Montag, 24. Juni 2019

Irak-Krise "War sells"

Die Kritik an PR-Aktionen der US-Regierung, mit denen diese westliche Journalisten, Landsleute und die arabische Welt für einen zweiten Golfkrieg gewinnen will, nimmt zu. Politikwissenschaftler Hans J. Kleinsteuber beschreibt im mm.de-Interview Strukturen, Akteure und Prozesse.

mm.de:

Herr Kleinsteuber, derzeit scheint es in den Medien nur ein Thema zu geben: den möglichen Irak-Krieg. Kritiker werfen der USA derweil vor, mit einer Palette von Maßnahmen westliche Journalisten für den zweiten Golfkrieg begeistern zu wollen. Wie verhält sich die Bush-Regierung Ihrer Ansicht nach?

Hans J. Kleinsteuber ist Professor für Politikwissenschaften und Journalistik an der Universität Hamburg. Zu seinen Spezialgebieten gehören Medienpolitik und Medienökonomie in Deutschland und im internationalen Vergleich.
Kleinsteuber: Öffentlichkeitsarbeit von Regierungen ist an sich etwas ganz Normales. In den USA unterscheidet man die staatlichen PR-Aktionen: Es gibt die so genannte "weiße" Informationstätigkeit als Teil offizieller Aktionen, etwa der Voice of America. Die ist völlig transparent. Daneben gibt es auch "schwarze" Propaganda, verborgene Aktionen zum Beispiel von der CIA, hinter denen ganz offensichtlich die US-Regierung steht. Diese Aktionen schließen auch psychologische Kriegsführung ein, wie etwa Verhöhnungskampagnen gegen Saddam Hussein und gezielte Desinformationen.

mm.de: Haben die USA in dieser Hinsicht richtig aufgerüstet?

Kleinsteuber: Ja, Powell hat sich für den "weißen" Bereich vor einem Jahr professionelle Werbehilfe geholt. Charlotte Beers, eine der erfolgreichsten Frauen in der Werbebranche, machte er zur Staatssekretärin für Public Diplomacy und Public Affairs. Mit einer erfolgreichen Kampagne für Uncle-Ben's-Reis wurde sie bekannt. Aber amerikanische Außenpolitik lässt sich nicht so leicht verkaufen. Werbespots etwa, in denen amerikanische Muslime ihr Land preisen, waren für arabische TV-Programme bestimmt. Aber viele Sender weigerten sich, sie auszustrahlen.

mm.de: Vorwürfe, die USA würden teilweise gezielt Desinformationspolitik betreiben, sind nicht von der Hand zu weisen.

Kleinsteuber: Keineswegs. Man erinnere sich nur an den ersten Golfkrieg und an die faktisch gefälschte Story um das fünfzehnjährige kuwaitische Mädchen, die angebliche Krankenschwester "Nayirah". Die engagierte PR-Agentur Hill & Knowlton hatte das Mädchen in einer öffentlichen Anhörung darüber berichten zu lassen, dass irakische Besatzer angeblich mit Gewehren in Krankenhäuser eingedrungen und Säuglinge aus den Brutkästen geholt und auf den kalten Boden geworfen oder verkauft hätten.

Der von der Agentur hergestellte Film über die Aussage wurde an Sender verteilt, die diesen auch brachten und Entsetzen bei den Zuschauern auslösten. Der Film hat nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass das Meinungsbild in der US-Öffentlichkeit zugunsten eines Krieges kippte. Später stellte sich heraus, dass "Nayirah" die Tochter des kuwaitischen Botschafters in Washington und die Story eine Fälschung war.

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