Softwarehersteller Die kollektive Krise

Schon die ersten drei Monate des laufenden Geschäftsjahres waren für SAP, Siebel und Co. ein Desaster. Die aktuellen Quartalszahlen zeigen: Die Situation hat sich verschärft. Der Abwärtstrend am Softwaremarkt ist ungebrochen.

Hamburg – Oracle-Chef Larry Ellison sah das Desaster kommen. Den derzeitigen Zustand der Softwarebranche bezeichnete er Ende Juni als "brutales Schlachtfeld". Dabei stand Oracle  bei den aktuellen Quartalszahlen vergleichsweise gut da. Zwar verdiente das Unternehmen mit 655 Millionen Dollar weniger als im Vorjahreszeitraum, dennoch wurden zumindest die Erwartungen der Analysten erfüllt.

Schlechter sieht es derzeit bei der Konkurrenz aus. Der US-Konzern Siebel Systems  erlitt in den vergangenen drei Monaten Einbrüche bei Nettoergebnis und Umsatz. Die Folge: 1000 Stellen werden abgebaut.

Der einzige Trost besteht wohl darin, dass der ärgste Gegner SAP  ähnlich schlecht dasteht. Der Walldorfer Software-Konzern legte am Donnerstag ebenfalls die endgültigen Zahlen für das zweite Quartal vor. Demnach sank das operative Ergebnis im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum von 424 auf 324 Millionen Euro.

Dem Trend entsprechend schwenkt auch SAP auf den Sparkurs ein. Zwar werden Kündigungen ausgeschlossen, dafür dürfen die Angestellten fortan nur noch Economy-Class-Flüge buchen. Außerdem sollen frei werdende Stellen nicht neu besetzt werden.

Kleine Anbieter in Bedrängnis

Das Drama beschränkt sich nicht nur auf die Großen der Softwareindustrie. Das US-Unternehmen Inktomi etwa – ehemals gefeierter Produzent von Internetanwendungen –erhöhte seine Verluste von 155 auf 235 Millionen Dollar und baut 40 Prozent seiner Stellen ab. Bei I2-Technologies halbierte sich der Umsatz. Auch hier sind Massenentlassungen geplant. Die SAP-Tochter Commerce One konnte zwar die Verluste reduzieren, dafür schmolzen parallel die Umsätze dahin.

Gute Nachrichten gab es lediglich aus dem Hause Microsoft . Die Gates-Company steigerte die Umsätze in den vergangenen drei Monaten um zehn Prozent auf 7,25 Milliarden Dollar. Der Gewinn lag bei 1,53 Milliarden Dollar oder 28 Cent pro Aktie gegenüber 65 Millionen Dollar oder einem Cent pro Aktie im selben Zeitraum des Vorjahres.

Trotz der guten Vorgabe zeigten sich die Analysten beim Ausblick zurückhaltend. Microsoft wachse als mittlerweile reiferes Unternehmen nicht mehr so stark, so die Branchenkenner. Mitte der 90er Jahre hatte der größte Softwarekonzern im Durchschnitt Wachstumsraten von fast 38 Prozent gezeigt.

Fortgesetzter Niedergang

Fortgesetzter Niedergang

Die einst florierenden Unternehmen leiden kollektiv an der schwachen Konjunktur. Schon das vorangegangene Quartal gab wenig Anlass zur Hoffnung. Siebel etwa musste bereits Mitte April Einbußen bei Gewinn und Umsatz hinnehmen. Wenigstens erfüllten die Amerikaner damals noch die Erwartungen der Analysten. Bei den aktuellen Zahlen schaffen sie nicht einmal mehr das.

Auch SAP sprach im April von einem durchwachsenen Quartal. Damals erwirtschafteten die Walldorfer einen operativen Gewinn von 237 Millionen Euro. Jetzt aber schrieb SAP rote Zahlen. Minderheitsbeteiligungen des Unternehmens verloren 409 Millionen Euro an Wert. Dies führte nach den am Donnerstag veröffentlichten endgültigen Quartalszahlen zu einem Konzernverlust von 232 Millionen Euro, vergleichen mit 206 Millionen Euro Gewinn im Vorjahresquartal.

Kollektive Krise

Die Ergebnisse zeigen, dass die gesamte Softwarebranche tief in der Krise steckt. Siebel-Chef Tom Siebel hatte bereits das erste Quartal als das bisher schwerste für die Softwareproduzenten bezeichnet. Er hatte sich offenbar geirrt. Die vergangenen drei Monate waren noch schlimmer.

Der ersehnte Investitionsbedarf bei der Kundschaft will sich nicht einstellen. Stattdessen sparen die meisten Unternehmen bei den IT-Ausgaben. Investitionen in die Software werden entweder verschleppt oder gar nicht vorgenommen. Die Krise trifft die Großen hart. Härter trifft sie die kleinen Anbieter. Bei Unternehmen wie I2 Technologies oder Inktomi schwinden die Umsätze, während sich die Verbindlichkeiten anhäufen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die ersten schwach aufgestellten Softwarefirmen vom Markt verschwinden.

Erholung erst 2003

Mirko Maier, Technologie-Analyst bei LBBW-Research, sieht neben der schwachen Konjunktur weitere Gründe für die Krise: "Nach dem Ende der Internet-Euphorie investieren die Unternehmen nicht mehr in den Ausbau ihrer Software-Infrastruktur. Zudem fehlt den Anbietern derzeit einfach ein gutes Thema."

Stimmen, wonach der Softwaremarkt tot ist, weist der Branchenkenner zurück. "Wenn Unternehmen ihre Geschäftsmodelle weiter entwickeln wollen, läuft das über Mitarbeiter und über die Software", so Maier. Die spannende Frage für ihn ist derzeit, ob die fälligen Investitionen lediglich aufgeschoben wurden, oder ob sie, was die weitaus schlimmere Variante wäre, gänzlich aufgehoben sind.

Auf jeden Fall rechnet der Analyst in diesem Jahr nicht mehr mit einer Erholung: "Wenn die Konjunktur wie erhofft anspringt, könnten es für die Softwareunternehmen in der zweiten Hälfte 2003 aufwärts gehen."