Chipfabrik "Aussichtslose Kiste"

Die beteiligten Banken bereiten offenbar den Ausstieg aus dem Prestigeobjekt in Frankfurt/Oder vor. Ein neuer Investor müßte 650 Millionen Dollar aufbringen. Bei einem Scheitern hätte die Landesregierung Steuergelder in Millionen Höhe in den Sand gesetzt.
Von Martin Scheele

Hamburg/Frankfurt (Oder) - Die geplante Chipfabrik in Frankfurt/Oder steht offenbar kurz vor dem Aus. Zwei mit der Kapitalbeschaffung beauftragte Institute wollen nach Informationen der "Welt" ihr Mandat Ende Februar abgeben. Dem Betreiber, der Communicant AG, soll eine Deadline bis Mitte nächsten Monats gesetzt worden sein, um Lösungen aus der Misere zu präsentieren.

Falls Commerzbank  und die arabische Gulf International abspringen sollten, dann klafft im Etat eine tiefe Lücke von 650 Millionen Dollar. Den Einstieg anderer Banken halten laut dem Zeitungsbericht gut informierte Kreise für ausgeschlossen. Indiz: Die Deutsche Bank  hatte zuvor vergeblich versucht, Partner für das 1,3-Milliarden-Prestigeprojekt des Landes Brandenburg zu finden.

Die Commerzbank wollte den Zeitungsbericht gegenüber manager-magazin.de nicht kommentieren. Wie manager-magazin.de aber aus Branchenkreisen erfuhr, wird die Zukunft des Prestigeprojekts als "aussichtslose Kiste" beurteilt. Grund: Es bestehe keine realistische Chance, das nötige Fremdkapital aufzubringen.

Bei Investitionen keine glückliche Hand

Die Branchenkenner gehen mit den Betreibern und der Landesregierung hart ins Gericht. So bürgt das Land Brandenburg beispielsweise für eine halbe Milliarde Euro. Auch wurden Steuergelder in Höhe von 38 Millionen Dollar eingesetzt. "Die haben so vor sich hin gewurschtelt und laienhaft agiert", heißt es. Die Landesregierung habe wohl mit dem Projekt vor den Landtagswahlen Pluspunkte sammeln wollen, doch mit Investionen (siehe Cargolifter und Rennstrecke Lausitzring) besäßen sie offenbar keine glückliche Hand.

Eine Rettung des Prestigeprojekts gilt als unwahrscheinlich. Zum einen hat Communicant noch keine Abnahmegarantien für die geplante Produktion sichern können. Auf dem Halbleitermarkt ist kein Ende der Krise in Sicht. Bei weltweiten Überkapazitäten ist ein Bedarf für zusätzliche Produktionsanlagen in Frankfurt/Oder nicht absehbar. Zum anderen gelten die Geschäftspläne als zu optimistisch.

Damit nicht genug: Bei dem Vorhaben ist Brandenburg stark vom amerikanischen Chip-Hersteller Intel  abhängig. Der Technologie-Lizenzvertrag zwischen der Communicant Semiconductor Technologies AG und Intel, dem zufolge amerikanische gegen deutsche Technologie getauscht wird, enthält eine Ausstiegsklausel für den US-Konzern. Die Ausstiegsklausel kommt zur Anwendung, wenn Communicant nicht bis zum 1. April 2004 die kommerzielle Produktion aufnimmt. Daran glaubt - laut einem Bericht des SPIEGEL - selbst Communicant-Vorstandschef Abbas Ourmazd nicht mehr.

Communicant versucht zu beruhigen

Angesichts der neuen Entwicklung versucht der Betreiber zu beruhigen. Ein Sprecher von Communicant meinte auf Anfrage von manager-magazin.de: "Ich hoffe, dass Totgesagte länger leben." Einen Kommentar zu dem möglichen Ausstieg der Banken wollte der Pressesprecher nicht abgeben. Auch hinsichtlich der offenbar angekündigten Deadline wurde ein Kommentierung verweigert. Zu der Kritik an dem Vorgehen der Landesregierung schließt sich der Sprecher allerdings an. "Die hätten das früher und besser planen können."

Das Projekt hatte schon seit längerem an massiven Glaubwürdigkeitsverlust gelitten. Wolfgang Fürniß (CDU), Ex-Wirtschaftsminister von Brandenburg und wichtigster politischer Förderer der Chipfabrik, musste wegen einer dubiosen Millionenzahlung aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zurücktreten. Zudem sorgte ein Wechsel im Management von Communicant für Irritationen. Der frühere Vorstandsvorsitzende Klaus Wiemer verließ im Mai 2002 die Firma ohne Angabe von Gründen, seitdem führt Professor Abbas Ourmazd die Geschäfte. Ourmazd ist nur bis Februar 2003 von seiner Stelle als Chef des staatlichen Frankfurter Forschungsinstituts IHP freigestellt.

Wirtschaftsminister sieht keine akute Gefahr

Unterdessen hat sich auch Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU) angesichts der Medienberichte zu Wort gemeldet. Er sehe keine akute Gefahr für das Milliardenvorhaben, sagte der Minister der Nachrichtenagentur "dpa". Es gebe zwar einen Aufschub zur Beschaffung privaten Kapitals. "Damit kann nicht ein Ausstieg vorweg genommen werden", sagte der Minister am Mittwoch in Potsdam.

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