Spieleindustrie Hollywood am Apparat

Die Spielespezialisten melden einen Absatzrekord nach dem nächsten, dennoch ringen viele Firmen nach Luft. Die Branche wird dem Film-Business immer ähnlicher.

London – Lara Croft ist ein gutes Beispiel. Die Heldin der Tomb-Raider-Spiele hat alles, was eine wirklich erfolgreiche Spielfigur braucht: ein großer Medienhype, ein eigener Film mit Starbesetzung und viele Fans, die nur auf das nächste Abenteuer warten. Seit 1996 verkauften sich die Spiele mit der kurvenreichen Cyber-Ikone rund 27 Millionen mal. Doch trotz des beispiellosen Erfolgs der Frontfrau musste Croft-Entwickler Eidos 2001 einen Verlust von knapp einhundert Millionen Pfund melden.

Dafür gibt es mehrere Gründe: Nach Angaben von Eidos-Chef Mike McGarvey ist das Unternehmen zu schnell gewachsen. "Wir mussten irgendwann Probleme bekommen, weil die Fundamente für eine gute und starke Organisation noch nicht gelegt waren", sagte er der "Financial Times".

Ein weiterer Grund ist die Veränderung der Rahmenbedingungen. Früher entwarfen die Entwickler ein Spiel und schalteten die Marketing-Abteilung erst ein halbes Jahr vor dem Verkaufsstart ein. Das war möglich, weil die finanziellen Risiken eines Flops noch nicht so hoch waren. Wenn heute eine Firma ein Spiel für Sonys PlayStation 2 kreiert, das sich am Markt nicht durchsetzt, muss sie allein Entwicklungskosten von fünf bis sechs Millionen Dollar abschreiben. Das kann kleineren Firmen schon das Genick brechen.

Michael Wallace, Analyst bei UBS Warburg erwartet deshalb in den nächsten Jahren eine Konsolidierung der Industrie: "Ich denke, dass viele große Firmen kleine Studios mit zehn bis zwanzig Mitarbeitern übernehmen werden".

Spieleindustrie wird Medienindustrie ähnlicher

Neben dem Trend zu immer größeren Produktionsfirmen hat sich auch die Vermarktung der Spiele grundsätzlich geändert. Von Anfang an werden nun Marktforscher und Marketing-Experten eingeschaltet, um das entstehende Spiel von Anfang an auf den Geschmack eines möglichst großen Publikums zu trimmen. Und wie im Filmgeschäft sind es auch bei den Spielen immer mehr die großen Stars, die für den Löwenanteil der Umsätze sorgen. Electronic Arts, der weltgrößte Spieleproduzent, erzielt nach Angaben des "Guardian" mittlerweile mehr als die Hälfte seiner Einnahmen allein mit Spielen zu "Herr der Ringe" und "Harry Potter".

Nach Ansicht von Kelly Sumner wird die Spieleindustrie der klassische Medienindustrie immer ähnlicher. Der Chef des US-Spieleproduzenten Take-Two Interactive Software, der zuletzt das erfolgreiche Autodiebstahl-Spiel GTA3 auf den Markt brachte, geht sogar davon aus, dass sich AOL Time Warner, Viacom und Bertelsmann bald größere Anbieter von Spielen einverleiben werden. "Das ist etwas, das sie haben müssen, wie kann man einen Sektor auslassen, der größer ist als das Filmgeschäft und schneller wächst als irgend etwas anderes?"

Die Zahlen geben Sumner recht. Nach Berechnungen der US-Marktforschungsfirma NPD nahm der Umsatz der Spieleindustrie 2001 in den USA um 43 Prozent auf 9,4 Milliarden Dollar und übertrafen damit erstmals die Einnahmen der US-Filmindustrie, die bei 8,35 Milliarden Dollar lagen.