KarstadtQuelle/Sony Im Club der TV-Visionäre

Ein Blick in die Zukunft: Die beiden Konzerne demonstrieren auf der Cebit ein erstes Angebot für interaktives Digital-TV.

Berlin/Essen - Sony und KarstadtQuelle laden die Besucher der Cebit ein, schon mal einen Blick in die Zukunft des Fernsehens zu werfen, denn die ist interaktiv. Die beiden Konzerne haben sich zusammengetan, um ein gemeinsames Angebot für interaktives, digitales Fernsehen zu entwickeln. Und damit gehören sie in Deutschland zu den Vorreitern.

"Wir sehen ein enormes Potenzial, um dem Fernsehzuschauer echten Mehrwert zu liefern", sagte Christian Seifert, Vorstandsmitglied von KarstadtQuelle New Media, gegenüber manager-magazin.de. Auf der Cebit präsentiert das Unternehmen einen Spot des Reiseexperten Neckermann. Während der Film gezeigt wird, kann sich der Zuschauer per Fernbedienung in den Bestellbereich klicken und die Reise sofort buchen.

"Das ist vom Prinzip so ähnlich wie bei Videotext, da hatte man auch die Möglichkeit, sich in einen anderen Bereich zu bewegen, um Infos zu erhalten", sagte Seifert. Doch natürlich ist interaktives Fernsehen mehr. Dort muss der Zuschauer nicht zum Telefonhörer greifen, um seine Bestellung abzugeben. Ein Tastenklick und schon ist der Wunsch Befehl. "Wir haben dabei unsere Erfahrungen aus dem Internet genutzt, um dieses Angebot zu entwickeln", erzählte Seifert. "Fehler, die im Internet gemacht wurden, wollen wir nicht wiederholen."

Bevor die interaktiven Projekte - vom Quiz bis zur Werbung einschließlich der Bestellung - tatsächlich Marktreife erlangen, wird allerdings noch einige Zeit vergehen. Bislang gibt es nur wenige Zuschauer, die überhaupt über einen Zugang zum digitalen TV verfügen, ganz zu schweigen von einem rückkanalfähigen TV-Kabel.

MHP – weltweiter Standard

So hängt die TV-Zukunftsvision vor allem von der fortlaufenden Entwicklung der Technik ab. Das KarstadtQuelle-/Sony-Projekt basiert dabei auf dem Standard Multimedia Home Platform (MHP) für digitales, interaktives Fernsehen. Weltweit wird MHP von mehr als 300 Mitgliedern der Digital Video Broadcasting-Gruppe (DVB) unterstützt. Darunter befinden sich Sony, Philips, verschiedene Softwarehäuser, Canal Plus, diverse deutsche TV-Sendern und eben KarstadtQuelle. Für interaktives Fernsehen ist der offene Standard MHP sozusagen das Betriebssystem, das in die Set-Top-Boxen oder direkt ins Fernsehgerät implementiert wird.

Nach Liberty - wer rüstet das TV-Kabel auf?

In der Presse wurde der Standard im Zuge der Kaufpläne von Liberty Media, das die Mehrheit an dem TV-Kabel der Telekom übernehmen wollte, heftig diskutiert. Während sich im vergangenen September in Deutschland die einmalige Situation ergab, dass sich unter anderem die konkurrierenden TV-Sender ARD, ZDF, RTL und die KirchGruppe auf den MHP-Standard einigten, lehnte der US-Kabelbetreiber Liberty Media den Standard hier zu Lande ab - unter anderem aufgrund der Anlaufkosten für die Ausstattung des Kabels und der Set-Top-Boxen.

Ob sich ein neuer Käufer des TV-Kabels der Telekom ebenso gegen den Standard, der mit einer Entwicklung von Microsoft konkurriert, entscheidet, wird sich zeigen. Beschlossene Sache ist MHP, dessen Kernelemente übrigens Microsoft-Erzfeind Sun Miscrosystems liefert, unter anderem in Finnland. Genauso hat sich die Gruppe von Kabelnetzbetreibern in den USA unter dem Namen CableLabs für MHP ausgesprochen. Ihr gehört auch Liberty-Chef John Malone an.

Rückschlag für Digital-TV

In Deutschland wird der Rückzug Libertys Folgen haben, vermutet Seifert: "Wahrscheinlich wird der Rückzug von Liberty eine zeitliche Verzögerung bei der Entwicklung und Verbreitung des digitalen, interaktiven Fernsehens mit sich bringen." Das Vorstandsmitglied von KarstadtQuelle New Media schätzt dennoch, dass bis 2005 zehn bis fünfzehn Prozent der Haushalte einen Zugang zum digitalen Fernsehen haben werden. Eine gewagte Prognose angesichts des Misserfolgs von Kirchs Digital-TV Premiere World. "Man muss immer an den Kunden denken, sonst wird es das Digital-TV sehr schwierig haben", meint Seifert. Dazu müssen wohl alle Beteiligten künftig sehr eng zusammenarbeiten. Alles eine Frage des Preises.

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