Kirch-Krise "Wie Kai aus der Kiste"

Die Commerzbank will in den nächsten zehn Tagen ein Konsortium zusammenstellen, das den 40-prozentigen Anteil der Kirch-Gruppe am Springer Verlag übernimmt.

Frankfurt - Der "Fall Kirch" nimmt eine neue Wendung. Die unlängst aufgetauchten Gerüchte über ein Engagement der Commerzbank haben sich bestätigt. Die Bank will in den kommenden Tagen ein Konsortium bilden, das den 40-prozentigen Anteil der hoch verschuldeten Kirch-Gruppe am Axel Springer Verlag für die nächsten Jahre übernimmt.

"Wir wollen den Anteil zusammen mit der Dresdner Bank, der Bayerischen Landesbank und der Verleger-Witwe Friede Springer übernehmen und nach drei Jahren an die Börse bringen", sagte ein Commerzbank-Sprecher am Dienstag und bestätigte damit einen Bericht des "Handelsblatt".

Die genaue Zusammensetzung des Konsortiums und die Quoten der einzelnen Instiute stünden allerdings noch nicht endgültig fest. Die Bank habe das Mandat erhalten und wohl bis zum 10. Mai Zeit, eine Lösung zu finden, erläuterte der Sprecher. "Wir sind zuversichtlich, das zu schaffen."

Zustimmung von Friede Springer erforderlich

Da es sich bei den Springer-Aktien um so genannte vinkulierte Namensaktien handelt, setzt ein Verkauf die Zustimmung von Verlags-Erbin Friede Springer voraus. Eine Verlags-Sprecherin wollte sich zu den jüngsten Entwicklungen nicht äußern. "Bis zu einer endgültigen Entscheidung wollen wir das nicht kommentieren", sagte eine Springer-Sprecherin.

Ursprünglich hatte die bayerische HypoVereinsbank (HVB) angekündigt, den Anteil der Kirch-Gruppe für 1,1 Milliarden Euro übernehmen zu wollen, um ihn Gewinn bringend an einen strategischen Investor zu verkaufen.

Insofern ist das jetzige Engagement der Commerzbank für viele Beobachter eine überraschende Wendung. Ein Münchener Medienexperte sagte: "Das kommt wie Kai aus der Kiste ..." HVB-Chef Albrecht Schmidt hatte allerdings immer betont, die Bank könne von dem Angebot zurücktreten, wenn es ein besseres gebe.

Verluste des Springer Verlags schreckten ab

Die Suche nach einem Investor verlief offenbar schleppend. Zum einen wehrte sich der Springer Verlag gegen einen Partner aus der Branche und favorisierte eine Bankenlösung. So hatte die Witwe von Verlagsgründer Axel Springer in einem Interview einen Einstieg der WAZ-Gruppe kategorisch abgelehnt.

Als weiterer Interessent galt der australische Medienunternehmer Rupert Murdoch. Doch auch der Preis des Pakets erschien einigen Interessenten nach Angaben aus Finanzkreisen angesichts der Verluste des Axel Springer Verlags als zu hoch.

Kein Kommentar von der Deutschen Bank

Falls die Commerzbank in den nächsten Tagen keine Lösung findet, könnte die Deutsche Bank den lukrativen Deal durchziehen. Denn das Paket dient als Sicherheit für den am 12. April fällig gestellten Kirch-Kredit der Deutschen Bank über 720 Millionen Euro. Wenn der Kredit nicht binnen 30 Tagen zurückgezahlt wird, geht das Springer-Paket automatisch an die Deutsche Bank.

Das Kreditinstitut wollte am Dienstag dazu keinen Kommentar abgeben. In der Vergangenheit hatte die Bank aber immer betont, sie sehe ihr Kirch-Engagement als komfortabel abgesichert. "Die Deutsche Bank ist nicht aus dem Spiel. Sie kann bei der Sache nur gewinnen", sagte ein Banker.

BayernLB: Beteiligung würde Sinn machen

Das aktuelle Konzept sieht vor, dass die Commerzbank an dem Paket 40 Prozent übernimmt, die Dresdner Bank 30 Prozent, die Bayerische Landesbank 20 Prozent und zehn Prozent Friede Springer. Die Verlagswitwe, die bereits erklärt hatte, sie könne sich einen Ausbau ihres gut 50-prozentigen Anteils an dem Verlag um ein paar Prozentpunkte durchaus denken, würde dann rund 54 Prozent am Springer-Verlag halten.

Ein Sprecher der BayernLB lehnte einen Kommentar ab. In Bankenkreisen hieß es jedoch, für das halbstaatliche bayerische Kreditinstitut würde eine Beteiligung an einem solchen Konsortium durchaus Sinn machen, da Kredite an die Kirch-Gruppe mit dem Springer-Anteil zweitrangig besichert sind.

TV München vorerst gerettet

Unterdessen wurde bekannt, dass der angeschlagene Münchener Lokalsender TV München (tvm) offenbar in seinem Fortbestand gesichert ist. Nach Auskunft des Präsidenten der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien (BLM), Wolf-Dieter Ring, wird der Sender voraussichtlich einen neuen Investor bekommen.

Es sehe ganz gut aus, dass der bisherige tvm-Eigentümer Thomas Kirch, Sohn von Medienunternehmer Leo Kirch, den Sender mit einem neuen Partner fortführen werde, sagte Ring am Dienstag in München. "Es ist aber noch nicht unter Dach und Fach", fügte er hinzu. Der Lokalsender habe eine realistische Chance auf Fortbestand.

TV.Berlin stellte Antrag auf Insolvenz

Wann der neue Investor präsentiert werden könne, wollte Ring aber nicht sagen. In der vergangenen Woche hatte der Kirch-Lokalsender TV.Berlin einen Antrag auf Insolvenz gestellt.

Auch für die Zukunft des von der Insolvenz bedrohten Kirch-PayTV-Senders Premiere und des defizitären Deutsche Sportfernsehens (DSF) gab sich Ring zuversichtlich. An einem Erhalt des DSF, über dessen Schließung schon mehrfach spekuliert worden war, seien auch Verbände von weniger im Mittelpunkt stehenden Sportarten wie Basketball interessiert.

"Insolvenz von Premiere eröffnet neue Chancen"

Premiere müsse vor allem seine Programmkosten senken, dann werde der Sender auch neue Investoren finden, sagte Ring. Generell könne Bezahlfernsehen in Deutschland durchaus profitabel betrieben werden. "Es gibt in Deutschland genügend Potenzial an Kunden, die für attraktive Inhalte Geld bezahlen", sagte Ring und führte dabei vor allem die Live-Berichterstattung über die Fußball-Bundesliga an.

Eine Insolvenz von Premiere müsse außerdem nicht das Ende sein, sondern eröffne auch neue Chancen. "Eine Insolvenz würde eine Fortführung vielleicht sogar erleichtern", sagte Ring.

Premiere gilt als insolvenzgefährdet, seitdem die Kirch-Kerngesellschaft am 8. April ihre Zahlungsunfähigkeit erklärt hatte. Premiere-Chef Georg Kofler, der den Sender bis 2004 in die schwarzen Zahlen führen will, sucht derzeit nach neuen Investoren.