Vivendi Universal Weltkonzern vor dem Aus?

Mit dem Abgang von Vorstandschef Jean-Marie Messier sind die Probleme bei Vivendi nicht gelöst. Im Gegenteil: Jetzt beginnt für das Unternehmen erst der Kampf ums Überleben. Experten gehen von einer Zerschlagung des Firmenkonglomerats aus.

Paris - Noch am Montag gab es für den hoch verschuldeten Misch- und Medienkonzern Vivendi Universal  Anlass zum Optimismus. Die Tage des umstrittenen Vorstandschefs Jean-Marie Messier waren gezählt. Mit dem Aventis-Aufsichtsrat Jean-René Fourtou an der Spitze sollte der Neuanfang gelingen. Die Börse begrüßte die Ankündigungen mit steigenden Kursen. Um neun Prozent legte die Aktie zu.

Nur einen Tag später ist von der Aufbruchsstimmung nichts mehr zu spüren. Obwohl Messier am Morgen seinen Rückzug persönlich ankündigte, setzte der Aktienkurs zum Sturzflug an. Zwischenzeitlich verlor das Papier fast 30 Prozent an Wert. Mehrfach wurde die Aktie am Dienstag vom Handel ausgesetzt. Es zeigt sich: Der Abgang von Messier ist nicht das Ende der Probleme. Jetzt beginnt für Vivendi erst der finale Kampf ums Überleben.

Das Desaster begann bereits am Montag. Die Ratingagentur Moody's stufte die langfristigen vorrangigen Schulden des Konzerns von Baa3 auf Ba1 herab. Damit hatten die Verbindlichkeiten des Konzerns den Status von so genannten "Junk Bonds" erhalten. Moody's geht damit nur noch von einer ausreichenden Bonität von Vivendi Universal aus.

Ungereimtheiten in der Bilanzierungspraxis

Die Deckung von Tilgung und Zins dürfte demnach auch in einem wirtschaftlich freundlicheren Umfeld nur mäßig erfolgen. Neue Kredite sind für den mit etwa 35 Milliarden Euro verschuldeten Konzern, dessen Mediensparte weltweit die Nummer zwei hinter AOL Time Warner ist, ungleich schwerer zu bekommen.

Der nächste Tiefschlag folgte am Dienstagnachmittag. Mitten in der Kurskrise vermeldete die Zeitung "Le Monde" mögliche Ungereimtheiten in der Bilanzierungspraxis des französisch-amerikanischen Unternehmens.

Im Zusammenhang mit dem Verkauf der Aktien des britischen Abonnenten-Fernsehens BSkyB soll es 2001 Manipulationen gegeben haben. Die französische Börsenkommission habe den Versuch, die Bilanz um 1,5 Milliarden Euro zu schönen, jedoch verhindert. Vivendi widersprach in einer Stellungnahme dem Bericht und erklärte, die Börsenregeln seien exakt eingehalten worden. Dagegen bestätigte die Börsenkommission am Dienstag ausdrücklich "die in der Presse veröffentlichten Informationen". Für das vergangene Jahr hat Vivendi Universal mit 13,6 Milliarden Euro den höchsten Verlust der französischen Wirtschaftsgeschichte ausgewiesen.

Kursabsturz durch Panikverkäufe

Die Nachricht, dass Vivendi-Chef Jean-Marie Messier als Abfindung zwölf Millionen Euro verlangt, ging in dem Trubel um gefälschte Bilanzen und Herabstufungen fast unter.

Die Herabstufung durch Moody’s gab alten Gerüchten neuen Auftrieb, wonach Vivendi kurz vor der Insolvenz stehe. Bereits am Montag vergangener Woche hatten ähnliche Befürchtungen nach dem übereilten Verkauf von Anteilen an der Versorgersparte Vivendi Environnement zu massiven Kursverlusten geführt.

Marktteilnehmer erwarten Zerschlagung

Mit der aktuellen Entwicklung wird dieses Szenario immer wahrscheinlicher. Die meisten Börsianer gehen davon aus, dass die Tage des riesigen Firmenkonglomerats mit 350.000 Mitarbeitern gezählt sind.

"Man muss abwarten, ob es Bilanzfälschungen gegeben hat", sagte Peter Dombeck, Analyst der Hamburger Berenberg Bank, gegenüber manager-magazin.de. "Ratingagenturen reagieren derzeit sehr sensibel auf solche Gerüchte – vor allem bei Unternehmen, die Probleme mit der Glaubwürdigkeit haben. Dazu gehört Vivendi ganz sicher." Auf jeden Fall müsse sich die neue Unternehmensführung jetzt nicht nur auf den Schuldenabbau konzentrieren, sondern auch auf die Kapitalmarktkommunikation.

Konkrete Pläne für die Zerschlagung

Konkrete Pläne für die Zerschlagung

Andere Experten gehen bereits von der Zerschlagung des Konzerns aus. Demnach könnten die Versorgersparte, die französische Mediensparte um den Pay-TV-Sender Canal Plus sowie die amerikanische Mediensparte, zu der unter anderem die Universal Music Group und das Hollywood-Studio Universal gehören, künftig getrennt agieren.

"Die Franzosen schaffen es nicht, einen der größten Medienkonzerne der Welt zu managen", sagte ein Investmentbanker gegenüber dem Wirtschaftsdienst "Bloomberg". "Mit dem Verkauf der US-Anteile könnten sie ihre Schulden begleichen."

Für die US-Mediensparte scheint es bereits konkrete Pläne für eine unabhängige Weiterführung der Geschäfte zu geben. Wie das "Wall Street Journal" unter Berufung auf gut informierte Kreise berichtete, favorisiert die Familie Bronfman bei der Umstrukturierung des Konglomerats eine geographische Aufteilung der Vermögenswerte. Dabei würde das Mediengeschäft in einem Unternehmen zusammengefasst und ausgegliedert. Die Bronfmans halten 5,5 Prozent an Vivendi Universal.

Für den Chefposten der US-Mediensparte von Vivendi ist Barry Diller im Gespräch. Derzeit ist Diller Chef von Vivendi Universal Entertainment, einem Joint-Ventures, der von ihm geführten USA Interactive Inc., mit der Vivendi Universal.

In diesem Jahr hatte er das US-Unterhaltungsgeschäft seines Unternehmens für rund sieben Milliarden US-Dollar an den französischen Medienkonzern verkauft. Weder Vivendi Universal noch Diller selbst wollten die Presseberichte kommentieren.