Selbstdarstellerinnen Tatsache, nackte Tatsachen

Künstlerisch motivierter Exhibitionismus vor der Webcam oder barer Unfug? Im Web nutzen Künstlerinnen den "Sex-Klickreflex", um ihre Arbeit populär zu machen. Oder sich?
Von Matthias Penzel

Vor etwas mehr als zehn Jahren hob die National Science Foundation ihre Restriktionen gegen Betriebe und Unternehmen auf. Bis 1991 verbat die "Acceptable Use Policy" jedwedes kommerzielle Agieren im World Wide Web, das Tim Berners-Lee für den Gedankenaustausch unter Physikern kreiert hatte.

Wie es weiterging, ist bekannt. Durch die Weiten des Webs fluten seither neben Tagebuchaufzeichnungen und Listen privater Schallplattensammlungen sowie - statt Physik und Elementarteilchen - Fotografien voller physischer Wunder.

Das Internet funktioniert ja in beide Richtungen - als Bühne für Mitteilsame, aber auch als Tummelplatz der "Lurker", die im Dunkel am Bildschirm sitzen und vor sich hinschmunzeln. Was seit Adam und Eva gilt, seit der Erfindung des Schamgefühls, funktioniert auch im Web: Sex sells.

Genau das machen sich zwei Künstlerinnen zunutze. Carol Muskoron und Io Illy stellen ihr Schaffen online aus. Und mit den Werken sich selbst - bei der Arbeit und so, wie sie Gott geschaffen hat.

Mittel zum Zweck

Tatsache, nackte Tatsache: Madame Illy und Mrs Muskoron entblößen sich - anders als die "Enthüllungsjournalistinnen" von Naked News  - jedem, der ihnen im Gegenzug Interesse und Zeit offeriert. "The Naked Novelist" Carol Muskoron zeichnet mit ihrer Webcam täglich einen Zwei-Minuten-Clip auf, die Malerin Io Illy Momentaufnahmen ihrer selbst und ihrer Arbeit.

Sie machen dies nicht aus purer Lust am Exhibitionismus - wie etwa Jennifer Ringley  ("JenniCam"), bei der seit April 1996 mehrere Kameras nonstop laufen und die inzwischen schon ihre eigene Fernsehshow hat.

Carol und Io zeigen sich nur bei der Arbeit - um etwas zu verkaufen. Das und der Umstand, dass sie sich splitterfasernackt ausstellen, unterscheidet sie von den Netaholics  um den Mainzer Webdesigner Bernd Frank, für die das Zeigen über eine Webcam Selbstzweck ist.

Der Webauftritt der nackten Künstlerinnen ist textil- und gebührenfrei, aber nicht selbstlos. "The Naked Novelist"  erhielt für ihren ersten Roman Absagen, der zweite "kam bei Verlegern hervorragend an. Doch man sagte mir, wir bräuchten einen Gimmick, irgend etwas fürs Marketing - nakednovelist.com ist dieses Etwas, der besondere Dreh".

Das Resultat ihrer Selbstinszenierung ist, wie alles in der World-Wide-Web-Welt des E-Publishing, ablesbar: "Nach Radio-Interviews oder Artikeln wie in der 'Sunday Times' und 'Washington Post' habe ich in der Stunde bis zu tausend Visitors. Da ich mich zurzeit mehr um den Roman als das Bewerben der Website kümmere, sind es zurzeit ein- bis zweitausend Besucher täglich."

Kunst macht Kirmes

Das Gros des Publikums, das seit Mai 2001 in den schöpferischen Prozess Einblick bekommen möchte, scrollt an den Textmengen - Short Storys, Fan-Mail und so weiter - vorbei und geht direkt zu dem (unter K verbuddelten) RealPlayer-Link. Viele Besucher sind noch nicht einmal des Englischen fähig.

Sie sind des Englischen sogar so unfähig, dass sich "The Naked Novelist" das Camden College of English als Sponsor angelacht hat. Die Londoner Hochschule informiert über ihre Arbeit und spendet Nippel-Sticker. Die Wirkung, das Täglich-Brot des Schriftstellers, ist beachtlich. Ein Nachahmer - der "Naked Poet" - hat einen Gastauftritt, die Journalistin Marilyn Davis spielt mit dem Gedanken, www.nakedhumorist.com zu launchen. Muskorons Schwiegermutter erfuhr von dem Gimmick in der Zeitung - und gestand der Schwiegertochter, dass sie alle ihre Papierarbeiten nackt erledigt - ein interessanter "Vererbungsweg".

Was bisher an die 150.000 Besucher zu lesen und zu sehen bekamen, ist so auf- und erregend wie das Gros des alljährlichen Belletristikausstoßes: "The Naked Novelist" wackelt mit dem Oberkörper ein wenig hin und her, streckt sich ein paar Mal so, wie das Frauen eben machen, wenn sie sich vor einer Kamera und entblößt wähnen, nach spätestens 30 Sekunden erinnert sie sich, wie dämlich das alles ist, wie verzweifelt die Tat. Sie fingert nicht länger über die Tasten oder durch ihre Locken: Stattdessen sausen die Ellbogen danieder, und sie vergräbt - lachend, stets lachend - das Gesicht in den Händen. Wer schreibt, grübelt eben auch. Das Grübeln dauert nie allzu lange. Nach knapp zwei Minuten verebbt der tägliche Hormonförderer.

Io Illys Sendeplan  ist ähnlich. Als darstellende Künstlerin bemalt und modelt sie - vor der Leinwand, aber auch umhüllt in Seidenmalerei. Einblicke in ihr Werk und Werken ("Ich komme auf 10.000 Hits täglich") offenbart sie seit Oktober 1998 mit Schnappschüssen. "Ich bekomme über 50 E-Mails am Tag, keine war schockierend. Komisch, non?"

Und manche Mails kommen nicht von Fans, sie kommen von Agenten.

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