Microsoft Offenes Geheimnis

Der weltgrößte Softwarehersteller versucht aufs Neue, die Kartellrichterin sanft zu stimmen. Er veröffentlicht weitere Windows-Codes. Doch die sind offenbar schon längst bekannt.

Redmond - Der Softwarekonzern Microsoft  gab sich wieder einmal ganz liberal. "Mehr Freiheit" für Kunden und Hersteller wolle er schaffen, verkündete Microsoft Anfang August. Der durch das Kartellverfahren der US-Regierung in die Enge getriebene Softwarehersteller wollte bis zum Ende des Monats die bisher nicht offiziell erhältlichen Programmschnittstellen (APIs) im Betriebssystem Windows veröffentlichen.

Dies soll Softwareentwicklern die Möglichkeit geben, sich von der Zwangsbindung an Microsoft-Tools wie den Internet-Browser "Internet-Explorer" und die Medienabspielsoftware "Media Player" zu befreien und so auch Konkurrenzprodukte jenseits der Windows-Welt zu nutzen. Nun stehen die Codes auf den Webseiten des Microsoft Developer Network (MSDN) - und die Entwicklerszene ist enttäuscht.

Die 272 internen Schnittstellen, die öffentlich werden sollten, würden sich nun beim näheren Hinsehen allenfalls als 272 einzelne Funktionen entpuppen, berichtet heise.de - und diese dienten hauptsächlich der Zusammenarbeit mit dem Windows Explorer selbst.

Beschreibungen lücken- und fehlerhaft

Der Informationsdienst zitiert Softwareentwickler mit dem Vorwurf, dass Microsoft nur offen gelegt habe, was schon lange Zeit durch im Internet vorhandene Dokumente öffentlich sei oder aus Microsoft SDKs bereits hervorgehe. Zudem seien die Beschreibungen lücken- und fehlerhaft.

CNetNews.com lässt dagegen Analysten zu Wort kommen, die in der Veröffentlichung zumindest "einen ersten wichtigen Schritt" sehen, um die Lücke zwischen Microsofts Mmiddleware-Programmen wie den MediaPlayer und konkurrierenden Produkten wie den RealPlayer von RealNetworks zu schließen.

Freigabe der Protokolle gefordert

Der Softwareriese aus Redmond gibt die Codes seiner Schnittstellen im Übrigen nicht freiwillig preis. Die Veröffentlichung ist Teil eines Kompromissvorschlages im noch laufenden Kartellverfahren aus dem vergangenen November.

Neben dem Versprechen, die Schnittstellen öffentlich zu machen, hatte Microsoft auch angeboten, die Windows-Protokolle zu veröffentlichen - bisher blieb es jedoch bei der guten Absicht. Gerade die Freigabe der Protokolle hatten Kritiker jedoch immer wieder von Microsoft gefordert.

Der Softwarehersteller hatte sich im Kartellverfahren mit dem US-Justizministeriums bereits außergerichtlich auf einen Kompromissvorschlag geeinigt. Neun amerikanischen Bundesstaaten ging die Einigung aber nicht weit genug, sie hielten an der Klage, Microsoft habe seine monopolhafte Stellung missbraucht, weiter fest.

Nach der Veröffentlichung der Codes bleibt abzuwarten, ob Microsofts Taktik aufgeht und Colleen Kollar-Kotelly, Vorsitzende Richterin im Kartellverfahren, dem Softwaregiganten seine Läuterung abnimmt. Sie muss dem außergerichtlichen Kompromissvorschlag zwischen Microsoft und der US-Regierung zustimmen. Das abschließende Urteil erwarten Beobachter für das Ende des Sommers.