Reportage Schrottkur im Harz

Recycling - demnächst muss die IT-Industrie ihre alten Rechner zurücknehmen. Die EU hat eine entsprechende Richtlinie auf den Weg gebracht. Wohin bloß mit dem Zeug?
Von Thorsten Höge

Bernd Wagner sieht den ganzen Tag nichts als Schrott. Gitterbox an Gitterbox gleitet auf einem Förderband an ihm vorbei. Mal gefüllt mit 162 Kilo verdrecktem Kabel. Oder mit 157 Kilogramm alten Leiterplatten. Oder mit Sechs-Volt-Bleiakkus, insgesamt 611 Kilo.

Wagner katalogisiert und etikettiert Elektronikschrott. Er arbeitet für Europas größte Recyclinganlage, die Firma Electrocycling in Goslar. 30.000 Tonnen Müll landeten hier vergangenes Jahr: alte Computer, Telefonanlagen, Monitore.

In einer riesigen grauen Halle zwischen Feldern und Weiden am Ortsrand des Harzstädtchens sammeln sich die Überbleibsel der Elektroindustrie. 15 Meter hoch gestapelt, Gitterbox über Gitterbox, wartet der Schrott auf die Demontage.

Bernd Wagner klebt auf jede der Kisten, die an ihm vorüberziehen, einen glänzenden weißen Aufkleber mit einem Barcode. So wissen alle in der Fabrik, wer den Schrott geliefert hat und was mit ihm geschehen soll.

"Am schlimmsten ist die lose Schüttung", sagt Wagner. Lose Schüttung, das sind gemischte Boxen, in denen verschiedene Geräte durcheinander purzeln. Ein altes schwarzes Btx-Gerät liegt neben einer Tastatur. Ab und an taucht auch mal ein Kaffeebecher auf, den jemand achtlos weggeworfen hat ­ in der Annahme, Müll sei Müll.

280.000 Tonnen Computerschrott fallen in Deutschland pro Jahr an. Tendenz steigend. Von diesem Müll nährt sich die Elektrorecycling-Branche. 105 Unternehmen zählt der Bundesverband der deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE) zu seinen Mitgliedern.

Für die Entsorgung der Müllmassen zahlt heute der letzte Besitzer eines Geräts. Der größte Anteil der Geräte, die ins Recycling wandern, kommt aus den Unternehmen: Banken, Versicherungen, Telekommunikationsfirmen, die ihre alte Technik entsorgen.

Künftig müssen die Hersteller den Hightech-Abfall aus privaten Haushalten kostenlos zurücknehmen. So will es die "Richtlinie für Elektro- und Elektronikaltgeräte"der EU, die spätestens 2005 in den EU-Ländern in Kraft treten soll.

Eine teure Mülllawine rollt auf die Elektronikunternehmen zu. Für das Ausbeinen der Altgeräte kassieren die Zerlegefabriken im Schnitt 50 Cent pro Kilo Schrott ­ Ausgaben, die mit Inkrafttreten der EU-Richtlinie bei den Herstellern anfallen. Folglich haben sie ein großes Interesse daran, die Entsorgungskosten zu senken.

Um dieses Ziel zu erreichen, gibt es nur einen Weg: Die Hersteller müssen schon bei der Fertigung ans Recycling denken. Schließlich gilt es, die Geräte auch wieder auseinander zu schrauben. Und das möglichst kostengünstig.

Die meisten Elektronikkonzerne beschäftigen sich mit dem Entsorgungsproblem noch nicht. Eine Ausnahme bildet Fujitsu Siemens: Der Computerbauer betreibt bereits seit zehn Jahren ein Recyclingcenter für die eigenen Produkte.

Die Anlage von Fujitsu Siemens arbeitet profitabel. Auch die Goslarer Electrocycling erbringt den Beweis, dass sich mit Abfall gutes Geld verdienen lässt. Bei rund 15 Millionen Euro Umsatz schrieb das Unternehmen 2001 schwarze Zahlen.

Ein einträgliches Zusatzgeschäft

Ein einträgliches Zusatzgeschäft von Electrocycling ist der Verkauf von wiederverwertbaren Komponenten. Was noch funktioniert, wird in Goslar aus den Geräten herausgeschraubt und verscherbelt.

Die wichtigste Erlösquelle stellen die Gebühren dar, die die Firmen pro abgeliefertes Kilo Abfall zahlen müssen. Hin und wieder aber läuft es anders herum und die Unternehmen erhalten von Electrocycling Geld für ihre aussortierten Geräte. Beispiel: Eine Gitterbox voll ausgemusterter Telefone, die sehr wohl noch problemlos funktionieren. Sie lassen sich leicht weiterverhökern.

Den Großteil des Schrotts muss Electrocycling allerdings zerlegen. Diese Demontage ist Handarbeit ­ mühsam, mechanisch, arbeitsintensiv.

