Musikindustrie Schuld ist immer das Internet

Musikpiraten bereiten der Plattenindustrie zunehmend Kopfzerbrechen. Im ersten Halbjahr brach der Tonträgerabsatz um zehn Prozent ein. Eine Untersuchung zeigt jedoch: Zumindest die Online-Tauschbörsen sind an der Misere nicht Schuld.

Köln – Normalerweise nutzt die Musikbranche die PopKomm in Köln, um sich im eigenen Erfolg zu sonnen. Diesmal vermiesen deutliche Missklänge die Stimmung auf der Messe. Der Grund: Massive Absatzeinbrüche bei den CDs.

Im ersten Halbjahr 2002 ging der Tonträgerverkauf um über zehn Prozent auf rund 97 Millionen Stück zurück. Damit setzte sich der Abwärtstrend des vergangenen Jahres fort. Schon 2001 war der Umsatz um rund zehn Prozent auf insgesamt 2,25 Milliarden Euro gefallen.

"Ich bin froh, wenn wir unter zehn Prozent Rückgang bleiben", sagte Gerd Gebhardt, Vorstandsvorsitzende der deutschen Phonoverbände, zu den Aussichten für das Gesamtjahr. Einen Schuldigen für die Misere hat der Verbandschef schnell parat. "Das massenhafte Kopieren von CDs ist für uns ein Riesenproblem", so Gebhardt.

Web-Tauschbörsen - keinen Einfluss auf den Verkauf

Jetzt soll die Politik gegen Musikpiraten helfen. Nach den Worten Gebhardts ist die Novellierung des Urheberrechts wichtig. Mit einem Gesetzesentwurf habe die Bundesregierung zwar der Forderung der Phonoverbände entsprochen, die Umgehung von Kopierschutzsystemen künftig zu verbieten. "Dieses Gesetz wird aber nicht vor der Sommerpause durchgesetzt und wir müssen auf die neue Legislaturperiode warten", sagte Gebhardt. Dabei wirke sich jeder verlorene Tag negativ für die deutsche Musikbranche aus.

Eine andere mögliche Ursache für den Umsatzeinbruch der Plattenkonzerne soll sich indes weniger stark auf die Absatzentwicklung auswirken, als bisher angenommen. Die populären Musiktauschbörsen im Internet haben nach Angaben des Marktforschungsinstituts Forrester Research anders als vielfach vermutet keinerlei Einfluss auf den Verkauf von Musik-CDs.

Die Argumentation der Musikindustrie, dass der Umsatzrückgang der vergangenen zwei Jahren auf den illegalen Tausch im Internet zurückzuführen sei, habe in einer Untersuchung nicht bestätigt werden können, teilte das Unternehmen mit.

Die Zukunft der Plattenindustrie liegt im Internet

"Es besteht kein Zweifel, dass die Zeiten für die Musikindustrie sehr schwer sind, aber der Grund dafür liegt nicht in der Möglichkeit, Musikstücke online herunterzuladen", sagte Forrester-Analyst Josh Bernoff. Eine ganze Reihe anderer Ursachen seien für die Umsatzeinbußen verantwortlich, darunter zum Beispiel die allgemeine wirtschaftliche Rezession sowie die Konkurrenz durch Video-Spiele und DVDs.

Eine Befragung unter 1000 Online-Konsumenten in den USA habe keinerlei Anhaltspunkte dafür geliefert, dass Kunden, die häufig digitale Musikangebote nutzten, weniger CDs kauften. Schon bald werden demnach die Musiklabels erkennen, dass es mehrere simple Wege gibt, Online-Konsumenten zufrieden zu stellen. Als erstes müsse jedoch sichergestellt werden, dass man den Kunden Musik nicht nur von zwei oder drei, sondern von allen Labels anbieten kann.

Bereits im Jahr 2007 werde die Musikindustrie mit digitalen Abo- und Kaufangeboten rund zwei Milliarden Dollar, rund 17 Prozent ihres Gesamtumsatzes, einnehmen schätzt Forrester.