Kanzler-Website Schröder und sein Adler

Gerhard Schröder hat - wie viele seiner Landsleute - eine eigene Homepage. Der Kanzlerbonus bringt es mit sich, dass diese öfter gefunden und gelesen wird als die meisten anderen. Und siehe da: Die frisch erneuerte Website hat viel zu bieten.

Das mit der Macht ist so eine Sache. Dereinst im letzten Wahlkampf konnte Gerhard Schröder mächtig punkten mit all den Dönnekes und Legenden, die sein Image als volksnaher Politiker prächtig pflegten: Kam er nicht aus einfachen Verhältnissen? Hatte er nicht an den Gitterstäben des Kanzleramtes gerüttelt?

Na, so was von menschlich - daran war man in der Kohlokratie ja gar nicht gewöhnt!

Dann kam das Amt, und mit ihm die Bürde: Jetzt musste repräsentiert werden, Staatsmann musste er sein, höchster Entscheidungsträger - gelegentliche Ausflüge zur wiederentdeckten Verwandtschaft und ein im Kölner "Express" Familiengeheimnisse ausplaudernder Halbbruder ("Seinen ersten Anzug hatte er von mir") reichen längst nicht mehr, Schröders Volksnähe gebührend und Wählerstimmen bringend zu demonstrieren.

Da kam die Cebit gerade recht, um die frisch polierte Kanzler-Homepage vorzustellen. Auch dort gibt es zwar die salbungsvollen Worte, bei denen man selbst beim Lesen des Kanzlers sonores Organ zu hören vermeint. Aber wer sich jetzt von Eingangsseite oder Kanzlerbrief ("Mir gefällt die Seite gut - ich hoffe, Ihnen auch") abschrecken lässt, der verpasst etwas.

Denn der Kanzler hat was zu bieten

Als erster deutscher Politiker scheint Schröder (oder sein Beraterstab) begriffen zu haben, dass das WWW kein Medium zur Veröffentlichung ungedruckter Hochglanzbroschüren ist. Bundeskanzler.de kommt ganz anders daher: Erstaunlich pfiffig, humorig und interaktiv.

Ob man jetzt wirklich einen "virtuellen Assistenten" wie den Bundes-IT-Adler "Findulin" brauchte, wo man gerade mit Mühe und Not die beknackte, ständig dazwischen plappernde Büroklammer in Microsoft Word losgeworden war, darüber kann man geteilter Meinung sein. Der Kanzler hat jetzt einen Adler, und der soll nicht nur Sympathie, sondern den Website-Besucher auch hilfreich durch die Seite tragen.

Kanzler interaktiv

Die hat das gar nicht nötig: Des Kanzlers Homepage ist klar strukturiert und versteckt ihre Schätze nicht allzu tief. Neben den selbstverständlichen Pflichtbestandteilen zu Amt, Regierung und Land bietet sie echte Bonbons und Schätze.

"Kanzler interaktiv" ist so ein Menüpunkt, der eine Menge verspricht - und genügend hält. Witzig und erfrischend unprätentiös die Möglichkeit, mit Kanzler-Konterfei verzierte E-Cards in alle Welt zu verschicken: Schröder hat offensichtlich nicht verlernt, sich selbst auch mal locker auf die Schippe zu nehmen. Ob der verheißungsvolle Menüpunkt "E-Mail an den Kanzler" tatsächlich den unmittelbaren Dialog mit ihm eröffnet, ist natürlich fraglich, der Ansatz trotzdem löblich: Einen Referenten zu erreichen, der in Kanzlers Namen Antworten geben darf, ist weit mehr, als alles, was Otto-Normalbürger so gewöhnt ist.

Erfrischend: Die Kinderseiten "Kanzler für Kids". Von sachlich ("Regierungsfibel") bis verspielt ("Minister Klick") reicht das kleine, aber feine Spektrum. Hut ab, Kanzler, das hat was.

Abgekupfert beim japanischen Kollegen Koizumi, aber trotzdem gut ist auch das Feature "Die Woche des Kanzlers", ein Newsletter, der über Schröders Terminkalender informiert. Schöne Ansätze, die Transparenz demonstrieren sollen und den Eindruck vermitteln, dass hier tatsächlich etwas von Schröders Persönlichkeit durchscheint: Fast hatten wir vergessen, dass man ihn einst den "Medienkanzler" nannte. Das hat schon seinen Grund - und der Wahlkampf offensichtlich begonnen.

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