Microsoft Tödliche Stille

Klammheimlich verabschiedete sich Microsoft von seiner als "Kernstück der .Net-Strategie" gefeierten "Hailstorm"-Technologie. Wird das milliardenschwere Projekt der größte Flop in der Firmengeschichte?

Dass Bill Gates' Pläne für die schöne, neue Microsoft-Welt zumeist als "Revolution" und "End of the World as we know it" bejubelt werden, daran hat man sich so sehr gewöhnt wie an die Tatsache, dass sofort der Widerstand beginnt, die Unkenrufe tönen, die Experten warnen - und sich das Konzept dann meist trotzdem durchsetzt. Echte Bauchlandungen sind dagegen eher selten, und überzeugte "Microsofties" beklagen das zugegebenermaßen oft überzogene "MS-Bashing" frei nach dem Motto "Menschheit gegen Microsoft" (Sun-Chef Scott McNealy).

Seit rund zwei Jahren investiert Microsoft in die .Net-Strategie, die schon bald alle möglichen Services und Gerätschaften miteinander vernetzen soll. Firmenübergreifend und vorzugsweise gegen Zahlung: Microsoft stellte sich vor, sich als Spinne in einem vom Redmonder Unternehmen dominierten Kommerz-Netz etablieren zu können, in dem Microsoft Daten- und Zahlungsverkehr zwischen Endkunden und Dienstanbietern makeln wollte.

Das Instrument dafür hieß zunächst "Hailstorm", was dann aber doch zu sehr an die martialischen Namensgebungs-Gepflogenheiten der US-Armee erinnerte. "Waren Sie schon mal in einem Hagelsturm?", fragte Microsoft-Konkurrent und Sun-Chef Scott McNealy süffisant, "Da prasseln Ihnen innerhalb kürzester Zeit Milliarden Eiskügelchen mit rasender Geschwindigkeit auf den Kopf".

Was, zum Teufel, ist .Net?

Die Häme traf auch deshalb, weil Microsoft lange Zeit nicht erklären konnte, was das eigentlich sein sollte, die ".Net-Strategie". MS-CEO Steve Ballmer und MS-Gründer Bill Gates begannen, um Symphatie für das Projekt zu werben: Es gehe doch nur um Bequemlichkeit, Komfort und Nutzerfreundlichkeit - für Unternehmen wie Endkunden.

Aus Hailstorm wurde "My Services", was nun wirklich freundlich klingt, so "personalisiert". Das Projekt wollte noch immer dasselbe: Die Bestell- und Geldflüsse des Users verwalten, seine E-Mails und Termine, ihm das lästige Eingeben von Passworten und Ähnlichem abnehmen, Firmen im Web Kunden zuführen und umgekehrt - kurzum: Hailstorm/My Services sollte zum Stellwerk im Microsoft-Web werden. "Big Brother!", riefen die Kritiker.

Nicht dass die Konkurrenz nicht ähnlich tickte: Fast zeitgleich stellte Sun seine Sun.One-Strategie vor, die kaum anderes im Sinn hat. Dafür, versichert McNealy, gebe es eine wachsende Zahl von Partnern, Kunden und Unterstützern.

Mit solchen Verlautbarungen warb auch Microsoft, zuletzt noch im März. "Zahlreich" seien die Partner, die fest darauf vertrauten, dass Microsoft die so empfindliche und sicherheitsrelevante Aufgabe mit Bravour meistern würde. Hatte sich Microsoft-Chef Bill Gates - was für ein Zufall - nicht gerade erst mit Verve der hehren Aufgabe verschrieben, aus Microsoft-Software die sichersten Produkte der Welt zu machen?

Überflüssig wie ein Kropf

Das sollte das Fundament werden, auf das Gates seine .Net-Strategie bauen wollte: Sicherheit und Vertrauen. Doch auf einer im gleichen Monat stattfindenden Entwicklerkonferenz ging das Interesse an dem mittlerweile auf den Namen "Persona" umgetauften Projekt so ziemlich gegen null.

"Account Aggregation": Ein riskantes Geschäft

Branchenanalysten sehen dafür vor allem zwei Gründe: Erstens vertrauten die angesprochenen Unternehmen doch nicht darauf, dass Microsoft die Sicherheit der angestrebten gigantischen Datenbanken tatsächlich garantieren könne, und zweitens fehlte ihnen die Motivation, einen Zwischenhändler in ihre Geschäftsabläufe einzubringen. Genau das aber war das Kernstück der .Net-Strategie, an dem Microsoft in zwei Richtungen verdienen wollte: Lizenzgebühren für die nötige Software auf Seiten der Unternehmen, und diverse Zahlungen für Serviceleistungen auf Seiten der Endkunden.

