Online-Apotheken "Verzerrter Wettbewerb und Rosinenpickerei"

Der Streit um den Medikamentenhandel im Internet wird zum Wahlkampfthema. Während die rot-grüne Regierung Krankenkassen und Pharmakonzerne auf ihrer Seite hat, unterstützt Kanzlerkandidat Edmund Stoiber die protestierenden Apotheker.

Berlin – Die deutschen Apotheker laufen Sturm. Am Mittwoch haben sie rund 7,7 Millionen Unterschriften gegen den Internethandel von Medikamenten an die Staatssekretärin Gudrun Schaich-Walch übergeben. Eine "geschmacklose Sache", wie ihre Chefin, Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), bereits im Vorfeld urteilte.

Die Apotheker protestieren mit der Unterschriftenaktion gegen Schmidts Pläne, schon ab 2004 den Internethandel mit Medikamenten zuzulassen. Die Apotheker fürchten, dass sie durch den Onlineversand erhebliche Nachteile erleiden. Denn die Medikamente sind im Internet oft billiger zu haben.

Federführend im Kampf gegen die Pläne der Bundesregierung ist die Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände (ABDA). Ihrer Meinung nach beinhaltet der Medikamentenhandel per Internet große Risiken. So werde die zeitnahe und flächendeckende Versorgung durch öffentliche Apotheken gefährdet und die Produktpalette eingeschränkt. Darüber hinaus könnten Patienten nicht auf eine fundierte Beratung zurückgreifen.

CDU auf Apotheker-Kurs

Rückendeckung erhalten die Apotheker von der politischen Opposition. Die CDU/CSU lehnt die Pläne Schmidts strikt ab. In einer Presseerklärung des CDU-Bundestagsabgeordneten Wolf Bauer – seines Zeichens Apotheker – heißt es: "Das derzeitige Versorgungssystem mit Arzneimitteln ist effizient und sicher. Die geplante Zulassung des Versandhandels (...) ist vor dem Hintergrund der Arzneimittelsicherheit nicht zu akzeptieren."

Statt mehr Wettbewerb, so Bauer weiter, drohe Wettbewerbsverzerrung und "Rosinenpickerei", weil die Onlinehändler nur die Hochpreismedikamente im Angebot hätten. Den etablierten Apotheken bliebe nur noch die Basisversorgung. Davon allein könnten die Geschäfte nicht leben. Schließungen wären die Folge.

Auch der der bayerische Ministerpräsident und Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber sprach sich gegen einen Versandhandel von Medikamenten über das Internet aus. Bei einer Lockerung des bestehenden Verbots würde die konkrete und fachliche Beratung durch den Apotheker fehlen, sagte Stoiber am Freitag bei einem Treffen mit dem Präsidenten der Bundesvereinigung Deutscher Apotheker, Hans-Günter Friese. Ein Versandhandel, so der Spitzenkandidat, wäre "völlig falsch".

Mächtige Verbündete für Schmidt

Nur geringe Marktanteile für Online-Apotheken

Befürworter halten dagegen. Nirgendwo stünde geschrieben, dass Patienten nicht mehr in die Apotheke gehen dürften. Zudem rechnen Branchenexperten in Deutschland mit einem Marktanteil von acht Prozent für die Internetkonkurrenz. Wie die Erfahrung zeigt, erlangten Web-Apotheken im Ausland teilweise nur sechs Prozent Marktanteil.

Die Argumente der Pro-Fraktion bestärken Gesundheitsministerin Schmidt in ihrem Anliegen, den Medikamentenversand im Internet zu legalisieren. Noch ist per Gesetz aber der Versand von verschreibungspflichtigen Medikamenten verboten. Die SPD-Politikerin rechnet jedoch damit, dass der Europäische Gerichtshof das Verbot demnächst kippen wird. Denn in Europa haben sich die Gesetzeshüter teilweise schon für das Internet entschieden, so zum Beispiel in den Niederlanden, Großbritannien und der Schweiz.

Verbündete in der Pharmaindustrie

Schmidt kann auf mächtige Verbündete zählen. So hat sich die Pharmaindustrie für die Liberalisierung des Marktes ausgesprochen. Die Unternehmen weisen allerdings darauf hin, dass für die Web-Apotheken genau die gleichen strengen Vorgaben gelten müssten wie für die stationären Apotheker.

"Der Gesetzgeber muss sich da ein System ausdenken, wie er das garantieren kann", sagt Marc Rath, Sprecher des Verbands forschender Arzneimittelhersteller, gegenüber manager-magazin.de. So sollten sich die Internethändler nicht nur auf teure Produkte spezialisieren, sondern ein Vollsortiment bedienen. Die Gleichberechtigung zwischen off- und online müsse gewährleistet werden.

Krankenkassen wittern Chance

Neben der Pharmaindustrie weiß die Bundesgesundheitsministerin noch eine weitere Gruppe hinter sich: Die Krankenkassen freuen sich über jede Möglichkeit, die Kosten zu senken. Als das Bundesversicherungsamt – ganz im Sinne des Gesetzes - Mitte Juni den Krankenkassen jedoch untersagte, die Kosten für Arzneimittel zu erstatten, die über den Internethandel bezogen wurden, entschloss sich die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) gegen diese Anweisung zu klagen. Sie wollte die Kosten wie so manch andere Krankenkassen erstatten.

Am Mittwoch dieser Woche entschied das Sozialgericht Münster nun, Krankenkassen dürfen Versicherten die Kosten für Arzneien nicht erstatten, wenn diese über einen Internetversand aus den Niederlanden - hier sitzt die bekannteste Apotheke Doc Morris bezogen werden. In der Hauptsache sei noch nicht entschieden, hieß es.

Entscheidung nach der Wahl

Fakt ist aber, dass Ulla Schmidt weiter ihrer Linie treu bleibt. Die Ministerin hat vor allem die leeren Geldtöpfe der Krankenkassen vor Augen. Letztendlich soll der Markt entscheiden, ob der Medikamentenversand via Web funktioniert oder nicht. Schließlich könnten auch die Apotheker einen Internethandel offerieren, kontert Schmidt die Einwände der ABDA-Funktionäre.

Spannend ist sicher auch, ob die CDU ihren Pro-Apothekerkurs nach einem möglichen Wahlsieg durchhalten kann. Sollten die Konservativen sich dem Druck der Kassen beugen und am Ende doch noch für den Medikamentenversand im Web votieren, stünden sie als Umfaller da.

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