Microsoft Bills umstrittene Stiftung

Auf dem Papier hat sich die gut dotierte Stiftung von Bill Gates und seiner Gattin Melinda der Wohltätigkeit verschrieben. Gleichzeitig investiert sie in Firmen, die dem Microsoft-Konzern nützlich sein könnten. Kritiker sehen darin eine Quelle für mögliche Interessenkonflikte.

Seattle - Das Timing der Investments fiel auf. Es war im Oktober 2001, als die Bill and Melinda Gates Foundation, die reichste Wohltätigkeitsstiftung der USA, 5,4 Millionen Aktien des US-Kabelnetzbetreibers Cox Communications kaufte. Der damalige Marktpreis: 199,8 Millionen Dollar.

Am selben Tag griff noch ein zweiter Investor zu: Bill Gates selbst. Für 299,7 Millionen Dollar erwarb er weitere 8,1 Millionen Cox-Aktien. Auffallend auch: Beide Transaktionen wurden vom selben Vermögensmanager durchgeführt - Michael Larson, der sowohl das Privatvermögen des Multimilliardärs Bill Gates als auch die Mittel der Bill and Melinda Gates Foundation verwaltet.

Zähes Liebeswerben

Die Cox-Käufe der Gates-Stiftung und weitere Aktiengeschäfte lassen die Debatte über Interessenkonflikte und möglichen Machtmissbrauch wieder aufleben, die schon seit längerem in US-Finanzkreisen und -fachmedien geführt wird. Die Leitfrage, die das "Wall Street Journal" nun erneut in einem umfrangreichen Artikel aufwirft: Ziehen Bill Gates oder sein Konzern Microsoft  Nutzen aus den Aktienkäufen der Stiftung, die eigentlich unabhängig und allein im Dienste der Wohltätigkeit agieren sollte?

Das Cox-Investment könne durchaus den Anschein erwecken, dass die Gates-Stiftung hier nicht im eigenen, sondern im Sinne ihres Namensgebers agiert, sagte Douglas Mancino, Anwalt aus Los Angeles und Experte für steuerbefreite Organisationen wie Stiftungen, dem "Journal".

Denn der Kabelanbieter Cox wird seit Monaten von Microsoft umworben. Und im selben Zeitraum hat die Gates-Stiftung ihre anfängliche, im Oktober erworbene Position von Cox-Aktien noch einmal aufgestockt. Die Stiftungsaktien gehören übrigens indirekt doch wieder Bill Gates. Da er als Kurator der Stiftung amtiert, gilt er formal als Nießbrauchsberechtigter ihrer Wertpapierbestände.

Ein Korb von Cox

Das umworbene Unternehmen Cox verfügt mit seinen Kabeln über den Zugang zu 6,3 Millionen Haushalten in den USA. Der Microsoft-Konzern würde über dieses Netz gerne interaktive Dienste und Breitband-Varianten seines Onlinedienstes Microsoft Network (MSN) ausliefern, möglichst exklusiv. Breitbandige Internetzugänge gelten zudem als essentielle Voraussetzung für den Erfolg der Spielkonsole Xbox, die sich durch ihre Netzanwendungen von Konkurrenzprodukten wie der Playstation und dem GameCube abgrenzen soll.

Bisher scheint es aber, als würde Cox eine exklusive Partnerschaft mit dem MSN-Konkurrenten AOL eingehen. Der 5,8-Prozent-Anteil, den Gates und seine Stiftung inzwischen gemeinsam halten, könnte Cox durchaus geneigter machen, den Wünschen des Minderheitsaktionärs Gehör zu schenken - und eventuell doch mit MSN zusammenzuarbeiten, so argumentieren Kritiker der Stiftungs-Investments.

"Es gibt keinen Zusammenhang"

"Es gibt keinen Zusammenhang"

Dass die Stiftung im Sinne ihres Gründers Druck auf Vorstände ausübt oder von ihren Stimmrechten Gebrauch macht, können die Kritiker freilich nicht nachweisen. "Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Microsoft und der Stiftung", beteuerte denn auch Joe Cerrell, Sprecher der Stiftung gegenüber dem "Journal".

"Es gibt hier eine sehr strikte Trennung", unterstreicht sein Sprecher-Pendant bei Microsoft im Gespräch mit derselben Zeitung. Anwalt Mancino ist ebenfalls der Meinung, dass Gates und seine Stiftung formal völlig korrekt handeln.

Doch bereits der bloße Anschein von Interessenkonflikten könnte dem Image der Stiftung schaden, befindet das Blatt. Und schon vor den Cox-Käufen haben US-Medien die Ethik ihrer Aktienkäufe hinterfragt. So hat die Gates Foundation, die nach US-Medienangaben zuletzt 23,8 Milliarden Dollar verwaltete, systematisch Aktien von insgesamt neun bedeutenden Pharma-Konzernen, darunter Johnson & Johnson, Pfizer und Merck, gekauft. Für ihre Merck-Aktien hat die Stiftung immerhin 69,8 Millionen Dollar ausgegeben.

Bemerkenswerte Querverbindungen

Schon spekulieren Microsoft-Kritiker, ob hinter diesen Investments ein verborgenes Kalkül steckt. Die Pharma-Konzerne und Microsoft, so eine Verschwörungstheorie, haben durchaus gemeinsame Interessen. Denn beide agieren als entschiedene Verteidiger eines möglichst starken Urheberrechtes.

Während die Pharma-Konzerne ihre Medikamentenpatente und damit ihre Einnahmequellen langfristig absichern wollen, möchte Microsoft verhindern, dass Konkurrenten Zugriff auf Programme und Codes bekommen und es so schwer wie möglich machen, sie zu kopieren. Eine Beteiligung Gates', und sei sie auch indirekt, könnte diese Allianz festigen, so die Vermutung. Merck-Chef Raymond Gilmartin wurde übrigens im vergangenen Jahr in den Microsoft-Aufsichtsrat berufen.

Kurzfristig ein mieses Investment

Die Verteidiger der Gates-Stiftung können allerdings ein gewichtiges Argument ins Spiel bringen: Selbst wenn die Foundation für dreistellige Millionenbeträge Blue-Chip-Aktien erwirbt, bleiben ihre Anteile am Gesamtkapital dieser Firmen verschwindend gering. Bei Cox sind Gates und seine Stiftung gemeinsam zwar der wichtigste außenstehende Großaktionär. Bei Merck wirkt der zweistellige Millionenanteil der Gates-Stiftung aber - verglichen mit der Marktkapitalisierung von zuletzt 116 Milliarden Dollar - winzig klein.

Den Gates-Gegnern bleibt immerhin die Schadenfreude. Seit Gates und seine Stiftung im Oktober für zusammen rund 500 Millionen Dollar die strittigen Cox-Aktien gekauft haben, ist deren Wert um 45 Prozent gefallen.

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