Microsoft Hochmut kommt vor dem Fall

Der Softwaregigant punktet gegen seinen Konkurrenten Sun. Doch Ungemach droht von der Open Source-Bewegung. Und eine südkoreanische Bürgerrechtsgruppe wird wohl das neuste Mitglied in der Reihe der juristischen Angreifer.

Seattle - Microsoft  soll wachsen. Dafür geht Konzernlenker Bill Gates ungewöhnliche Wege und wirbt – wie unlängst in Deutschland – für ein verstärktes Engagement an Schulen und Universitäten. Die offizielle Begründung lautet: "Wir wollten schon immer nicht nur wirtschaftlich erfolgreich sein, sondern gute Bürger."

Doch ob diese offensichtlichen PR-Strategien die drohenden negativen Entwicklungen von anderer Seite kompensieren können? Nicht immer hatte der Softwaregigant zuletzt das Glück auf seiner Seite wie jetzt im Fall Sun.

Ein Berufungsgericht hatte praktisch in letzter Minute der Gates-Company einen Aufschub bei der Integration der Programmiersprache Java in das neueste Windows-Betriebssystem gewährt, zu der der Konzern von einem anderen Gericht verpflichtet worden war.

Die Entscheidung kam einen Tag bevor Microsoft die Anordnung des Gerichts hätte umsetzen müssen. Ein Richter hatte Microsoft im Dezember dazu verurteilt, innerhalb der nächsten 120 Tage eine Windows-XP-Version mit Java herauszubringen. Java wurde vom Microsoft-Konkurrenten Sun Microsystems  entwickelt und erlaubt es Programmierern, Software zu schreiben, die auf allen Computern läuft - ob sie nun Windows, Apples Mac OS oder andere Betriebssysteme haben.

Kleiner Erfolge gegen Sun

Sun hatte sich über Wettbewerbsverzerrung beklagt, weil Microsoft Windows XP mit einer veralteten Java-Version ausliefert. Microsoft kam den Beschwerden am Montag schon teilweise entgegen, in dem es ein Update für Windows XP bereitstellte, das die alte Version entfernte.

Sun will erreichen, dass Microsoft Java in seinen Update-Service für Windows und den Internet Explorer übernimmt. Um Java zu integrieren, sollte Microsoft nach Entscheidung des Richters ein Windows Service Pack 2 herausbringen. Microsoft hatte Einspruch gegen die Entscheidung eingelegt. Analysten zufolge ist die Entscheidung des Berufungsgerichts ein kleiner Erfolg für Microsoft. An der Börse fiel der Kurs der Sun-Aktie im nachbörslichen Handel, der von Microsoft stieg leicht.

Open Soure-Bewegung grassiert

Unweit größerer Ärger droht dem Softwarekonzern durch das weitere Erstarken der Open Source-Bewegung, vor allem dem kostenlosen Betriebssystem Linux. Folge: Die Redmonder müssen in Zukunft ihre Preise für Software deutlich reduzieren, wie sie gerade in einer Stellungnahme gegenüber der US-Börsenaufsicht SEC mitgeteilt haben. Dies werde, so Microsoft, vor allem durch den aktuellen Umstieg zahlreicher Regierungsorganisationen in aller Welt auf offene Software beschleunigt.

Insgesamt 75 große staatliche Kunden hätten schon den vollständigen oder teilweisen Wechsel erklärt, darunter Deutschland, Australien und China. Aber auch in den USA wandten sich bisherige Abnehmer wie das Energieministerium, das Landwirtschaftsministerium und die Luftwaffe von dem Redmonder Konzern ab.

Südkoreaner gehen auf die Barrikaden

"Durch die wachsende Marktakzeptanz für das Open Source-Model werden die Verkäufe des Unternehmens (Microsoft) sinken", berichtet der Konzern, was auch die Gewinnmargen verringere. Das Unternehmen stemmt sich bereits seit längerem gegen diese Entwicklung. So wurde Regierungen vor kurzem ein umfassender Einblick in die Quellcodes des Betriebssystems Windows angeboten.

Linux kommt derweil selbst bei den superreichen Scheichs in Mode. So setzt Saudi Aramco, größter Ölproduzent der Welt, auf das kostenlose Betriebssystem. Seit Dezember suchen Computer, gesteuert von dem frei verfügbaren Betriebssystem, in Saudi-Arabien nach Öl. Somit tritt das Open-Source-Programm Linux zunehmend in Konkurrenz zu den Platzhirschen Windows und Unix. Vor allem den Server-Markt nehmen die Anbieter ins Visier. Das amerikanische Marktforschungsinstitut IDC prognostiziert bis 2006 einen Linux-Anteil an der installierten Server-Software von mehr als 25 Prozent. Zurzeit arbeiten erst rund 13 Prozent aller Rechner mit Linux. Bill Gates hatte noch vor wenigen Monaten über die "Randerscheinung Linux" gelästert.

Nach mehreren Verlustjahren wittern viele Branchen-Player nun ihre Chance. Red Hat, weltgrößter Linux-Dienstleister, rechnet 2003 mit ersten Gewinnen. An der Software verdienen die Spezialisten nichts. Die Anpassung an die Bedürfnisse der Kunden und Schulungen spült jedoch Geld in die Kasse.

Apple sagt den Redmondern den Kampf an

Auch der Computerbauer Apple  hatte Microsoft unlängst den Kampf angesagt. Mit einer breit angelegten Software-Initiative will sich das Unternehmen mehr Autonomie vom Softwaregiganten aus Redmond sichern. Apple-Chef Steve Jobs stellte vor kurzem einen Webbrowser vor, der direkt mit dem Internet Explorer von Microsoft konkurriert. Das Programm mit dem Namen Safari basiert auf der Linux-Software Konqueror, die in den vergangenen Monaten auch mit Hilfe von Apple-Ingenieuren als offene Software (Open Source) weiter entwickelt wurde. "Safari ist drei Mal schneller als der Internet Explorer", sagte Jobs.

Außerdem bringt Apple ein Präsentationsprogramm auf den Markt, das mit Microsofts PowerPoint im Wettbewerb steht. Schließlich bündelt Apple seine Programme, mit denen man Musik, Fotos und Videos bearbeiten sowie DVDs erstellen kann, in dem Software-Paket iLife.

Bürgerrechtler gegen Microsoft

Die Gruppe der Störenfriede hat unterdessen auch schon in Südkorea Anhänger gefunden. So will eine südkoreanische Bürgerrechtsgruppe Microsoft wegen des Schadens durch den Slammer-Wurm verklagen, der am 25. Januar weite Teile des Internet lähmte. Das meldete die Tageszeitung "Koreatimes". Die Gruppe "Volkssolidarität für demokratische Mitbestimmung" (PSPD) gab bekannt, dass sie eine Sammelklage prüfe, weil der Wurm, der eine Sicherheitslücke im Microsoft SQL-Server ausnutzte, den Internetzugang in dem Land praktisch zum Erliegen gebracht hatte.

Die PSPD will sich dabei auf ein neues Gesetz zur Produkthaftung stützen, das im Juli Südkorea in Kraft trat. Über 3.000 Nutzer von High-Speed Internetzugängen wollen sich dem Vorstoß anschließen. Ein Team von Verbraucherrechtsanwälten will sich noch in dieser Woche treffen, um die Details für das Vorgehen zu beraten. "Obwohl Microsoft argumentiert, Warnungen verschickt, und Patches bereitgestellt zu haben, sind sie ihrer Verantwortung nicht ausreichend nachgekommen, da sie ja Listen aller Käufer des SQL-Servers besitzen," so ein PSPD-Sprecher.

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