Wallstreet Online Künftig ohne Redaktion

Das Finanzportal hat die Hälfte seines Grundkapitals aufgezehrt und entlässt alle Redakteure.
Von Clemens von Frentz

Erkrath - Der Online-Finanzdienst Wallstreet Online ist offenbar schwer angeschlagen. Gemäß § 92 Abs. 1 Aktiengesetz musste der Vorstand anzeigen, dass mehr als der Hälfte des Grundkapitals aufgezehrt wurde. Außerdem wurde die Redaktion nach Auskunft eines Mitarbeiters "aufgrund des Kosten/Nutzen-Verhältnisses vollständig aufgelöst".

Nach Informationen von manager-magazin.de erhielten alle Redakteure sowie Geschäftsführer Johannes Stoffels die Kündigung. Insgesamt sind etwa sieben festangestellte und rund zwölf studentische Mitarbeiter bzw. freie Korrespondenten von der Sparmaßnahme betroffen.

Content künftig von externem Anbieter

Wie der Vorstand in seiner Einladung zur Hauptversammlung am 5. Juni bekannt gibt, soll nun über ein Sanierungskonzept und dessen Realisierung beraten werden. Der Content soll künftig von einem externen Anbieter bezogen werden; dabei handelt es sich um den Karlsruher Finanzdienstleister Smarthouse Media, der unter anderem den Wallstreet-Online-Konkurrenten Finanzen.net (Axel Springer Verlag) betreut.

Der Vorstand von Wallstreet Online hatte bereits seit längerer Zeit nach Alternativen oder Ergänzungen zum werbefinanzierten Geschäftsmodell gesucht. Vor einigen Monaten begann das Unternehmen damit, seine Dienste als Application Service Provider anzubieten. Die Idee, einzelne Tools zu vermarkten oder General-Interest-Angeboten komplette Börsenportale zu erstellen, erwies sich allerdings bislang nicht als sonderlich erfolgreich. Die Zahl der Kunden, die von diesem Angebot Gebrauch machten, blieb relativ klein.

Auch das Ende 2000 in Berlin eröffnete Trading-Center erwies sich als wenig profitabel. Die 68 Plätze für Daytrader wurden kaum genutzt, was auch daran gelegen haben dürfte, dass wenige Wochen nach Eröffnung der Niedergang der Neuen Marktes begann.

Ursprünglich sollten die Terminals für 1.200 Mark pro Monat vermietet werden, aber das Angebot wurde so schlecht angenommen, dass schon kurz darauf die meisten Mitarbeiter wieder aus der Hauptstadt abgezogen wurden. Auch der Plan, in drei weiteren deutschen Großstädten ähnliche Trading-Center zu eröffnen, wurde wieder aufgegeben.

Ein Grund für die aktuellen Finanzprobleme von Wallstreet Online ist der gescheiterte Börsengang des Unternehmens. Nach mehreren Verschiebungen sollte dieser im Frühjahr 2001 stattfinden, wegen des negativen Klimas für IPOs wurde das Vorhaben jedoch wieder abgeblasen.

Die Wallstreet Online AG war im März 2000 aus der 1998 gegründeten GIS Wirtschaftsdaten GmbH hervorgegangen. Beteiligt ist - neben der NetIpo AG und der 3i Group - auch der Risikokapital-Geber T-Telematik Venture Holding GmbH (T-Venture), eine 100-prozentige Tochter der Deutschen Telekom . Vorstandsvorsitzender ist der Gründer und Großaktionär André Kolbinger (27), der zuvor einige Zeit bei einem Wertpapier-Broker in Düsseldorf gearbeitet hatte.