf den möglichen Krieg vor?

Kleinsteuber: Es wird unglaublich viel berichtet - von den Aktivitäten der USA, Soldaten marschieren in Kolonnen in Transportflugzeuge, Matrosen nehmen in Hafen Abschied von ihren Ehefrauen und Kindern - nur, der vermeintliche Feind wird fast gar nicht dargestellt. Und wenn, dann diffus, mit stereotypen Bildern bedrohlich paradierender Kämpfer und selbstgefälligen Hussein-Auftritten. Dem Kriegsgegner verweigert man die Darstellung als Individuum - auch irakische Soldaten haben schließlich eine Familie. Es wird faktisch Partei ergriffen, und es werden Freund-Feind-Bilder aufgebaut.

Die Dominanz des Privatfernsehens

mm.de: Aus anderen Kriegsgebieten der Welt kennen wir diese Zweiteilung in Gut und Böse nicht ...

Kleinsteuber: Nehmen Sie das Beispiel Bürgerkrieg an der Elfenbeinküste, da werden "Feind" und "Freund" gleichermaßen dargestellt. Westliche Medien bemühen sich um faire Darstellung des zugrundeliegenden Konflikts, die eine wie die andere Seite werden zitiert.

mm.de: Wie sieht die Medienstruktur in den USA aus, haben kritische Stimmen eine Chance?

Kleinsteuber: Eigentlich sind die USA für eine umfassende Pressefreiheit bekannt. Doch in Zeiten der Vorkriegs- und Kriegsberichterstattung ist das erfahrungsgemäß anders. Das liegt zum Teil am System. Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk wie aus Deutschland kennen die Amerikaner nicht. Es gibt praktisch nur werbefinanzierten Rundfunk, außer Public Television, der auf drei Prozent Reichweite kommt.

Fast alle TV-Lokalsender sind den vier Networks wie ABC oder CBN angeschlossen, von denen sie die überregionale und internationale Berichterstattung übernehmen. Auch CNN lebt von Werbung. Es gibt allerdings einige bekannte "Widerstandsnester", vor allem im Internet. Dazu zählen Anbieter wie MediaChannel.org , das Center for Media and Democracy (prwatch.org ), oder AlterNet.org  Sie halten interessantes Material gegen den "visuellen Hurra-Patriotismus" bereit. Dort kann man auch viele Hintergrundberichte zur PR-Politik der Regierung finden. Gleichwohl muss betont werden, dass trotz der medialen Kriegsbegeisterung in den Medien Meinungsumfragen belegen, dass die Amerikaner den Irak-Krieg durchaus differenziert sehen.

mm.de: Sehen Sie noch eine Chance, dass der mögliche Irak-Krieg nicht stattfindet?

Kleinsteuber: Es gibt nach wie vor verschiedene Optionen. Eine wäre zum Beispiel, dass Saddam rechtzeitig ins Exil geht. Präsident Bush wird allerdings den Krieg kaum mehr abblasen können, stände er doch dann als Feigling dar.


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