Das klingt nach einer Lizenz zum Gelddrucken und kommt eigentlich - Lizenzzahlung hin oder her - den Interessen der E-Commerce treibenden Unternehmen entgegen. Deren größtes Problem ist nach wie vor, wie die Misstrauensschwelle zu überwinden und der Kunde zur Online-Zahlung zu bewegen wäre.

"Account-Aggregation", die Verwaltung aller entsprechenden Konten der Passworte eines Kunden in einer Hand, scheint da tatsächlich der Königsweg zu sein. Er ist aber auch - sowohl aus Unternehmens- wie Endkundensicht - mit ganz erheblichen Risiken verbunden.

Tobias Hauser und Christian Wenz erklärten das in Deutschlands Computer-Bibel "c't" folgendermaßen: "Aus Verbrauchersicht sind allerdings noch wesentlich schwer wiegendere Bedenken gegen die treuhänderische Verwaltung von Online-Konten angebracht: Die Frage der Haftung bei Fehlern oder Problemen etwa ist vollkommen offen."

Dazu kommen die berechtigten Vorbehalte gegen eine zu große Anhäufung von Informationen über Kunden: "Dass der Account-Aggregation-Anbieter ein umfassendes Bild über die finanziellen Transaktionen seiner Kunden gewinnen kann, liegt in der Natur seines Dienstes. Vor allem bei Kunden mit mehreren Konten und Depots - und gerade diese sind ja Zielgruppe der Anbieter - lassen sich so Daten gewinnen, die eine einzelne Bank nie sammeln könnte. Wenn Account-Aggregation-Anbieter auch noch Versicherungen in ihr Angebot aufnehmen, erhalten sie einen, zumindest im Hinblick auf die finanzielle Situation, gläsernen Kunden."

Ein Umstand, der Hailstorm/.Net fast umgehend zum Lieblingsfeind zahlreicher Verbraucherschutzorganisationen werden ließ. Dabei braucht man noch nicht einmal dem anbietenden Unternehmen bösen Willen unterstellen, wenn man klar machen will, wie riskant das bequeme Geschäft am Ende sein könnten.

EBay und American Express sprangen ab

Noch einmal Hauser/Wenz: "Natürlich sind die gesammelten Daten und Passwörter auf dem Server eines Account-Aggregation-Anbieters ein hervorragendes Ziel für die Angriffe Dritter."

Zwar hatten Unternehmen wie eBay und American Express - hochgradig interessiert an allen Technologien, die Online-Zahlungen und Kontenverwaltung erleichtern - anlässlich der Bekanntgabe der Hailstorm/.Net-Strategie noch ihre Unterstützung signalisiert. Zu Verträgen war es aber offensichtlich nicht gekommen - und schnell änderten auch diese wenigen potenziellen Partner ihre Meinung.

Verantwortliche von American Express sagen inzwischen, sie hätten mit ihren damaligen Äußerungen allein eine generelle Zustimmung zum Konzept integrierter Internetdienste signalisieren wollen. Damit sei aber kein bestimmter Microsoft-Dienst gemeint gewesen.

Anonym kommentierte das ein Microsoft-.Net-Manager gegenüber der "New York Times": "Es gab einen unglaublichen Widerstand von Seiten der Unternehmen" - und gebrauchte dabei bereits die Vergangenheitsform, denn sein Statement kommentiert auch das zwar klammheimliche, aber wohl endgültige Ende der Hailstorm-Strategie. Der Grund dafür: Microsoft war es in rund zwei Jahren nicht gelungen, auch nur einen einzigen Kunden oder Partner für das Projekt zu gewinnen. Ausgehagelt, Bauchlandung, einmal aussetzen.

Auf Seiten der Endkunden jedoch, beteuern Microsoft-Manager, habe das nun an den Realitäten des Marktes gescheiterte Modell durchaus Beifall gefunden. Beifall findet nun allerdings auch das Scheitern, wie ein Blick in diverse Online-Foren zeigt. Bei Slashdot, natürlich notorisch Microsoft-kritisch, überschlagen sich die Postings : Das virtuelle Äquivalent zum Knallen eines Sektkorkens.

Doch Microsoft wäre nicht Microsoft, wenn auf den Absturz nicht das sofortige Rebooten folgen würde: Schon arbeiten die Programmierer daran, aus der Hailstorm-Software, die einst zentral auf MS-Servern liegen sollte, ein Endprodukt zum Verkauf an Unternehmen zu machen, die ihren Kunden umfassende Servicepakete anbieten wollen. Gänzlich unfreiwillig werden die ursprünglich von Microsoft gewählten Nomen damit zum Omen: Wie nach einem Hagelsturm bleiben die Körner vielleicht eine Weile liegen. Das Netz jedoch flattert ziemlich löchrig im Wind.