UMTS Selbstversuch in Tokio

Alle reden in Deutschland von UMTS - in Japan gibt es die neuen Bildtelefone schon. Wie funktionieren sie? Ein Testbericht.

Oh Gott, sieht das albern aus: Da stehe ich mitten in Tokios Glitzerbezirk Ginza und halte mir das Handy vors Gesicht. Leute drehen sich um, bestaunen mich. Was sie wohl denken? Dass ich beim Nasepudern in den Spiegel schaue?

Nichts dergleichen. Ich will nur telefonieren, genauer gesagt: bildtelefonieren.

Ja, es klappt! Während ich spreche, kann ich auf dem zigarettenschachtelgroßen Farbbildschirm des Handys den Herrn am anderen Ende der Leitung sehen - dank der eingebauten Digitalkamera und einer ungeheuer großen Bandbreite für die Übermittlung der Daten.

Seit vergangenem Herbst liegen die neuen UMTS-Mobiltelefone in den Schaufenstern von Tokios Elektronikläden. Gemeinsam mit einem Freund, der als Manager bei einem deutschen Unternehmen in Tokio arbeitet, habe ich die Multimediahandys ausprobiert. Wir wollten wissen, was uns erwartet, wenn demnächst auch in Deutschland UMTS-Handys angeboten werden.

Nehmen wir das Ergebnis unseres Tests gleich vorweg: Die neuen Geräte sind besser als die herkömmlichen GSM-Telefone - theoretisch. Wer ein UMTS-Handy besitzt, kann mit Bild telefonieren, Filme anschauen, Börsenkurse in Echtzeit abrufen, Fotos und E-Mails verschicken. Zumindest werden all diese Services in der Bedienungsanleitung angepriesen. Die Realität hingegen sieht wesentlich schlichter aus.

Allein die schlechte Sprachqualität: Die Verbindung ist prima, solange der Bildschirm dunkel bleibt. Taucht aber auf dem Display das Konterfei des Gesprächspartners auf, kommen die Worte nur noch mit Verzögerung an. Ungefähr so wie bei den Ferngesprächen in grauer Urzeit der Telefonie.

Die zerhackten Sätze verleiden uns einen längeren Plausch. Und erst recht die schaurigen Bilder. Die Gesichter erscheinen verzerrt, von den flimmernden Neonlichtern der Ginza in eine aschgraue Faltensteppe verwandelt.

Nein danke, wir machen lieber einen Ausflug ins mobile Internet. Die Versprechen der Betreiber klingen attraktiv. Bezahlt wird nicht für die Zeit, die wir online sind. So können wir ständig mit dem Netz verbunden bleiben und müssen uns nicht bei jedem Zugriff aufs World Wide Web neu einwählen - ein ziemlich lästiges Verfahren, das beim europäischen WAP-Standard den Spaß am mobilen Surfen erheblich schmälert. Gebühren werden in Japan nur für die tatsächlich abgerufenen oder übermittelten Daten berechnet.

Wozu das alles?

Wir möchten uns ein Video aus dem Internet abrufen und auf dem Handy anschauen. Sagenhaft, diese Auswahl. Wie wär's mit einem Ausschnitt aus Harry Potter? Ein Druck auf die Taste - und nichts passiert. Noch ein Versuch, wieder nichts. Wir sehen kein einziges Filmchen. Der Grund: Die Anbieter wollen Geld für ihre Ware, ohne Registrierung und Abbuchungserlaubnis läuft gar nichts.

Mittlerweile ist es dunkel geworden. Wir verlassen die wuselige Ginza und setzen uns in ein kleines Café. Bei einem Glas Wein versuchen wir, uns selbst mit dem Handy zu fotografieren und das Bild im E-Mail-Anhang über das mobile Internet auf den Weg zu schicken.

Das erste Glas Wein ist schon ausgetrunken, und ich drücke immer noch Knöpfe, scrolle rauf und runter, blättere wieder und wieder in der Bedienungsanleitung - zwei Handbücher mit zusammen 446 Seiten. Dann gebe ich entnervt auf.

