Kirch-Krise "Der Konzern wird mehr oder weniger versinken"

Wie geht es bei Kirch weiter, und welche Folgen für die Medien-Industrie sind im Falle einer Insolvenz zu erwarten? Bernard Tubeileh, Medienwerte-Analyst der US-Investmentbank Merrill Lynch in Frankfurt, antwortet im Interview mit manager-magazin.de.
Von Andreas Nölting

mm.de:

Herr Tubeileh, welche Folgen hat eine drohende Kirch-Insolvenz für die deutschen Medien?

Tubeileh: Die Medienlandschaft hierzulande wird kräftig aufgemischt. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Kirch-Gruppe als Firma so bestehen bleibt, ist gering. Der ganze Konzern wird mehr oder weniger versinken. Aus der Insolvenzmasse könnten sich dann in- und ausländische Medienkonzerne bedienen. Eines der sehr gern gesehenen Assets bei Kirch ist die ProSiebenSat1 AG . Die bietet eine der wenigen Möglichkeiten, in den deutschen Free-TV-Markt einzusteigen. Daher gehe ich davon aus, dass sich dort die Besitz- und Kontrollverhältnisse bald ändern werden.

mm.de: Werden die Kirch-Investoren Rupert Murdoch oder Silvio Berlusconi nicht doch noch im letzten Moment als Retter einspringen?

Tubeileh: Murdoch wird sicherlich nicht der Retter im klassischen Sinne sein, sondern vor allem eigennützige Motive durchsetzen. Bei Berlusconi frage ich mich, ob er sich wegen seiner politischen Verflechtungen überhaupt eine Übernahme-Chance ausrechnet.

Daneben sehe ich auch amerikanische Medienkonzerne als potentielle Interessenten. Da könnte ich alle großen Namen nennen. Ferner sind natürlich die deutschen Medien-Unternehmen sehr wach. Man kann sich etwa vorstellen, dass für den Springer-Verlag eine Mehrheit bei ProSiebenSat.1 sehr interessant sein könnte.

Wer sind die Gewinner der Kirch-Krise?

mm.de: Wer sind die Gewinner einer möglichen Kirch-Insolvenz?

Tubeileh: Der deutsche Medienstandort wird zwar kurzfristig beschädigt. Anderseits zieht jetzt endlich mehr Marktwirtschaft ein. Bei den Sport- und Filmrechten etwa fällt die Kirch-Gruppe als Käufer in der Zukunft weg. Das könnte sich bei den Filmpreisen positiv bemerkbar machen. Filmrechte aus den USA dürften künftig billiger werden.

Und auf der Werbeseite könnte die RTL-Gruppe profitieren. Die Werbekunden sagen nun, wir schalten künftig lieber bei RTL. Denn bei ProSiebenSat.1 wissen wir nicht genau, was kommen wird. Gewinner dürften die sein, die es schaffen in den Free-TV-Markt zu kommen. Und natürlich auch die Verbraucher, die mehr freie Programmangebote erhalten könnten.

mm.de: Wer außer den Kirch-Beschäftigten sind die Verlierer? Wie etwa ist EM.TV (Kurswerte anzeigen) betroffen?

Tubeileh: EM.TV könnte den 16,7 Prozent-Anteil an der Formel 1 verlieren. Wir müssen allerdings noch sehen, welche Kirch-Firma genau Insolvenz anmeldet. Die entscheidende Frage ist: Wenn Kirch-Media zahlungsunfähig wird, fällt dann die gesamte Gruppe zusammen? Ich befürchte, dass EM.TV nicht viel Wert aus ihrer Formel-1-Beteiligung herausholen kann.

mm.de: Glauben Sie noch an eine Rettung? Wird es doch noch zu einer Bankenlösung kommen?

Tubeileh: Im Mediengeschäft ist alles sehr kurzfristig. Vieles basiert auf taktischen Strategien. Vielleicht möchte einer der Investoren - etwa Murdoch - die Banken zu ihrem Limit bringen. In letzter Minute sagt Murdoch dann: Ok, ich mache es. Dann erhält er von den Banken die besten Konditionen.

Ein solches Szenario möchte ich nicht ausschließen. Es scheint aber sehr unwahrscheinlich zu sein. Die Situation ist momentan konfus. Vielleicht sind dies allerdings absichtliche Nebelaktionen der Beteiligten.

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