Hier in Goslar rächt sich, dass viele Hersteller ihre Produkte nicht recyclinggerecht planen. In den Fabriken wird geschraubt, was das Zeug hält. Dabei täte es manchmal auch ein einfaches Zusammenstecken, was die Entsorgung viel einfacher machen würde. Steckverbindungen lassen sich nämlich leichter lösen als Schrauben.

Und wenn schon geschraubt werden muss: Ist es wirklich notwendig, alternierend Kreuzschlitz- und einfach geschlitzte Schrauben zu verwenden? Der Mischmasch führt dazu, dass die Arbeiter in der Demontage ständig den Schraubenzieher wechseln müssen.

Nicht zuletzt auf Grund solcher Umständlichkeiten bindet das Zerlegen der Geräte viel Personal. Die Firma Electrocycling beschäftigt im Drei-Schichtbetrieb 130 Mitarbeiter.

Einer von ihnen ist Werner Passon. Er sitzt an Tisch acht in der Demontagehalle. Vor ihm stehen kleine Plastikkästen mit der Aufschrift "Li-Batterien" oder "Kondensatoren". Konzentriert schraubt der blonde Hüne einen Bildschirm der Marke Loewe auseinander.

Gut 20 Minuten kann es dauern, bis Passon einen Bildschirm zerlegt hat. Die Demontage zieht sich auch deshalb so lange hin, weil Passon meist nicht weiß, welche Materialien ein Gerät enthält. Dann muss er sich die einzelnen Komponenten genau anschauen, um herauszufinden, in welche Box sie gehören. Keine leichte Aufgabe, schließlich kann ein Fernseher aus bis zu 4000 verschiedenen Stoffen bestehen.

Langsam, ganz langsam, rafft sich die Elektronikindustrie auf, bei der Produktentwicklung auch an die Demontage zu denken. Doch die Marketingabteilungen machen oftmals die gerade angelaufenen Bemühungen wieder zunichte. So erschwert zum Beispiel der Trend, Computer möglichst farbenfroh zu gestalten, das Recycling.

Wenn das Gehäuse eines Rechners in tiefem Blau erstrahlt und das eines anderen orange schimmert, kann der Recycler die Plastikbauteile nicht gemeinsam in einem Kessel einschmelzen. Dabei entstünde eine unansehnliche Mischung, die garantiert unverkäuflich wäre. Andererseits kommen durch die Vielfalt der eingesetzten Farben nie ausreichende Mengen einer Einzelkolorierung zusammen, um das Plastik Gewinn bringend zu verwerten. Der Traum des Demontagemeisters lautet daher: Alles muss grau sein.

Angesichts dieser Widrigkeiten mutet es umso erstaunlicher an, was die Elektrorecycler leisten: Immerhin 80 Prozent des Materials, aus dem ein Computer besteht, lässt sich wiederverwenden. Weitere 15 Prozent werden verbrannt. Lediglich 5 Prozent wandern auf Deponien.

Umweltbewusstsein kostet Geld

Zurück nach Goslar, zur Firma Electrocycling und zum Arbeitsplatz von Werner Passon. Wenn er seine Monitore, Fernseher oder Rechner säuberlich auseinander genommen hat, fährt ein Gabelstapler die ausgeschlachteten Skelette in die Hammermühle, eine Art Schredder.

Brachiale Gewalt verwandelt dort alle Bauteile in jene Materie zurück, aus der sie einst geschaffen wurden. In Kupferfragmente zum Beispiel, die nach dem Häckseln nicht mehr größer als zwei Millimeter sind.

Dieses Kupfer lässt sich profitabel verkaufen, denn seine Gewinnung ist sehr effizient. Im Bergbau müssen bis zu 500 Tonnen Erz und Gestein bewegt werden, um eine Tonne Kupfer abzubauen. Die Firma Electrocycling kann die gleiche Menge Kupfer bereits aus 13 Tonnen Elektroschrott gewinnen.

Aus Müll lässt sich vielleicht Kupfer machen, nicht jedoch Gold. Umweltbewusstsein kostet Geld. Gewinne erzielen die Recyclingcenter nur, weil die Kunden für die Beseitigung ihres Schrotts bezahlen. Gleichwohl bleibt das Elektronikrecycling ein mühsames und schmutziges Geschäft, das von der glitzernden Fassade der Hightech-Firmen verdeckt wird.

Vielleicht ändert sich etwas mit der Elektroschrott-Richtlinie der EU. Kostengünstiger könnte das Recycling durchaus sein, die Industrie müsste die Elektrogeräte nur intelligenter auf die Demontage vorbereiten. Dann brauchte Werner Passon auch nicht mehr so oft den Schraubenzieher zu wechseln.

Zukunftsweisend: Fundgrube Entsorgung: Richtlinien-Komptenz

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