IT-Branche Von Normalität weit entfernt

Regelrecht enthusiastisch reagierten Investoren am Donnerstag auf die ersten Lichtblicke in der IT-Branche. SAP und IBM überraschen den Markt. Doch von einer dauerhaften Wende wollen die Analysten dennoch nicht sprechen.

Stuttgart - Seit Monaten sieht es für die IT-Branche düster aus. Am Donnerstag erwachte die Branche aber wieder zu neuem Leben. Der Branchenriese SAP  überraschte positiv mit seinen Zahlen zum dritten Quartal, IBM  legte im Dienstleistungs-Geschäft deutlich zu. Doch halten es Analysten für verfrüht, daraus in der Informationstechnologie bereits die Wende zum Besseren abzuleiten. Die Unwägbarkeiten seien immer noch groß.

Schwieriges viertes Quartal

An der gebremsten Investitionsbereitschaft der Unternehmen in Software und IT-Dienstleistungen habe sich grundsätzlich nichts geändert, warnte WestLB-Panmure-Analyst Gunnar Plagge in London. Nur in Teilbereiche des Marktes sei Bewegung gekommen. "Es geht um Software, die nicht zwei Jahre zur Implementierung braucht und binnen kurzem konkrete Resultate zeigt", umreißt er die bereits wieder gefragten Produkte.

Kräftig auf die Euphoriebremse tritt auch Knut Woller von der HypoVereinsbank : "Aus unserer Sicht war das dritte Quartal noch nicht das kritische. Dieses Jahr ist alles andere als normal." Der gewohnte Kehraus in den Budgets vor dem Jahresende werde ausbleiben, sagte Woller voraus. Sie würden stattdessen gestrichen oder eingefroren.

"Unsere Kunden geben noch immer Geld aus", beeilte sich IBM-Finanzchef John Joyce indes vor Analysten zu erklären. "Auch in diesem unruhigen ökonomischen Umfeld tätigen Unternehmen beträchtliche und langfristig ausgerichtete Investitionen in Software", stieß SAP-Co-Vorstandschef Henning Kagermann ins gleiche Horn.

IBM und SAP waren nach einer langen Reihe pessimistischer Einschätzungen aus der Branche die ersten Konzerne, die bessere Zahlen vorlegten als erwartet. "Unsere Branche erholt sich noch immer nicht", hatte Intel -Chef Andy Bryant tags zuvor noch geunkt und damit eine Verkaufswelle bei Technologie-Aktien ausgelöst.

Erfolge überstrahlen krisengeschüttelte Branche

Umso begieriger saugten die Anleger die vorsichtig positiven Signale von IBM und SAP auf. "Wenn Schwergewichte wie IBM oder SAP gute Zahlen liefern, dann geht man davon aus, dass es der gesamten Branche nicht so schlecht gehen kann", erklärte Thomas Becker, Analyst bei HSBC Trinkaus, den Aufwärtstrend der Technologiewerte. Allein SAP-Aktien legten am Donnerstag um ein Viertel zu, IBM legten in Frankfurt 13 Prozent zu. "Jeder will bei einem Börsenaufschwung wieder dabei sein", sagte Becker.

Vertrauen noch nicht gefasst

Doch handelt es sich nach Ansicht von Analysten um einzelne Erfolgsstorys. Für die krisengeschüttelte Branche sieht Becker auch im kommenden Jahr keine signifikante Erholung. "2003 wird ein verlorenes Jahr für die IT-Branche sein." Das glauben auch die Chip-Konzerne AMD und Infineon, die ihre Investitionen radikal zusammengestrichen haben.

Vertrauen in die Konjunktur haben SAP und IBM noch nicht gefasst. SAP setzte, wie erwartet, angesichts der Unsicherheit in der Branche die Umsatzprognose für 2002 aus. Der Erfolg bei IBM gilt bei Experten als hausgemacht. "Offensichtlich zahlen sich die Sparmaßnahmen und der Blick auf die Margen aus", sagte Fondsmanager James Luke von BB&T Asset Management. Bei SAP sieht Knut Woller auch im Schlussquartal noch Einsparpotenziale. Allein für Mitarbeiter-Boni habe der Konzern 500 Millionen Euro zurückgestellt. "Das lässt sich vielleicht ein bisschen kürzen", sagte er.

Bei IBM war es das Dienstleistungsgeschäft, das mit neuen Verträgen über neun Milliarden Dollar den Abwärtstrend stoppte und sich als größte Sparte des US-Hard- und Software-Konzerns behauptete. Das Software-Geschäft büßte drei Prozent Umsatz ein. Bei SAP war der Lizenzumsatz, die verlässlichste Einnahmequelle des Konzerns, fünf Quartale in Folge rückläufig gewesen, nun kam die Trendwende sogar in den USA, wo SAP im ersten Halbjahr noch ein Viertel weniger Softwarelizenzen verkauft hatte. "Das waren in erster Linie Marktanteilsgewinne", sind sich Unternehmen und Analysten einig.

Steigt Microsoft bei Siebel ein?

Umso gespannter warten die Analysten auf die Ergebnisse der Konkurrenten von SAP. Siebel Systems , Peoplesoft  und i2 Technologies berichten in der Nacht zum Freitag über ihr Quartal. Siebel, noch Nummer eins bei Vertriebssoftware, leide mit seinen komplexen Produkten stärker als andere unter den schrumpfenden Vertragsvolumina, sagten Analysten. Eine Rede von Microsoft -Gründer Bill Gates auf der Hausmesse von Siebel nächste Woche schürte Spekulationen über einen Einstieg des Softwareriesen bei Siebel. "Nächste Woche sind wir schlauer", sagte Analyst Plagge.

Alexander Hübner, Reuters