Thomas Middelhoff Neue Nahrung für Spekulationen

Der ehemalige Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff meldet sich erstmals nach dem Rauswurf zu Wort. Der Medienmanager verteidigte seine Strategie für Deutschlands größtes Medienhaus, sprach über das Vertrauen der Mehrheitsaktionäre, Sommerurlaub und Gedanken zu seiner beruflichen Zukunft.

Hamburg - Thomas Middelhoff hatte Deutschlands größtes Medienhaus am Sonntag überraschend verlassen müssen. Der radikale Umbau des Unternehmens und zu große Differenzen mit dem Aufsichtsrat haben ihm den Kopf gekostet. Nun meldete sich der ehemalige Bertelsmann-Chef am Dienstagabend erstmals zu Wort.

Es sei eine Tatsache, "dass der Gesellschafter mittel- und langfristig eine andere Entwicklungsperspektive zu Bertelsmann als ich hatte", sagte Middelhoff in einem Interview mit der ARD-Sendung "Tagesthemen". Grund für die Trennung waren nach seinen Worten Differenzen über das Ausmaß des ab 2005 geplanten Börsengangs.

"Ich bin der Auffassung, dass auch, wenn heute das Börsenklima schlecht ist, das Management die Flexibilität haben muss, dieses Unternehmen mittel- und langfristig börsennotiert weiterentwickeln zu können", sagte Middelhoff. Andernfalls könne ein solches Großunternehmen auf Dauer kaum wettbewerbsfähig sein.

Bertelsmann ist zu knapp 75 Prozent in der Hand der Familie Mohn, die den Konzern in der fünften Generation führt. Die belgische Groupe Bruxelles Lambert(GBL) hält 25,1 Prozent und hat das Recht, diese ab 2005 an die Börse zu bringen. Eine darüber hinaus gehende Platzierung von Anteilen lehnte die Familie Mohn offenbar ab.

"Medienunternehmen ohne Probleme"

Es sei das Recht des Gesellschafters die Perspektive des Konzerns zu bestimmen, sagte Middelhoff. Er selbst sei zu der Entscheidung gekommen, er habe nicht mehr zu hundert Prozent die Rückendeckung vom Mehrheitsaktionär.

"Vor dem Hintergrund müssen wir unter Sicherung der Unternehmenskontinuität dann zu einer Entscheidung kommen, dass ich sage, ich mache Platz für einen neuen Mann, der dann in jeder Weise das Vertrauen des Mehrheitsaktionärs hat." Nachfolger Middelhoffs wird der knapp 60-jährige Bertelsmann-Vorstand Gunter Thielen.

Bertelsmann sei international das einzige Medienunternehmen, das keine Probleme habe, sagte Middelhoff weiter. Das liege unter anderem daran, dass man bereits im vergangenen Jahr mit Kostensenkungsmaßnahmen der sich abzeichnenden Konjunkturkrise begegnet sei.

"Napster könnte eine sehr sinnvolle Plattform sein"

"Wir werden ein Halbjahresergebnis von rund drei Milliarden Euro haben", ergänzte der zurückgetretene Vorstandschef. Im April hatte Middelhoff gesagt, er rechne für 2002 mit einem noch besseren Ergebnis als die 4,16 Milliarden Euro aus dem vergangenen Jahr.

Middelhoff verteidigte auch den Erwerb der Internet-Musiktauschbörse Napster, machte deren Zukunft aber von der Strategie seines Nachfolgers Thielen abhängig. Insgesamt sei es im Medien- und Entertainmentbereich aber ein Fakt, "dass die Inhalte digitalisiert werden und zukünftig digital den Konsumenten geliefert werden". Da könne Napster eine sehr sinnvolle Plattform sein, auf der man diese digitalen Inhalte entwickeln könne.

Middelhoff gibt AOL-Gerüchten neue Nahrung

Zu seiner eigenen beruflichen Zukunft sagte Middelhoff, er wolle nun zunächst mit seiner Familie einen langen Sommerurlaub machen. In Medienberichten war verschiedentlich spekuliert worden, Middelhoff könne Nachfolger des Mitte Juli geschassten Vorstandschefs der Deutschen Telekom , Ron Sommer, werden.

Außerdem war von einem Angebot des US-Medienriesen AOL Time Warner  die Rede, der sich vor kurzem von seinem Online-Chef Bob Pittman trennte. Middelhoff, der als guter Freund von AOL-Gründer Steve Case gilt, sagte in den "Tagesthemen" weiter, er werde während seines Urlaubs mit seiner Familie überlegen, ob seine berufliche Zukunft in Deutschland, in einem anderen Land oder einem anderen Kontinent liege. Diese Andeutung der Möglichkeit eines Wechsels in die USA dürfte den Gerüchten um einen Wechsel Middelhoffs zu AOL neue Nahrung geben.