Axel Springer Verlag Wie Döpfner Leo Kirch ins Trudeln brachte

Vorstandschef Mathias Döpfner will beweisen, dass er mehr drauf hat, als nur Glück zu haben. Nun macht er mit Leo Kirch, dem alten Widersacher des Hamburger Verlags, kurzen Prozess.
Von Klaus Boldt

Um die Stimmung ein wenig zu verdeutlichen, warf Gott der Herr an diesem Februarabend gegen halb acht eine Hand voll kalten Regen über Berlin-Mitte ab. Genau über der Kochstraße, wo der berühmte Axel Springer Verlag (ASV)  seine Zentrale und Mathias Döpfner im 17. Stock seinen netten, modernen Amtssitz hat.

Hierzu muss man wissen, dass der ASV mit seinen 314 in- und ausländischen Fachorganen wie "Bild" und "Welt" und "Bild am Sonntag" und "Hörzu" die größte Meinungsmaschine des Kontinents, aber auch eine restlos verkorkste Firma ist.

Man muss überdies wissen, dass Mathias Döpfner gekommen ist, um diese Mediennaturgewalt und ihre 3555 Redakteure, 7385 Verlagsangestellten, 1662 Facharbeiter und 1467 Fachhilfsarbeiter zu retten. Sehr knifflig.

Wenn der Springer-Chef jetzt zum Beispiel aus seinem Bürofenster und durch den wehenden Perlenvorhang aus roten, weißen, gelben, grünen Straßenlichtern nach unten schaute, könnte er eine interessante Betrachtung anstellen: Warum bauen wir ein Medienzentrum, das niemand braucht, für 170 Millionen Euro, die niemand hat?

Bei Springer geschehen unentwegt Dinge, die teuer, aber nicht mehr aufzuhalten sind.

Das Chaos geht zurück auf die Großaktionärin Friede Springer (59; 50 Prozent plus eine Aktie) und - bald vorbei, schon fast passé - Leo Kirch (75; 40,3 Prozent). Die Mediengewaltigen sind einander in tiefer Abneigung zugetan und sich auch darin ähnlich, dass sie vom Verlagsgewerbe keine Ahnung haben und dies auch offen zugeben, sobald man sie fragt.

Weil Leo Kirch aber ständig versuchte, die Kontrolle über den Großverlag zu übernehmen, musste Friede Springer ihn ständig abwehren. Daraus entwickelten sich teure Hobbys: gegenseitiges Blockieren. Und Personalwesen!

14 Vorstände und 6 Vorstandschefs hat der Konzern seit 1989 verschlissen, 45 Millionen Euro an Abfindungen gezahlt. Bis Ende 2001 spukte ein so genannter Gus Fischer an der Verlagsspitze; ein Mann, der alles verdoppeln oder verdreifachen wollte, stattdessen aber nur alles halbierte oder drittelte, und dem das Desaster so zwangsläufig folgte wie die Nacht dem Tag. Mit bis zu 12 Millionen Euro meinte der ASV diesen Zirkus honorieren zu müssen (siehe "August Fischer - der Top-Verdiener").

Die gesamte Gilde leidet unter der Werbekrise und hohen Papierpreisen. Aber kein zweites Medienhaus hat es so erwischt wie den ASV, Europas größtes, der Republik stolzestes Zeitungshaus: Erstmals macht das Unternehmen (Umsatz: 2,86 Milliarden Euro) Verluste: 191 Millionen Euro; erstmals auch seit 1991 schüttet es keine Dividende aus. Nahezu alle Geschäftszweige stecken in Schwierigkeiten (siehe "Springers Sparten").

Döpfners Devise, getreu Jack Welch: "Restrukturieren, verkaufen oder einstellen". Sonderzahlungen für Führungskräfte werden gekürzt, Redaktionen zusammengelegt, Internet-Projekte eingestellt. Jeder zehnte der 14.000 Jobs wird bis Ende 2003 gestrichen. "Ob das genügt", sagt Döpfner, "wird von der weiteren konjunkturellen Entwicklung abhängen."

Die Aussichten sind trübe: Controller fürchten steigende Verluste.

Kurzer Prozess mit Leo Kirch

Trendforscher rätseln: Ist Döpfner der richtige Mann? Zeit seiner Karriere sah er sich vielerlei Verdächtigungen ausgesetzt - nicht nur der, ein musisch interessierter Mensch zu sein, der unter Beweis gestellt hat, dass wirtschaftliche Effizienz nur bedingt zu seinen Stärken gehört.

Warum er dennoch der Allerbeste sei, erklärt Verlegerwitwe Friede Springer gegenüber dem manager magazin so: "Weil er Journalist und Manager ist. Als Manager weiß er, dass das Unternehmen verändert werden muss. Als Journalist weiß er, welche Veränderungen er dem Verlag zumuten kann, ohne ihn in seiner Substanz zu beschädigen."

