Sonntag, 29. März 2020

EM.TV Was wusste Klatten wirklich?

Das Kartellamt prüft den Einstieg von Werner Klatten bei EM.TV. Stand Leo Kirch doch Pate bei dem Deal? Der Prozess gegen die ehemaligen Gründer Thomas und Florian Haffa wird am Montag fortgesetzt, ein neuer Gutachter ist gefunden.

Frankfurt/Main - Der Prozess gegen die EM.TV-Gründer Thomas und Florian Haffa kann offenbar wie geplant fortgesetzt werden. Das Münchner Landgericht hat den Betriebswirtschaftsprofessor Wolfgang Ballwieser als neuen Sachverständigen für den Fall gefunden, wie die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" berichtet.

Die Luft wird dünn: EM.TV-Chef Klatten steht neuer Ärger ins Haus
Er werde prüfen, ob das Medienunternehmen EM.TV bei der Gewinnprognose im August 2000 fehlerhafte Angaben gemacht habe. "Ich habe den Auftrag angenommen und werde das Gutachten in der geforderten Zeit erstellen", sagte Ballwieser der Zeitung.

Die Suche nach einem neuen Sachverständigen war nötig geworden, weil Haffas Verteidiger mit dem ursprünglich bestellten Wissenschaftler Kontakt aufgenommen hatte. Richterin Huberta Knöringer lehnte den Gutachter daraufhin wegen Befangenheit ab, und der Prozess drohte zu platzen. Nächster Verhandlungstag vor dem Münchener Landgericht ist an diesem Montag.

Bundeskartellamt prüft Einstieg von Klatten bei EM.TV

Derweil gerät EM.TV-Chef Werner Klatten wegen der angeblich dubiosen Finanzierung seines Einstiegs bei dem Medienunternehmen zunehmend unter Druck. So prüft das Bundeskartellamt laut einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" (Samstagausgabe), ob Filmhändler Leo Kirch den Einstieg heimlich finanziert hat.

Der Filmrechte-Händler Herbert Kloiber, EM.TV-Teilhaber und Kirchs größter privater Filmhandels-Konkurrent, äußerte Zweifel, ob Klatten nichts von den später bekannt gewordenen Hintergründen der Finanzierung gewusst habe.

Nach einem Bericht des SPIEGEL gewährte der niederländische Finanzier Constant Marie Vermeulen Klatten ein Darlehen über 46,3 Millionen Euro für die Übernahme von 25 Prozent der Aktien an EM.TV aus dem Bestand von Thomas Haffa. Vermeulen hat laut dem Magazin enge Beziehungen zum direkten Umfeld von Leo Kirch.

"Das wäre ein unglaublicher Vertrauensbruch", hatte Klatten dazu erklärt. Er hätte von alledem nichts gewusst, sagte der EM.TV-Chef gegenüber dem SPIEGEL.

Haffa fordert inzwischen von Klatten eine persönliche Bestätigung, dass Kirch nichts mit der Finanzierung zu tun und keinen Einfluss auf das Unternehmen habe, berichtete das Magazin.

EM.TV-Einstieg bei DSF liegt vorerst auf Eis

Die ungeklärten EM.TV-Finanzverhältnisse haben laut SPIEGEL drastische Konsequenzen für das Tagesgeschäft des Medienunternehmens. KirchMedia-Manager Hans-Joachim Ziems erklärte dem Magazin, dass Verhandlungen mit EM.TV über einen Einstieg ins Deutsche Sportversehen (DSF) vorerst gestoppt seien. Das Insolvenzrecht verbiete Geschäfte mit Personen, die im Verdacht stehen, dem alten Unternehmen und dessen handelnde Personen nahe zu stehen.

Der inzwischen insolvente Kirch wollte sich vor zwei Jahren bei EM.TV engagieren, doch die Wettbewerbsbehörde äußerte damals Vorbehalte wegen einer Beteiligung von EM.TV an Kirchs größtem privaten Filmhandels- Konkurrenten Tele München.

Tele-München-Haupteigentümer Herbert Kloiber habe immer vermutet, dass Kirch hinter Klatten stehe und das Kartellamt nun gebeten, bislang geheime Verträge zu untersuchen. Die erst jetzt bekannt gewordenen Papiere legten eine Verbindung zwischen Kirch und Klatten nahe.

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