Mein Begleiter ist geduldiger. Endlich, nach dem zweiten Wein, klingelt mein Telefon. Eine E-Mail. Wenigstens die kann ich öffnen. Und siehe da: Im Anhang der Mail ("Schoene Gruesse von Wolfgang") erscheint das Foto, das wir soeben aufgenommen haben.

Nun fragen Sie sicherlich, verehrter Leser: "Wozu das alles?" Wer will schon Bilder mit mäßiger Qualität per Handy verschicken?

Die japanischen UMTS-Anbieter sind zuversichtlich: Wer zum Beispiel einen Autounfall habe, der könne die demolierten Fahrzeuge fotografieren und die Aufnahmen sofort in die Rechner der Versicherungsgesellschaft einspeisen.

Und was das Bildtelefonieren angehe, das sei doch eine prima Sache. Einfach das Handy auf den Tisch im Besprechungsraum stellen, und schon sei die Videokonferenz perfekt.

Na ja, da bleiben Zweifel. Wenn das UMTS-Telefon tatsächlich ein Erfolg wird, dann wohl eher bei Kindern und jungen Leuten. Die finden es bestimmt cool, sich beim endlosen Geschnatter in die Augen zu schauen, Fotos von sich aufzunehmen und an ihren Angebeteten zu schicken oder sich bunte Videoclips aus dem Web zu laden.

... plötzlich ist der Bildschirm dunkel

Das war's dann auch? Steckt hinter UMTS wirklich nur ein albernes Teenagervergnügen? Nicht ganz.

Die breitbandige Mobilverbindung, die in Japan die Daten bis zu 40-mal schneller überträgt als heute in europäischen Mobilfunknetzen üblich, erlaubt es, sich zügig von unterwegs in Firmennetze einzuwählen, Nachrichten abzurufen und Botschaften zu übermitteln.

Alles nützliche Services, aber teuer - zumindest in Japan. Allein die neu auf den Markt gekommenen Handys kosten umgerechnet bis zu 600 Euro, von den Gebühren, die an die Netzbetreiber zu entrichten sind, einmal ganz abgesehen.

So mag es sich als Vorteil erweisen, dass die deutsche Industrie der japanischen Konkurrenz bei der Umsetzung des UMTS-Standards ein bis zwei Jahre hinterherhinkt - Zeit genug, aus den Erfahrungen der Vorreiter in Fernost zu lernen und mit einem besseren Service zu starten.

Uns jedenfalls hat das japanische Experiment nicht überzeugt. Zumal die UMTS-Handys für die alltägliche Kommunikation noch nicht taugen. Das UMTS-Netz umspannt bislang nur den Großraum von Tokio und ein paar Regionen im Land. Insgesamt besitzen höchsten einige zehntausend Menschen ein UMTS-Gerät. Sie können nur von den vernetzten Gebieten aus telefonieren, mit den herkömmlichen Standards kann sich UMTS (noch) nicht austauschen.

Was also sollen wir mit den UMTS-Handys tun? Wir bestellen noch zwei Gläser Wein und spielen einfach ein bisschen auf den silbrig glänzenden Dingern herum. Lesen unsere Horoskope, laden uns ein Musikstück herunter und ... plötzlich ist der Bildschirm dunkel.

Wir sind erst mal ratlos. Dann sehen wir die Anzeige: Akku leer. Und das, obwohl wir die Handys nicht viel länger als eine gute Stunde im Einsatz hatten.

Auch gut. In meiner Tasche steckt ja noch mein normales Handy. Das erscheint mir jetzt ein bisschen altertümlich, verglichen mit den eleganten, silbrig glänzenden Multimediatelefonen. Aber anrufen kann ich, und zwar jeden Menschen auf der ganzen Welt, der einen Telefonanschluss besitzt, egal ob mobil oder im Festnetz. Ein unschätzbarer Vorteil.

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