Beobachter vom Fach stellen verblüfft fest: Döpfner, in all seiner Sparwut und Sanierungsekstase, mutet dem Verlag mehr zu als jeder Vorstandschef vor ihm. Doch selbst Skeptiker attestieren: Er macht eine erstaunlich gute Figur dabei.

Einem breiteren Publikum bekannt wurde der Zwei-Meter-Mann, als er mit dem lästigen Gesellschafter Leo Kirch kurzen Prozess machte - wozu ihn im Übrigen auch das Aktienrecht verpflichtete:

In einer Ad-hoc-Meldung vom 30. Januar hieß es, der ASV werde "die mit der Kirch-Gruppe vereinbarte Option zum Ende der vorgesehenen Frist ausüben und damit ihre mittelbare Beteiligung an der Pro Sieben Sat 1 Media AG  von rund 11,5 Prozent verkaufen". Historische Worte.

Döpfners Forderung von knapp 800 Millionen Euro löste den Kollaps der Kirch-Gruppe aus, versetzte die Gläubiger in Panik und veranlasste Leo Kirch ("Es tut sich Großes momentan"), in einem rasenden Versuch der Schuldentilgung genau das zu tun, was Döpfner und sein Ressortleiter Finanzen, Steffen Naumann, bezweckt hatten: Kirch stellte seine ASV-Beteiligung zum Verkauf.

Kaum einer rechnet noch damit, dass die Kirch-Millionen je auf den Verlagskonten landen: Der irrlichternde Döpfner-Vorläufer Fischer hat das Geschäft nicht mit einer Bankbürgschaft unterlegt. Döpfner beauftragte deshalb vorsichtshalber die Anwaltskanzlei Shearman & Sterling mit einer Leistungsklage gegen Kirch und erwägt gar einen Konkursantrag.

Vielleicht, hofft Döpfner, kann er seine Forderung an Kirch sogar gegen eine knappe Mehrheit des ASV an der börsennotierten Pro Sieben Sat 1 Media tauschen und mit einem Streich zur großen Nummer im hiesigen Fernsehgeschäft werden.

Die Chancen freilich sind gering. Niemand weiß dieser Tage, was noch der Kirch-Gruppe oder schon ihren Gläubigern gehört. Ohne Zustimmung der Banken darf Kirch keine Vermögenswerte veräußern.

Döpfners Coup war ebenso schlicht wie bestechend: "Dass wir eine neue Aktionärsstruktur bekommen, ist schon ein Riesensieg", sagt ein Vertrauter des Chefs. Die Kasse allerdings bleibt leer. Für Döpfner ist in naher Zukunft allenfalls hie und da eine kleine Expansion möglich.

Interesse besteht am Kauf von Programmzeitschriften, die der Essener Mediengruppe WAZ gehören, wie "Gong" und "TV Direkt".

WAZ-Anführer Bodo Hombach reiste in Berlin bereits mit einer Preisvorstellung an: rund 50 Millionen Euro. Am 5. März wurde der Deal im ASV-Vorstand diskutiert: zu teuer.

Große Sprünge sind nicht drin. Der Konzern, meldete Döpfner intern, habe "über seine Verhältnisse gelebt". Zu wenige Projekte der vergangenen Jahre seien erfolgreich: "Zu viele strategisch nicht zentrale Aktivitäten schleppen wir weiter, zum Teil ohne jede Perspektive."

Der Lange und seine Kritiker

Die schonungslose Überprüfung des Portfolios gehe weiter. Hochrangige Springer-Manager sind vom Wirklichkeitssucher Döpfner angetan: "Viele von uns haben sich in ihm getäuscht."

Der gebürtige Bonner hat Musikwissenschaft studiert, wurde Redakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Chefredakteur der "Wochenpost", Chefredakteur der "Hamburger Morgenpost", Chefredakteur der "Welt", Vorstand Multimedia und Zeitungen des ASV, im Januar Vorstandsvorsitzender. Von seiner ersten Chefredaktion bis zum Vorstandsvorsitz brauchte er acht Jahre.

In schlechter Erinnerung bleiben seine Kommandos bei den Gruner + Jahr-Publikationen "Wochenpost" und "Hamburger Morgenpost", wo sein Wirken erst folgen-, dann erfolglos blieb. Als "Teflon-Döpfner" rügten ihn "Focus"-Aufpasser, weil kein Misserfolg an ihm haften wollte.

Auch über seine Leistungsstärke an der Redaktionsspitze von Springers Millionengrab "Welt" wurde gemosert: Er habe Ansehen, Auflage, Anzeigenaufkommen des Blattes erhöht - aber auch die Verluste auf zuletzt fast suizidale 50 Millionen Euro.

