Interview Der Datenpapst

Joseph Tucci, Chef des weltgrößten Speicherherstellers EMC, über die Datenlagerung im Internet - und wie Privatnutzer von dieser Technologie profitieren können.

mm:

Mr. Tucci, mein Computer quillt über. Wo soll ich all die Daten speichern, die ich jeden Tag selbst erzeuge oder aus dem Internet ziehe?

Tucci: Wenn Ihre Festplatte im PC nicht mehr ausreicht und Sie nicht ständig mit Disketten oder CDs hantieren wollen, brauchen Sie ein netzwerkbasiertes System.

mm: Bitte was?

Tucci: Ein netzwerkbasiertes System überträgt die Daten - zum Beispiel über das Internet - auf einen Server. Dieser Zentralrechner verteilt die Informationen auf Speichergeräte, wie wir sie bei EMC  herstellen. Von dort können Sie die Daten jederzeit wieder über das Netz abrufen.

mm: Dieses System können auch Privatleute nutzen?

Tucci: Für Endverbraucher entstehen derzeit die ersten internetbasierten Speicherdienste. Unternehmen wie Bertelsmann oder Metro schicken ihre Datenmassen schon lange über firmeninterne Netze in Rechenzentren, die voller Server und Speicher stehen.

mm: Wie groß ist das Gedächtnis dieser Rechner?

Tucci: Unser größtes System kann 70 Terabyte speichern. Das entspricht etwa 70 Millionen Büchern.

mm: Klingt nach einer ganzen Menge.

Tucci: Ist es aber nicht wirklich. Nach einer Studie der Universität Berkeley wird die Menschheit in den nächsten drei Jahren mehr Information erzeugen als in den ganzen 100.000 Jahren ihrer bisherigen Geschichte.

mm: Um all dieses Wissen zu speichern, müssten wir ja ganze Städte mit Datenschränken zupflastern.

Tucci: Um Himmels willen, nein! Die Speichertechnik entwickelt sich rasant weiter. Für die Datenmenge, die wir 2005 in einer Schuhschachtel unterbringen können, hätten wir in den 50er Jahren einen Stellplatz von der Größe Argentiniens benötigt.

mm: Wie entstehen diese Zuwächse in der Speicherkapazität?

Tucci: Die Geräte arbeiten immer schneller. Dadurch können wir auf dem gleichen Raum mehr Informationen zu geringeren Kosten verwahren.

mm: Hängt die steigende Geschwindigkeit mit der Entwicklung der Chips zusammen, deren Rechenleistung sich nach dem Moore'schen Gesetz alle 18 Monate verdoppelt?

Tucci: Die Kapazität von Speichersystemen verdoppelt sich sogar alle zwölf Monate. Einmal weil die Prozessorchips in den Geräten schneller werden. Aber auch weil die Speicherplatten sich mit höherer Geschwindigkeit drehen, die Leitungen immer größere Datenpakete übertragen und die Software effizienter arbeitet.

Mehr Platz in der Wohnung

mm: Was hat Speichern mit Software zu tun?

Tucci: Viel. Software verwaltet die Daten. Sie verteilt die Daten auf verschiedene Speicherplatten und fügt sie wieder zusammen, sie erstellt automatische Sicherheitskopien und führt Updates durch. Mit besserer Software können wir die Leistungsfähigkeit unserer Systeme besonders stark steigern.

mm: Was bringt dem Computernutzer die rasante Entwicklung?

Tucci: Ihr Rechner wird nie wieder überlaufen und eine Menge zusätzlicher Funktionen übernehmen können.

mm: Zum Beispiel?

Tucci: Sie können sich ein digitales Musikarchiv aufbauen und müssen nicht hunderte von CDs im Wohnzimmer stapeln. Oder Sie bewahren all Ihre Urlaubsfotos auf, ohne Ihre Schränke mit Diakästen vollzumüllen.

mm: Mehr Platz in der Wohnung - ist das alles?

Tucci: Sie erhalten nicht nur mehr Raum, Sie gewinnen auch Freiheit und Mobilität.

mm: Wie das?

Tucci: Wenn Sie Ihre Daten zentral in einem netzbasierten System speichern, können Sie von jedem beliebigen Ort und mit jedem beliebigen Gerät darauf zugreifen. Sie spielen im Auto Ihre Lieblingsmusikdateien ab, Sie repetieren auf dem Handcomputer eine Lektion des Italienisch-Sprachkurses, oder Sie aktualisieren im Zug Ihre Präsentation am Laptop.

mm: Wann wird das internetbasierte Speichern so gut funktionieren, dass jedermann es nutzen kann?

Tucci: Bis Privatleute voll in den Genuss der Vorzüge von netzbasierten Speichern kommen, wird es wohl noch etwa fünf Jahre dauern. In Unternehmen werden sich die Systeme bereits in weniger als zwei Jahren durchsetzen.

mm: Sie geben sich sehr optimistisch. Gehen derzeit die Investitionen der Unternehmen in IT-Systeme nicht stark zurück?

Tucci: Ja, wir durchleben im Moment eine schwere Zeit. Vielleicht verschiebt sich durch die Investitionsschwäche die technische Entwicklung etwas nach hinten. Aber der Trend ist nicht aufzuhalten.

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