AOL Time Warner Zeit für radikale Schritte?

Nach dem Abtritt von AOL-Urgestein Steve Case steht der amerikanische Mediengigant vor einer Neuausrichtung. Planen die Männer der Old Economy jetzt die Aufspaltung von AOL und Time Warner?

Washington - Nach dem Rückzug des Obervisionärs Steve Case steht möglicherweise eine strategische Neuausrichtung bei AOL Time Warner  an. Analysten sind diesbezüglich allerdings unterschiedlicher Meinung. Einigkeit unter den Branchenbeobachter herrscht dagegen darüber, dass nach den monatelangen Machtkämpfen jetzt die Männer der Old Economy in dem Medienkonzern wieder das Sagen haben.

Rückblick: Steve Case, Mitgründer des Internet-Dienstes America Online (AOL) und Architekt der Übernahme des Medienkonzerns Time Warner, hatte am Montag dieser Woche seinen Rücktritt vom Posten als Chairman des fusionierten Unternehmens für Mai angekündigt. Er will jedoch einfaches Verwaltungsratsmitglied bleiben.

Ingmar Lehmann, Aktienanalyst von der SEB, nennt diesen Schritt gegenüber manager-magazin.de "halbherzig". Gravierende Veränderungen erwartet der Branchenbeobachter bezüglich der strategischen Ausrichtung. "Ich halte eine Abspaltung von AOL zu sechzig Prozent für wahrscheinlich". Cases Schritt sei längst überfällig und stehe stellvertretend für die gescheiterte Fusion.

"Fusionen bringen keinesfalls immer Synergieeffekte", sagt Lehmann weiter, "vor allem wenn so verschiedene Unternehmenskulturen wie bei AOL und Time Warner aufeinanderprallen, also New-Economy-Leute gegen Old-Economy-Manager." Bestes Indiz dafür: Die Vermarktung von Inhalten sei nie richtig angelaufen.

Wird AOL aus dem Konzernnamen gestrichen?

Andere Aktienanalysten halten eine Richtungsänderung im Konzern für unwahrscheinlich. "Die Ziele und die Ausrichtung des Unternehmens dürften sich nicht ändern", zitiert die "FTD" einen Internetspezialisten von Salomon Smith Barney.

"Eine Trennung von AOL und Time Warner wäre Schwachsinn" kommentiert ein Branchenbeobachter die Lage gegenüber manager-magazin.de. Der Medienkonzern müsse sich vielmehr auf das Kerngeschäft konzentrieren. AOL, der größte Verlustbringer im Konzern, wäre dann nur eine Sparte unter vielen.

Einig sind sich die meisten Branchenbeobachter darin, dass die neue Führungsriege unter Leitung des Time-Warner- annes Richard Parsons schnell eine Reihe von Fragen klären muss.

Zum einen: Kommt die avisierte Börsengang der Breitbandspalte? Unklar ist auch, wie das Verfahren vor der US-Börsenaufsicht SEC ausgeht. Im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen Vorwürfe, Manager von AOL Time Warner hätten die Bilanzen geschönt.

Klar scheint, dass die Negativmeldungen aus dem Unternehmen Ende Januar ihre Fortsetzung finden dürften. Aktienanalysten halten es für wahrscheinlich, dass bei der Vorlage der Jahreszahlen am 29. Januar eine weitere hohe Abschreibung angekündigt wird. Schon im ersten Quartal 2002 hatte das Unternehmen eine Rekordabschreibung von mehr als 54 Milliarden Dollar verbucht.

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