"Verdammte Scheiße", haut es da aus Döpfner raus. Ein Ausruf, an den er sich, kaum ausgestoßen, aber nicht mehr erinnern will. Man muss doch investieren! Genutzt hat es nichts: "Das war schon seit vielen Jahren klar: Rein aus sich selbst heraus wird die 'Welt' schwerlich profitabel."

Nun werden "Welt" und die gleichfalls marode "Berliner Morgenpost" (Verluste 2001: zehn Millionen Euro) zwangsfusioniert. 260 Stellen fallen weg. "Davon geht die Welt nicht unter ... aber vielleicht die 'Berliner Morgenpost'", herrjeminete die "Süddeutsche Zeitung".

Der Lulatsch macht es seinen Kritikern leicht. Er bietet ein gutes, großes Ziel: Etwas Kapriziöses umflort ihn und dieser gewisse Etepetetismus, der die schönen Töchter reicher Väter entflammt und dann wieder bei Damen ab Mitte 50 gut ankommt.

In einem Augenblick kann sich Döpfner auratechnisch vom gefühlskalten Manager in eine Romanfigur von Scott Fitzgerald verwandeln und seinen mörderischen Blick anwerfen: In der wahren dunklen Seele, funkt er, ist es immer drei Uhr früh.

Seine Art Strahlkraft, bemerken Sachverständige eifersüchtig, habe großen Anklang bei Frau Springer gefunden, mithin seiner Berufung zum Vorstandschef nicht eben geschadet.

Die Sehnsucht nach Führung

Aber wer wollte ihm das gute Verstehen mit dem Hauptgesellschafter zum Vorwurf machen - die Ethikkommissare, die Moralpolizei?

Döpfners kaltherziges Vorgehen beim Rausschmiss von Leo Kirch hat ihm intern großen Respekt eingetragen; sein ausgeprägter Wille zur Führung imponiert.

Lange Zeit konnte sich der ASV auf seine zweite Managementebene verlassen. Während es im Vorstand drunter und drüber ging, verrichteten Chefredakteure, Verlagsleiter, Direktoren ihre Arbeit zum Ruhme des Hauses: verwalteten, druckten, verlegten, schrieben, intrigierten, recherchierten, hauten auf den Putz, machten Springer-Presse.

Rennpferde, die auch ohne Jockey den Weg über die Ziellinie fanden. Das war gar nicht so schlecht, aber auch nicht so gut wie erhofft: Schon 2000, als die Innung ihr Boomjahr feierte, dämmerte Springer hinüber in die Grenzgebiete von Soll und Haben: Der Gewinn sank um ein Drittel, die Umsatzrendite auf 34 Promille.

Das Haus, sagt Döpfner, habe "ein Bedürfnis nach langfristiger Führung entwickelt". Er fackelte nicht lange:

Die grauen Granden, eine Führungsschicht, die sich jenseits aller Hierarchien abgesetzt und Haus- und Personalpolitik zelebriert hatte, wurden entmachtet, Kirch-Anhänger systematisch aussortiert.

Im Aufsichtsrat ersetzte Giuseppe Vita, einst Chef des Pharmakonzerns Schering, den Springer-Veteranen, Strippenverknoter und angeblichen Kirch-Anhänger Peter Boenisch.

Den Vorstand besetzte der virtuose Networker Döpfner mit einer Buddygard, an deren unternehmerischer Qualität viele (Konkurrenten) Zweifel hegen, die er, Döpfner, aber für die beste der Welt hält: Chefkämmerer Steffen Naumann (34) und Zeitschriftenvorstand Andreas Wiele (39) warb er vom Ex-Arbeitgeber Bertelsmann ab. Als Vorstand Buch und Elektronische Medien verpflichtete Döpfner seinen Freund Hubertus Meyer-Burckhardt (46), Talkmaster und TV-Produzent. Das Verlagsestablishment stimmte Döpfner gewogen, indem er den angesehenen Technikchef Rudolf Knepper (56) zu seinem Stellvertreter beförderte.

So zeigt Springer erstmals seit Jahren - allen Millionenverlusten, aller Sanierungsqualen zum Trotz - ein deutlich gestiegenes Selbstbewusstsein. Ruhe ist eingekehrt. Ein gewisser Stillstand freilich auch.

Döpfner verfügt über mehr Macht als alle seine Vorgänger. Doch seine Gestaltungsmöglichkeiten sind gering. Die strategische Neuausrichtung des Hauses steht aus, bis die Gesellschafterverhältnisse geklärt sind: "Dies ist kein Jahr großer Fantasie."

Döpfner lacht nicht.

Es gibt nichts zu lachen.

Gewisse Dinge sind nicht aufzuhalten, andere rühren sich gar nicht.

Es war, als zollte der Regen nieselnd Beifall, und Berlin-Mitte stellte ihm als Chorbegleitung viel Dunkelheit zur Verfügung.

Überblick: Springers Sparten in ernsten Schwierigkeiten mm-Rat: Die ASV-Aktie


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