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Mobile Fahrzeugdiagnose und Autoreparatur via Internet sind auf dem Vormarsch. Aber der heiße Draht zur Werkstatt ist bisher ein Privileg der Oberklasse. Was haben die noblen Onlinesänften zu bieten?

München/Gelsenkirchen - E-Mail-Empfang, aktuelle Verkehrsinformationen und Börsenkurse - auch Autofahrer können unterwegs auf das Internet zugreifen.

Während sich zumindest bei Fahrzeugen der Oberklasse derartige Informations-, Mobilitäts- und Navigationsdienste langsam als Standard durchsetzen, denken die Automobilhersteller an den nächsten Schritt. Sie erproben bereits die Vernetzung des Autos mit der Werkstatt.

Nach Vorstellung der Entwickler sollen Autofahrer schon in absehbarer Zeit über das Internet automatisch benachrichtigt werden, wenn etwa ein Inspektionstermin fällig ist. Im Pannenfall könnten sie online Soforthilfe erhalten. Und die Werkstatt wüsste jederzeit über den Zustand des Fahrzeugs Bescheid, egal wo es sich gerade befindet.

Automobilexperten halten solche Telematikdienste für ein wichtiges Zukunftsthema der Branche und versprechen sich davon eine deutliche Verbesserung des Kundenservice.

Auch bei BMW: Connected Service

Bei BMW wird die Ferndiagnose im Projekt Connected Service vorbereitet. Schon "in naher Zukunft" sollen zunächst bei Fahrzeugen der neuen 7er-Baureihe der Werkstatt Fahrzeugdaten über das Internet zur Verfügung gestellt werden, erklärt Jochen Müller, Pressesprecher für Technologie und Innovationen bei BMW in München.

Anhand der übermittelten Daten - etwa Fehlermeldungen der Bordelektronik - könnten Mechaniker im Pannenfall beurteilen, welches Problem vorliege, erläutert Wolfgang Kasser, bei BMW für das Projekt zuständig. "So lässt sich ein schnellerer Kontakt zu Experten herstellen, und der Kunde weiß sofort, ob er weiterfahren darf oder ein Abschleppen erforderlich ist."

Ein ähnliches System bietet DaimlerChrysler für Modelle der Marke Mercedes-Benz bereits seit dem Jahr 2000 an, allerdings ausschließlich auf Mobilfunkbasis. Bei der als Sonderausstattung erhältlichen "Telediagnose" wird nach Auskunft von Albrecht Eckel, für Telematik zuständiger Sprecher bei Mercedes-Benz in Stuttgart, auf Knopfdruck eine Verbindung mit einem Service-Center hergestellt, um anschließend alle wichtigen Fahrzeugparameter zu übermitteln.

Bei BMW soll hingegen die Datenübertragung Wolfgang Kasser zufolge automatisch erfolgen - per codierter Kurzmitteilung (SMS) über Mobilfunkbetreiber und Internet direkt an den zuständigen Service-Betrieb. Auch bei Fahrten ins Ausland soll dieser Service BMW-Fahrern zur Verfügung stehen.

Noch keine Serienreife in Sicht

Für BMW-Sprecher Jochen Müller ist Connected Service eine konsequente Weiterentwicklung: Beim neuen 7er würden bereits alle wichtigen Fahrzeugdaten im Zündschlüssel gespeichert und beim Werkstatttermin ausgelesen, damit die Mechaniker wissen, welche Wartungsaufgaben zu erledigen seien. Diese Übertragung soll nun "mobil" erfolgen. "Ziel ist es, die Werkstatt nur noch dann ansteuern zu müssen, wenn es wirklich nötig ist."

Auch bei Audi laufen bereits Versuche für entsprechende Internet- und Telematikanwendungen im Auto, bestätigt Udo Rügheimer, Pressesprecher für Produkt und Technik des Automobilherstellers in Ingolstadt. Es sei künftig sicherlich machbar, etwa Inhalte von Fehlerspeichern codiert über GSM-Mobilfunknetze und das Internet zu übertragen. Audi-Techniker hätten auch schon die automatische Anmeldung von Fahrzeugen zu Inspektionsterminen durchgespielt.

"Für unsere Kunden ist das zur Zeit aber noch nicht relevant", sagt Rügheimer. Es sei noch nicht absehbar, wann solche Dienste die Serienreife erlangten. Eine Art "Vorstufe" so einer Internetanbindung sei allerdings schon in Betrieb: Bei Audi Telematics würden auf Knopfdruck per Mobiltelefon aktueller Standort sowie Fahrzeug- und Personendaten zu einem Service-Center übertragen und bei Bedarf eine Sprachverbindung hergestellt. Über diese ließen sich bei Pannen die Probleme schildern.

Volkswagen plant für sein neues Spitzenmodell Phaeton ebenfalls eine Ferndiagnose - allerdings noch "offline": Beim Phaeton-Service, der sich derzeit im Aufbau befindet, muss nach Auskunft von Unternehmenssprecher Jens Bobsien in Wolfsburg der Fahrer noch die nächste Werkstatt ansteuern.

Dort werde das Fahrzeug über ein spezielles Diagnosegerät per VW-Intranet mit Experten im Service-Center in Wolfsburg verbunden. Diese hätten dann Zugriff auf die Fahrzeugdaten. Bei größeren Problemen sei auch eine Bildübertragung möglich.

Durch die Vernetzung von Fahrzeug und Werkstatt würde dem Autofahrer laut Professor Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research (CAR) der Fachhochschule Gelsenkirchen eine Menge Arbeit abgenommen: "Er muss nicht mehr das gesamte Bordbuch durchlesen, wenn irgendwo ein Blinklicht aufleuchtet."

Dudenhöffer glaubt, dass in spätestens fünf Jahren ausgereifte Werkstattkommunikationsprogramme in Betrieb sein werden. "Die Entwicklung geht schneller, als wir uns das denken." Wie Recht er hat, zeigt das Beispiel BMW: Dort forschen Techniker bereits daran, über das Internet nicht nur Fehler in der Bordelektronik festzustellen, sondern auch online zu beheben.

Felix Rehwald, dpa