Digital-TV Startschuss fürs "Überallfernsehen"

Berlin und Brandenburg haben ein Stück Fernsehgeschichte geschrieben. Die Landesmedienanstalt startete am Donnerstag das digitale TV über Antenne.

Berlin - Berlin und Brandenburg steigen am Donnerstag auf das digitale Antennen-TV um. Damit ist die Region der erste deutsche Ballungsraum, der auf die neue Übertragungstechnik mit der Abkürzung DVB-T umsattelt. Bundesweit soll die Umstellung 2010 abgeschlossen sein.

Die von den Berliner Sendetürme ausgestrahlten TV-Bilder und Töne in digitaler Qualität können mit normalen Dach- und Zimmerantennen empfangen werden. Damit sie auf dem Fernsehschirm sichtbar werden, müssen die Geräte aber entweder selbst mit Digital-Decodern ausgestattet sein oder mit einer Zusatzbox aufgerüstet werden.

Die Umstellung auf DVB-T, von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) als "Überallfernsehen" gepriesen, soll schnell abgeschlossen werden. Schon im kommenden Sommer soll die analoge Ausstrahlung von TV-Programm komplett abgestellt werden.

Besseres Bild und mehr Programme

Rund fünf Millionen Euro lassen sich TV-Sender und mabb die Einführung des terrestrischen Digital-TVs nach eigenen Angaben kosten. Zwei große Vorteile soll DVB-T den rund 150.000 Haushalten bringen, die ihre Programme per Antenne empfangen. Die digitale Übertragung liefert eine bessere Bild- und Tonqualität, und die Zahl der empfangbaren Programme wächst erheblich. Beim Start am Donnerstag waren zunächst acht große TV-Stationen dabei, neben den öffentlich-rechtlichen Anstalten die privaten Sender RTL und ProSieben/Sat1. Für die zweite Ausbaustufe Anfang März 2003 rechnet mabb-Chef Hans Hege mit mehr als 20 Sendern.

Weitere Programmanbieter wären in Berlin willkommen, halten sich aber offenbar auf Grund der Kosten für die terrestrische Ausstrahlung zurück. Denn im Gegensatz zum Kabel oder dem Satelliten-TV werden statt der Zuschauer die Sender für die Einspeisung ihrer Angebote zur Kasse gebeten.

Nachrüstung erforderlich

"Aus Sicht der Verbraucher ist die Umstellung mit Sicherheit ein Fortschritt", sagt Sascha Bakarinow, bei der mabb für die Einführung von DVB-T zuständig. So müsse der Zuschauer für den Empfang lediglich die ohnehin anfallenden Gebühren für die öffentlich-rechtlichen Anstalten bezahlen. Hinzu kommt die einmalige Ausgabe für eine so genannte Set-Top-Box. "Die Preise für die Boxen schwanken zwischen 199 und 500 Euro", sagte Andrä Hermann, Chef des Fachverbands Consumer Electronics, in dem sich die Gerätehersteller zusammengeschlossen haben. Sonderangebote der Fachgeschäfte liegen bereits unterhalb dieser Spanne und Experten erwarten weitere Preissenkungen.

DVB-T kann auch Datendienste ausstrahlen und damit zu einer Konkurrenz für die künftigen UMTS-Netze werden. Bakarinow hält eine Kooperation mit den Telefonkonzernen für wahrscheinlich. In der Praxis könnten etwa Fußballspiele per Digital-TV auf das Handy übertragen werden.

Nur neun Prozent machen mit

Zu einer echten Konkurrenz für die Kabel- und Satellitennetze wird DVB-T nach Ansicht vieler Fachleute jedoch nicht. Derzeit liegt der Anteil der auf die Antennenübertragung angewiesenen Haushalt nach Angaben der Beratungsfirma Insieme Consult bei neun Prozent. 55 Prozent empfingen TV-Programme durch das Kabel, der Rest via Satellit.

"Rein wirtschaftlich gesehen ist die Investition in DVB-T in Deutschland absoluter Unsinn", sagte Insiem-Experte Ralf Süternich. Pro Haushalt koste die Ausstrahlung 24,50 Euro, bei Kabel und Satellit seien dies nur Cent-Beträge. Bakarinow weist diese Rechnung zurück. DVB-T solle nur in den Ballungsgebieten ausgestrahlt werden und liege damit bei den Kosten mit den anderen Übertragungstechnologien gleichauf.

Wolfgang Mulke, Reuters